Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Die Bushies sind da, 15.6.2001


Das ist ein Zusammenstoß der Kulturen, der sich gewaschen hat: die Bushies, mit dem texanischen Todesstrafen-Befürworter George W. an der Spitze und dem Old Boys Network beinharter Kalter Krieger im Hintergrund, treffen auf den buntesten Politikerreigen, den Europa seit langem gesehen hat. Den ehemaligen Straßenkämpfer Joschka Fischer, Ex-Juso Gerhard Schröder und den langjährigen Trotzkisten Lionel Jospin zählt die "Süddeutsche Zeitung" auf. Den italienischen Ministerpräsidenten mit dem Duft der Mafia, einen Ex- Kommunisten an der Spitze Polens und den in den Fußstapfen des in Washington jetzt so ungeliebten Bill Clintons wandelnden Tony Blair könnte man dazuzählen. Gegen den Vietnam-Krieg, der für Außenminister Collin Powell das prägende Erlebnis war, hat ein Großteil der europäischen Regierungschefs in der Jugend demonstriert. Für die konservativen Hardliner um Bush sind das Lebenswege von einem anderen Stern.
Schon lange nicht waren Europa und Amerika politisch so weit auseinander. Sogar in Großbritannien, traditionell synchron mit den politischen Trends jenseits des Atlantiks, gehen die Uhren diesmal anders. Während in Washington das größte Steuersenkungsprogramm seit Jahrzehnten abgesegnet wird, schicken sich die neuen (und alten) Labour-Herren in London an, ganz altmodisch sozialdemokratisch die Staatsausgaben für Schulen und Spitäler zu erhöhen.
Dazu kommt der offene Krach um den Klimaschutz und die von Bush's Hardlinerflügel um Pentagonchef Donald Rumsfeld gepushte Version des "Kriegs der Sterne". Sogar unter dem massiven Druck Collin Powells ließen sich die sonst so einsichtigen NATO-Außenminister Ende Mai in Budapest nicht zur Erklärung bewegen, man sehe zukünftige Raketen aus dem Irak, dem Iran, Lybien oder Nordkorea als "gemeinsame Bedrohung" an.
Die neue amerikanische Führung trifft gleichzeitig auf einen Kontinent, der alle in den USA verbreiteten Stereotypen über die Europäer bestätigt. Wenn man sich mit den Europäern auf etwas einigen will, dann ist das Hauptproblem, daß sie selbst nie einig sind, spöttelte erst kürzlich Madeleine Albright in der "New York Times". Die Entscheidungsebenen in der EU sind so zahlreich wie undurchsichtig. Das Mammutprojekt der Erweiterung droht im kleinlichen Hick-Hack um Fristen und Subventionen unterzugehen. Fast scheint es, als ob auch der Quantensprung der gemeinsamen Währung den erhofften Antrieb zur politischen Vereinigung nicht - oder zumindest noch nicht - liefern kann. So wird auch die freudige Hoffnung auf eine euro-freundliche zweite Amtszeit Tony Blairs durch das Debakel des irischen Referendums zunichte gemacht.
In dieser Situation ist die Versuchung groß, die schwächliche europäische Identität durch eine kräftige Dosis populären Antiamerikanismus aufzupäppeln. Wie einfach wäre das doch: europäische Kultur und Humanität gegen Todesspritzen und Cowboy-Stiefel, die heimelige Sicherheit des Sozialstaates gegen das rücksichtslose neoliberale Diktat der Wall Street, der Euro als Waffe gegen die Weltherrschaft des Dollars . Mit dem zum Konkurrenten mutierten Großen Bruder USA hätten die Europäer endlich jenen Außenfeind, den man zur Überwindung der zahlreichen inneren Gegensätze so dringend zu brauchen scheint. Tatsächlich wäre dies jedoch ein trauriges Armutszeichen für die Ideenlosigkeit europäischer Politik und höchst gefährlich noch dazu. War Antiamerikanismus doch immer wieder ein Vehikel, um ganz andere Ziele zu verfolgen: antisemitische Ressentiments etwa gegen die "Ostküste" und kaum verhüllten Rassismus gegen den amerikanischen Schmelztiegels der Nationen, muffigen Provinzialismus und autoritäres Obrigkeitsdenken, protektionistische Sehnsüchte und die Angst vor der innovativen Kraft des Marktes.
In Wirklichkeit kann auch ein Vereinigtes Europa eine kräftige Dosis amerikanischer Werte wie Innovationsfreude und Risikobereitschaft, Zivilcourage und die Bejahung kultureller Vielfalt dringend brauchen. Hat nicht auch die Generation Joschka Fischers ihren jugendlichen Protest vom "Teach In" bis zum "Sit in" amerikanischen Vorbildern abgeschaut?
Europa ist gleichzeitig auch in Hohem Ausmaß auf die strategische Partnerschaft zur alleinigen Supermacht USA angewiesen : weder bei militärischen Feuerwehraktionen im eigenen Hinterhof noch bei Krisen globalen Ausmaßes kann Europa in absehbarer Zeit ohne oder gar gegen die USA handeln.
Für eine pragmatische Amerikapolitik spricht auch die politische Entwicklung in den USA selbst. Der ultimative Unilateralismus der Bush'schen Hardliner in der Außenpolitik ist ebenso in die Defensive gekommen wie die bisherige demonstrative Ignoranz der Regierung gegenüber Umweltinteressen. Über die Todesstrafe wurde in den USA schon lange nicht so kontroversiell diskutiert wie jetzt. Da kann Verteidigungsminister Donald Rumsfeld noch so forsch den baldigen Start des neuen Raketenabwehrsystems verkünden: bei den seit letzter Woche zuständigen demokratischen Ausschußvorsitzenden im Senat beißt er damit auf Granit. Und ohne Finanzen, die der Kongreß erst bewilligen muß, wird keine Rakete starten. Ein Europa, das amerikanische Rücksichtnahmen auf den Rest der Welt einfordert, ohne die Legitimität einer militärischen Umorientierung in einer seit dem Ende des Kalten Krieges völlig veränderten Welt in Frage zu stellen, wird auch in Amerika Bündnispartner finden.
Powerplay mit den Bushies um Sachpolitik ist sinnvoll. Ein Kurs der Abnabelung von den USA würde Europas Probleme dagegen nur vertiefen. Denn wenn im Jahr 2002, nach den Wahlen in Frankreich und Deutschland, die politische Entscheidungsschlacht um die Zukunft Europas beginnt, dann sollte eine partnerschaftliche Beziehungen zu den USA, und sei es auch als Juniorpartner, außer Streit stehen. Alles andere würde die Einigung von historischen Mächten wie Deutschland und Großbritannien, Frankreich und Polen auf ein gemeinsames politisches Projekt nur noch schwieriger wenn nicht sogar gänzlich unmöglich machen.

 

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