Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Die Deutschen und ihr absurdes Demokratieverständnis, 29.7.2009

Zuerst war die Erleichterung groß. Die Damen und Herren des deutschen Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe hatten grünes Licht für den Reformvertrag gegeben. Das neue Regelwerk der EU ist kompatibel mit dem Grundgesetz. Die deutschen Begleitgesetze, die gleichzeitig außer Kraft gesetzt wurden, seien leicht zu reparieren, hörte man aus Berlin.
Rasch verebbte jedoch der Applaus, als sich herausstellte, mit welch rückwärtsgewandter Argumentation die Richter ihr Grundsatzurteil umrahmt haben. Ausgerechnet in Deutschland, das die problemlose Wiedervereinigung dem Euro und der EU verdankt, tobt jetzt der heftigste Meinungsstreit über die Zukunft des Kontinents. Denn das Höchstgericht behauptet im Wesentlichen, ein multinationales Gebilde wie die EU, halb Bundesstaat, halb Staatenbund, könne niemals über der angeblich so lupenreinen Demokratie der Nationalstaaten stehen. Alfred Grosser, der große alte Mann der französisch-deutschen Versöhnung, notiert den 30. Juni 2009 bereits als "schwarzen Tag" in der Geschichte Europas. Man kann nur hoffen, dass er Unrecht hat und der höchstrichterliche Angriff auf ein halbes Jahrhundert erfolgreicher Integration abgewehrt wird.
Die Vorstellung des Höchstgerichts, dass es ohne volle Souveränität des Nationalstaats keine Demokratie geben kann, stammt aus dem 19. Jahrhundert. Dahinter steht ein Staatsverständnis, das dem Nationalismus und den europäischen Kriegen der letzten 150 Jahre den Weg geebnet hat. Die Abgabe von staatlicher Souveränität an übernationale Organe, beginnend mit der Kohle- und Stahlgemeinschaft, der ersten Vorläuferorganisation der EU, sollte die Wiederholung solcher Katastrophen nach dem Zweiten Weltkrieg verhindern.
Multinationale und damit geteilte Souveränität im neuen Europa ist den deutschen Richtern grundsätzlich verdächtig. Besonders hart geht das Karlsruher Urteil mit dem Europaparlament ins Gericht, das mangels eines einheitlichen europäischen Wahlvolkes nur als unbedeutender Anhang einer grundsätzlich intergouvernementalen Vereinigung gelten könne.
In den Gängen des Straßburger Parlamentsgebäudes spuckt Johannes Voggenhuber auch ohne Abgeordnetenmandat gegen diese staatsrechtliche Konterrevolution Gift und Galle. Sind nicht gerade den Deutschen all jene demokratischen Werte, die Karlsruhe jetzt gegen eine "immer engere Union der Völker Europas" verteidigen zu müssen glaubt, durch den Sieg der Alliierten und die Westintegration nach 1945 von außen aufgezwungen worden?
Richtig: Das Europäische Parlament hat viele Schwächen. Der fehlende Gleichheitsgrundsatz, den die Karlsruher Richter monieren, ist allerdings das geringste Problem. Dass in Malta oder Luxemburg auf einen Abgeordneten weniger Bürger kommen als im großen Deutschland, hat mit dem historisch gewachsenen Hybridcharakter der EU zu tun, die als Verbindung sowohl von Völkern als auch von Staaten entstanden ist. Die Integration deshalb zu stoppen macht Europa um kein Jota demokratischer, stärkt jedoch drastisch nationale Egoismen jeder Art.
Im Windschatten des Richterspruchs verlangen deutsche Konservative, dass Bundestag, Bundesrat und möglichst auch die Länderparlamente bei jeder EU-Entscheidung mitreden. Wird das im Europa der 27 zur Regel, so der französisch-deutsche Politikwissenschaftler Alfred Grosser trocken, dann würde die EU zerstört. Der Reformvertrag erlaubt es nationalen Parlamenten immerhin zu klagen, wenn sich die Union Kompetenzen gibt, die eigentlich besser auf niedrigerer Ebene wahrzunehmen sind.
Politisch ist der Euroskeptizismus inzwischen von den Rändern ins Zentrum gewandert. Rechts von der Mitte versucht sich die CSU in Populismus, ganz so wie zuvor die linke SPÖ unter Werner Faymann. Ernst Strasser, dem prominenten Neoabgeordneten der ÖVP, fällt am europaparlamentarischen Alltag vor allem Negatives auf: hohe Reisekosten beim Pendeln von Brüssel nach Straßburg und zweifelhafte Architektur. Dass der Parlamentssitz Straßburg vielleicht auch etwas mit der deutsch-französischen Nachkriegsversöhnung zu tun hat, passt nicht zum Zeitgeist.
Mit der Argumentation der Souveränisten in Karlsruhe hat die grassierende Renationalisierung ihre ideologische Grundlage gefunden. Die fraktionsübergreifende Gruppe der Föderalisten im Europaparlament plant eine scharfe Antwort. Linke und rechte Parteigrenzen mögen verschwimmen, in Europa entstehen neue politische Fronten.

 

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