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Die
Eurokrise, 1.12.2010
Die Finanzmärkte
betreiben Euroschießen. Aber die Politik verschläft den Kampf
um die Zukunft Europas. Die Regierungen fallen lieber in nationale Reflexe
zurück, als an der lähmenden Kleinstaatlerei zu rütteln,
die den Kern des Problems ausmacht. Für Irland gilt Deutschland als
der große Buhmann, hat doch Angela Merkel zum falschen Zeitpunkt
danach gerufen hat, bei Staatspleiten private Investoren zur Kasse zu
bitten. Das erspart es den Parteien in Dublin, sich der eigenen Verantwortung
zu stellen. Deutschland gibt dem angeblichen Schlendrian der europäischen
Südstaaten die Schuld, vergisst dabei aber die Rolle der eigenen
Banken. Portugal und Spanien sehen sich als Collateral Damage eines Wirbelsturms,
der weit weg, an der Wall Street, in Athen, Dublin und Berlin, seinen
Ursprung hat.
Klar: Irland ist wegen der riskanten Finanzgeschäfte am Boden. Aber
im irischen Kasino haben alle Banken des Kontinents gespielt. Weil die
Regierung in Dublin die Haftung für einen Finanzsektor übernommen
hat, der doppelt so groß ist wie die gesamte Wirtschaftsleistung,
werden die Bürger gezwungen zu bezahlen. Noch vor dem Sommer verliefen
die europaweiten Bankenstresstests auch in Irland zur vollsten Zufriedenheit.
Durchgeführt von den nachsichtigen Prüfern der Nationalstaaten,
weil eine eigenständige europäische Bankenaufsicht jahrelang
verhindert wurde.
Dass für jeden Euro-Domino, der wackelt, unterschiedliche Gründe
gelten, verschleiert den entscheidenden Schwachpunkt der Konstruktion:
die gewollt schwachen Kompetenzen der Europäischen Union.
Portugal wird weder durch riskante Bankgeschäfte belastet, noch ist
eine Immobilienblase geplatzt, wie in Irland oder im benachbarten Spanien.
Trotzdem ist Portugal erster Kandidat für die nächste Attacke
gegen den Euro. Die schlechte Wettbewerbsposition auf Grund steigender
Löhne und fehlender Investitionen gilt als die Achillesferse der
Wirtschaft.
In Spanien ist die rasant gestiegene Arbeitslosigkeit das beherrschende
Thema. Eine Folge des abgebrochenen Baubooms. Dass Madrider Banken sich
an den Spekulationsgeschäften a la Irland nie beteiligt haben, hilft
ihnen heute wenig. Ob Spanien als viertgrößte Volkswirtschaft
des Euroraumes für den Euro-Schutzschirm nicht zu groß wäre,
ist eine der großen Unsicherheiten.
Mit gutem Grund erinnert man sich inzwischen nur mehr selten an die geschönten
Budgetzahlen aus Athen, die anfangs als Hauptgrund für die Krise
galten.
Statt den Blick auf die Exzesse der Nachbarn zu richten, sollten sich
die Europäer die Frage stellen, warum Japan und die USA sich so viel
besser vor den Angriffen der Finanzmärkte zu schützen wissen.
Obwohl die japanischen Staatsschulden ungleich größer sind
als in der EU und Kalifornien nicht weniger bankrott ist als Irland.
Die Antwort des scharfsinnigen Finanzexperten Willi Hemetsberger: Der
japanische Staat ist bei den eigenen Bürgern verschuldet, während
die irischen Schulden im Euroraum als Auslandsverpflichtung gelten. Kalifornien
kann zwar genauso wie Irland nicht das Geld drucken, in dem es Schulden
macht. Aber dafür sind die USA eine Transfersunion. Zwischen Nettozahlern
und Empfängern wird anders als in der EU bei amerikanischen Bundesstaaten
nicht unterschieden.
Die Halbheiten der Europäischen Union als Hybrid zwischen Staatenbund
und Bundesstaat sind der entscheidende Grund für die Eurokrise. Der
Euro-Schutzschirm war zwar ein entscheidender Schritt in die richtige
Richtung. Aber die Entwicklung zur politischen Union ist durch schleichende
Renationalisierung blockiert. Europa fehlt die politische Führung.
Kraftlose Minderheitskabinette oder schwer angeschlagene Regierungschefs
dominieren weite Teile der Union. In Deutschland, der entscheidenden Kraft
zur Krisenbewältigung, geht das Interesse an der europäischen
Integration zurück.
Immerhin: den Eliten in Deutschland und Frankreich scheint bewusst zu
sein, wie hoch der Preis eines Zerfalls der Gemeinschaftswährung
wäre. Die deutsch-französische Achse, der Schlüssel zum
Aufstieg Europas nach dem Zweiten Weltkrieg, würde zu Grunde gehen.
Der Euro wird sich auf Dauer nicht durch rein finanztechnische Stützungspläne
retten lassen, er ist ein politisches Projekt. Überleben wird er
nur, wenn die Europäer wieder auf den Weg zur politischen Union zurückfinden.
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