Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Die EU-Kommission besticht durch Kompromisse, 2.12.2009

Belgien kommt aus dem Staunen über sich selbst nicht heraus. Noch vor zwei Jahren schien das Land knapp vor der Auflösung zu stehen. Ganz Europa schüttelte über den kleinlichen Fundamentalismus den Kopf, mit dem rund um die EU-Hauptstadt Brüssel Flamen und Wallonen einander bekriegten. Jetzt wurde Kurzzeitpremier Herman van Rompuy per Akklamation in das höchste Amt katapultiert, das die Union zu vergeben hat. Flämische und wallonische Politiker, die sonst so gerne aufeinander einschlagen, feiern den Erfolg des belgischen Vormarsches in Europa.
Im zweiten Halbjahr 2010 wird Europa noch belgischer. Dann übernehmen die Brüsseler Regierungsmitglieder den Vorsitz in den Ministerräten der EU, in denen die rotierende Präsidentschaft ja nach wie vor bestehen bleibt. Sogar Yves Leterme, der Nachfolger Herman van Rompuys als belgischer Regierungschef, wird dann im Rampenlicht der EU stehen.
Die Wirtschaftskrise und die Sogwirkung Europas haben den Sprachenstreit in den Hintergrund gedrängt. Die Suche nach einem Kompromiss betreibt aber nicht die aktuelle Politikergeneration, die mit dem Aufbauschen nationalistischer Animositäten groß geworden ist, sondern deren Vorgänger: Ex-Premierminister Jean-Luc Dehaene wird die Verhandlungen über die Staatsreform leiten. Der bullige Flame, Christdemokrat wie Yves Leterme und Herman van Rompuy, ist der Aufpasser der Regierung in Volksgruppenfragen.
Auf Österreichisch übersetzt wäre das so, als wenn Franz Vranitzky die Europapolitik der SPÖ neu aufstellen würde. Oder wenn Wolfgang Schüssel den Ortstafelstreit in Kärnten in Angriff nähme. Als Hilfe für die Nachfolger und aus Staatsräson. Was in Österreich als schlechter Scherz gelten würde, ist in Belgien normal. Der Rückgriff auf politische Erfahrungen vergangener Jahre ist möglich, weil frühere Regierungschefs oder Minister nicht in der Versenkung verschwinden, sondern als Europapolitiker oder Regionalpolitiker aktiv bleiben und ihr Ansehen behalten.
Die EU ist wie Belgien im Großen. Nicht aus der Strahlkraft großer Würfe und der Macht politischer Emotionen entsteht die Europäische Kommission, sondern durch einen schier unglaublichen Balanceakt zwischen den 27 Mitgliedsstaaten und ihren unzähligen Lobbys. Nur wenige Kommissare werden Triumphe feiern können. EU-Politik heißt Verhandeln, Vertagen, Entschärfen und trotzdem Kurshalten.
Die Klimaschutzkommissarin aus Dänemark, Connie Hedegaard, ist ein solches Zeichen. Die europäischen Klimaregeln gehören zu den Errungenschaften der letzten Jahre, daran will man auch in wirtschaftlich schweren Zeiten festhalten. Auch die Finanzkrise hat ihre Auswirkungen: Binnenmarktkommissar Michael Barnier, Sarkozys wichtigster Europapolitiker, behält die Kompetenzen für Banken und Versicherungen. Großbritannien akzeptiert einen Kommissar aus dem angeblich regulierungswütigen Frankreich. Die Botschaft ist klar: Es ist Bewegung auf dem langen Weg zu etwas mehr europäischer Kontrolle über die destabilisierende Welt des Geldes zu erwarten.
Die neuen Kommissare sind in ihrer Mehrheit flexible Pragmatiker aus dem bürgerlichen Lager. So wie der Kommissionspräsident José Manuel Barroso selbst, der inzwischen bei seinen Reden sozialdemokratischer klingt als früher SP-Regierungschefs. Für die Sozialdemokraten ist das ein schwacher Trost. Nur sechs der 27 Kommissare kommen aus ihren Reihen. Dagegen bringen es die Liberalen auf neun Vertreter. Eine Folge kluger Personalpolitik und klaren europäischen Engagements. Die niederländische Liberale Nelly Kroes, die sich als Wettbewerbskommissarin mit Konzernen von Microsoft bis Lufthansa anlegte, wurde sogar von einem Regierungschef nominiert, gegen den ihre Partei Opposition macht. Keine Regierung brachte es übers Herz, einen qualifizierten Grünen in die Kommission zu schicken, obwohl es sich um jene Gruppe handelt, die am klarsten proeuropäische Ziele vertritt.
Globalen Führungsanspruch wird Europa mit seinen reformierten Strukturen und neuen Gesichtern kaum anmelden. Die G2, bestehend aus China und Amerika, werden innerhalb der G20 die dominierende Achse bleiben. Die Bewegung in Richtung mehr Europa, die durch den Reformvertrag möglich wäre, wird belgisch vor sich gehen. Ohne spektakuläre Sprünge, sondern über unzählige, winzige Einzelentscheidungen. Immerhin ist das ein relativ krisenresistentes Modell, wie das belgische Beispiel zeigt.


 

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