Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Die EU lebt!, 15.3.2006


Wenn rechte Nationalisten die EU verteufeln, dann ist ziemlich klar, welche Visionen sie damit verfolgen: An die Stelle eines Europas, in dem supranationale Institutionen das Sagen haben, soll wieder der alte Primat der Nationalstaaten treten. Statt des langwierigen Meinungsbildungsprozesses der Mitgliedsstaaten mit ihren unterschiedlichen Traditionen und vielfältigen Interessen ließe sich bei jedem Disput mit dem Nachbarn wieder das bewährte "Wir gegen sie"-Gefühl mobilisieren, das bei Bedarf auch gegen politische Gegner und schwierige Minderheiten im eigenen Land einzusetzen ist. Die Begeisterung für eine solche Perspektive hält sich in Grenzen, wie selbst im EU-skeptischen Österreich das bescheidene Ergebnis des jüngsten Volksbegehrens zeigt. Nationalistische Politiker, die den Sprung in die Regierung schaffen, ob in Italien, Österreich oder Dänemark, werden im Umgang mit den europäischen Realitäten dann auch sehr schnell sehr pragmatisch.
Weniger verständlich ist, worauf EU-Bashing von links hinauswill, sieht man einmal vom simplen Kalkül ab, in Hinblick auf bevorstehende Wahlgänge rechten Populisten ein paar Proteststimmen streitig zu machen. Gut, der Aufstieg der EU ist eine Erfolgsgeschichte des freien Marktes. Die Öffnung der Grenzen und der Märkte hat uns Billigflüge, eine Vielfalt an Handybetreibern und günstige Elektronik gebracht. Aber sie hat auch die Sicherheit der einstigen geschützten Werkstätten im staatlichen und halbstaatlichen Bereich zerstört. Mit den jede Erneuerung blockierenden Monopolen, man denke nur an die alte Post, ist auch die gesellschaftlich stabilisierende Wirkung der Staatsbetriebe verschwunden. Von den engen nationalstaatlichen Fesseln befreit, hat die europäische Wirtschaft eine erstaunliche Dynamik entwickelt. Aber es ist eine rein kapitalistische Dynamik. Die Einrichtungen des Sozialstaates, die größten gesellschaftlichen Errungenschaften der europäischen Nachkriegsentwicklung, blieben auf den nationalen Rahmen beschränkt, wo sie dem massiven Druck "neoliberaler" Wirtschaftspolitik ausgesetzt sind.
Ein Ungleichgewicht, das von Frankreich bis Österreich zum Nährboden linker EU-Skepsis wurde, obwohl sich daraus eigentlich umgekehrt die offensive Forderung nach dem Aufbau genau eines solchen fehlenden europaweiten Sozialsystems ergeben sollte. Politiker, die publikumswirksam gegen den "neoliberalen" Geist in Brüssel polemisieren, müssen sich daher die Frage stellen lassen, wie denn eigentlich ihre Vorschläge für ein soziales Netz der EU aussehen.
Wo bleibt zum Beispiel die Diskussion um einen europaweiten Mindestlohn als Antwort auf die große Angst vor Lohndumping durch die Öffnung der Grenzen? Den Aufschrei der verschiedensten Unternehmerlobbys kann man sich bei einer solchen Idee ebenso vorstellen wie anfängliches Unverständnis in jenen osteuropäischen Ländern, die um den Konkurrenzvorteil ihrer niedrigen Löhne fürchten. Aber solche Maßnahmen lassen sich schrittweise einführen. Das langfristige Ziel eines menschenwürdigen Lohns als europäische Forderung könnte im Westen helfen, die Sorge vor den niedrigen Löhnen des Ostens zu mildern, in den neuen Mitgliedsstaaten würde damit die Annäherung an den westlichen Standard zum erklärten Ziel. Wäre das nicht ein Wahlkampfthema, das in Tschechien und Polen ebenso attraktiv sein könnte wie in Deutschland und Österreich?
