| |
|
Die Hoffnung
schafft Frieden - Kosovo, 2.6.2010
Wenn sich die klobigen Geländewagen
mit den Fahnen aus Schweden und Frankreich, Österreich und den USA
durch das Verkehrsgewühl von Pristina zwängen, dann spürt
man: Der Kosovo steht nicht auf eigenen Füßen. Tatsächlich
ist das schwer bewachte Glasgebäude des obersten EU-Vertreters, der
sich auf tausende europäische Polizeibeamte, Richter und internationale
Soldaten stützt, das wichtigste Machtzentrum des Landes. Unter dem
Schutz internationaler Präsenz sind seit der umstrittenen Unabhängigkeit
vor zwei Jahren allerdings lebendige staatliche Strukturen entstanden.
Die Regierung unter dem früheren UCK-Führer Hashem Thaci mag
schwach sein, das Parlament noch unerfahren und die Verwaltung korrupt.
Aber das unterscheidet den Kosovo nicht von anderen Balkanstaaten.
Die Doppelherrschaft von ausländischen Beschützern und einer
aus ehemaligen kosovarischen Guerillakämpfern bestehenden lokalen
Führung hat den knapp zwei Millionen Bürgern ein seit langem
nicht mehr erlebtes Ausmaß an Stabilität gebracht. Nach wie
vor ist der Hass zwischen Albanern und Serben unübersehbar. Aber
seit der Kosovo sich als eigener Staat fühlen kann, immerhin anerkannt
von fast 70 Nationen, sind die nationalen Konflikte zurückgegangen.
Sogar über die legendäre Brücke ins serbisch dominierte
Nord-Mitrovica fahren vollbesetzte Busse. Die internationalen Fördergelder,
mit denen Straßen, Ministerien und Gerichtsgebäude gebaut werden,
haben ein wirtschaftliches Absacken in der Krise verhindert.
Die Unabhängigkeit, die jetzt zwei Jahre alt ist, hat uns viele Ängste
genommen, argumentiert der Politikwissenschaftler Ilir Deda in einem der
eleganten Cafés in der Fußgängerzone von Pristina. Die
Bürger fragen sich jetzt, in welcher Gesellschaft sie leben wollen
und welche Verantwortung die eigene Regierung für Missstände
und Korruption hat. Engjellushe Morina, Chefin der Kosovo Stabilitätsinitiative,
berichtet von einer lebendigen Zivilgesellschaft mit Frauengruppen und
Menschenrechtsorganisationen. Zum Meinungsaustausch mit NGOs hat Ulrike
Lunacek geladen. Die grüne Europaabgeordnete ist Kosovo-Beauftragte
des EU-Parlaments. Die Pressekonferenz der österreichischen EU-Parlamentarierin
nach dem Besuch beim Premierminister läuft als zweite Meldung in
den zahlreichen TV-Kanälen, gleich nach den Berichten über die
Razzia der EULEX-Polizei gegen den der Korruption verdächtigten Verkehrsminister.
Könnte der Kosovo zu so etwas wie einer Erfolgsgeschichte der EU-Balkanpolitik
werden? Wie in allen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens blockieren Unterentwicklung
und kleinlicher Nationalismus die Entwicklung. Aber die Menschen bringen
einander nicht mehr um. Das hat weniger mit dem vermeintlichen Glück
der neuen Kleinstaaten zu tun als mit der Erwartung einer EU-Integration.
Die Sogwirkung Europas heute könnte paradoxerweise helfen, die unsinnigen
Grenzen wieder abzubauen, die im Zerfall Jugoslawiens unter so viel Blutvergießen
errichtet wurden. Alle Nachfolgestaaten sind in organischer Weise mit
der EU verbunden, ob als Quasiprotektorat wie der Kosovo oder als Mitgliedsland
wie Slowenien. Demnächst wird auch für Bosnien, wo die ethnischen
Barrieren noch am größten sind, das visafreie Reisen nach Europa
möglich sein, ganz so wie früher unter Tito.
Die Jugoslawienkriege waren der dunkelste Moment der jüngsten Geschichte
des Kontinents. So handlungsunfähig wollten die Europäer nie
wieder sein wie beim blutigen Zusammenprall der Nationalismen auf dem
Balkan.
Eineinhalb Jahrzehnte später ist die Bilanz deutlich besser. In Belgrad,
von wo aus Milosevic einst Jugoslawien in Brand steckte, regiert eine
proeuropäische Regierung. Präsident Tadic schaffte sogar eine
Entschuldigung für das Massaker von Srebrenica, auch wenn die Öffentlichkeit
die Vergangenheit nach wie vor lieber verdrängt. In Mazedonien hat
die EU-Sicherheitspolitik einen Bürgerkrieg verhindert. Selbst im
Kosovo erinnern primär die Kriegerdenkmäler an die früheren
Konflikte.
In Österreich verdeckt die Auseinandersetzung um das Schicksal der
Familie Zogaj den Blick auf die Wirklichkeit des Kosovo. Dabei wirft es
eher ein bezeichnendes Licht auf uns selbst, wenn Hartherzigkeit und Gemeinheit
gegenüber von Schicksalsschlägen getroffenen Menschen aus der
Nachbarschaft zur Staatsräson erhoben werden.
Auf dem Balkan dagegen heilen die Wunden der vergangenen Kriege.
nach oben,
Fenster schließen
|