Der britische Politologe Robin Blackburn schlägt in der Zeitschrift New Left Review den Aufbau eines europaweiten Pensionssystems vor, um der stetigen Durchlöcherung der nationalen Altersversorgung entgegenzuwirken. Er plädiert für Arbeitnehmerfonds, wie sie in Schweden nach den Plänen von Rudolf Meidner, des weitsichtigen Volkswirtschaftsexperten der Gewerkschaften, durchgesetzt wurden. Das Meidner'sche Modell sieht vor, dass alle Unternehmen ab einer gewissen Größe verpflichtet sind, für einen bestimmten Prozentsatz ihrer Gewinne Aktien auszugeben, die an gewerkschaftlich bzw. sozialpartnerschaftlich verwaltete Fonds gehen. Der große Vorteil: Es handelt sich um keine Steuer, durch die die Finanzmittel der Unternehmen beeinträchtigt werden. Die neuen Wertpapiere, zum Beispiel in der Höhe von zehn Prozent der Gewinne, schmälern höchstens die Gewinnerwartung bestehender Aktienbesitzer. Dividenden und Wertzuwächse derartiger "europäischer Arbeitnehmerfonds" könnten helfen, soziale Investitionen zu tätigen und die löchrigen sozialen Netze auf nationaler Ebene zu stopfen. Robin Blackburn hat ausgerechnet, dass ein europaweites Netz solcher Meidner'scher Fonds nach einem Zyklus von 25 Jahren Werte in der Höhe von zwei Prozent der gesamten EU-Wirtschaftsleistung schaffen würde. Das Fundament eines europäischen Sozialstaates wäre geschaffen.
Alles utopisch in Zeiten des neoliberalen Denkens? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Schließlich sind zuletzt schon so manche Dogmen konservativer Wirtschaftspolitik ins Rutschen gekommen, angefangen mit dem unseligen EU-Stabilitätspakt. Sicher ist nur eines: Eine Schwächung der EU, weil sich die Bürger vom europäischen Projekt abwenden, wird eine Verteidigung des europäischen Sozialstaatsmodells in der globalisierten Welt noch schwerer machen. Der ökonomische Schutz vor den unberechenbaren Bewegungen des Kapitalismus, den die Bürger alter und neuer Mitgliedsstaaten mit Recht erwarten, wird nur überleben, wenn neben dem nationalstaatlichen Sozialstaat auch ein europäisches soziales Netz entsteht.
Richtig, möglich wird das nur, wenn sich die politischen Kräfteverhältnisse auf dem Kontinent ändern. Aber linksnationalistische Opposition gegen unbefriedigende Verhältnisse in Brüssel bringt die Debatte um die Zukunft Europas um kein Jota vorwärts und verstärkt nur die verfahrene Situation, in der die EU seit Monaten steckt. Die gescheiterten Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden haben den Integrationsprozess zum Stillstand gebracht und protektionistische Reflexe gestärkt. Frankreichs konservative Regierung liegt mit der EU-Kommission wegen verbotener Abwehrschritte gegen "ausländische" Übernahmen im Streit. Der rechtsnationalistische polnische Präsident Lech Kaczynski meint überhaupt, die EU soll sich möglichst aus polnischen Angelegenheiten heraushalten, der europäische Integrationsprozess gehöre gestoppt. Eine Grundsatzdebatte über die Zukunft der EU scheint unvermeidlich. Belgiens Ministerpräsident Guy Verhofstadt prescht mit einem Aufruf zum raschen politischen Zusammenschluss einer Vorhut von "Vereinigten Staaten von Europa" auf der Grundlage des Euro vor. Wolfgang Schüssel hat die Finanzierung des EU-Budgets über eine Europasteuer zur Diskussion gestellt. Und EU-Sozialkommissar Spidla will unter bestimmten Bedingungen EU-Arbeitslosengeld an Globalisierungsopfer zahlen. Das zeugt von politischer Bewegung. EU-Bashing, egal von welcher Seite, ist deplatziert.

 

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