Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Die Iren wollen auch an den Busen von "Mama Europa", 7.10.2009

Erdrutschsiege für Europa sind selten. Die 67,1 Prozent, die in Irland für den ungeliebten EU-Reformvertrag gestimmt haben, übertreffen sogar die 66,64 Prozent, mit denen Österreich vor 15 Jahren den Beitritt besiegelt hat. Nach einigem Zögern und vor dem Hintergrund einer in den Grundfesten erschütterten Wirtschaft hat sich Irland schlagartig ins Zentrum der EU zurückkatapultiert. Für oder gegen ein stärkeres vereintes Europa, für oder gegen einen riskanten Sonderweg am Rande, das waren die Fragen, die in diesem Herbst debattiert wurden. Das Resultat lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig.
Der Countdown zur Umsetzung des Reformvertrags in ganz Europa kann nun beginnen. Der Pendelschlag ist erstaunlich, denn die Versuchung zu einem Denkzettel für die Regierung in Dublin war groß. Im vergangenen Herbst schrammte Irlands aufgeblähter Finanzsektor haarscharf am Totalkollaps vorbei. Jetzt müssen die Bürger mit Sozialkürzungen, Steuererhöhungen und Arbeitslosigkeit bezahlen. Der Höhenflug des einstigen Armenhauses Europas zum keltischen Tiger ist zu Ende. Gleichzeitig muss Sean FitzPatrick, der gestürzte Exboss der Anglo Irish Bank, nach wie vor keine Zinsen für seinen 100-Millionen-Kredit zahlen. Jeden Tag platzt ein neuer Skandal. Brian Cowen, Chef der konservativ-grünen Koalition in Dublin, ist der unpopulärste Regierungschef der irischen Geschichte. Aber in der Wahlzelle haben es die Bürger geschafft, zwischen der Wut auf die Führung und Europa zu unterscheiden.
Die Iren hätten eben nicht ihr Herz, sondern ihren Verstand sprechen lassen, ist nun allerorts zu lesen. Als ob es ein Nachteil wäre, in der Politik kühles Kalkül über heiße Emotionen zu stellen. "It's the economy, stupid", hieß es einst bei Bill Clinton. Ein genialer Wahlslogan, der auch im irischen Europawahlkampf gezogen hat. Unter dem Titel "An deinen Busen, Mama Europa" versucht der irische Sunday Independent eine weitergehende Interpretation. Die irischen Wähler seien so verzweifelt über die Unfähigkeit ihrer Eliten, dass sie sich nichts sehnlicher wünschen, als von der EU übernommen zu werden. Schließlich haben nicht die hochbezahlten Minister in Dublin eine finanzielle Katastrophe à la Island verhindert, sondern die Milliardenhilfen aus Brüssel.
Der Ruf nach der EU als Krisenmanager ist kein ausschließlich irisches Phänomen. Auch in den neuen Mitgliedsstaaten Osteuropas sind die Bürger aus gesundem Misstrauen gegenüber den eigenen Politikern proeuropäisch. In der Zeit des wirtschaftlichen Einbruchs steigt das Vertrauen in die EU. Im gemeinsamen Europa fühlt man sich sicherer. Einheitliche Tendenz ist das keine.
Österreichs extreme Rechte kanalisiert ganz wie in früheren Zeiten Wut und Verunsicherung höchst erfolgreich gegen Außenfeinde aller Art. Grenzen zu, Mauern hoch und Ausländer raus, das sind die bestimmenden Themen. Aber ob wirklich alles pfui ist an Brüssel, wie behauptet wird, scheint nicht mehr so sicher. Den Euro respektieren auch die größten EU-Muffel als Faktor der Stabilität. In den berühmten Tabellen des Eurobarometers über die Zustimmung zur EU lag Irland immer ganz oben, Österreich gehört zum Schlusslicht. Aber die Krise hat dazu geführt, dass auch hierzulande die EU bessere Zensuren bekommt. Das irische Votum bestätigt diesen Trend: In den gegenwärtigen wirtschaftlich schlechten Zeiten wollen die Völker Europas anders als früher nicht aufeinander einschlagen, sondern enger zusammenrücken. Ein ermutigendes Signal.
Das politische Momentum für den Reformvertrag wird kaum mehr zu stoppen sein. Sogar Vaclav Klaus, der europhobe Prager Präsident, scheint die Hoffnung auf eine tschechisch-britische Anti-EU-Verschwörung aufgegeben zu haben. Die britischen Unterhauswahlen, bei denen die EU-feindlichen Konservativen gewinnen könnten, werden nicht vor Mai 2010 stattfinden. So lange wird Klaus seine Unterschrift nicht hinauszögern können, nachdem beide Häuser des tschechischen Parlaments Ja gesagt haben.
Wunder sollte Europa vom Inkrafttreten des Reformvertrags keine erwarten. Neue Regeln führen nicht automatisch zu einem neuen Geist der Solidarität. Nach wie vor werden nationale Egoismen die großen Barrieren für vernünftige europäische Lösungen sein. Immerhin zeigt Irland, dass das Fantasieprodukt europäischer Superstaat seinen Schrecken verloren hat. Die Iren haben verstanden, dass größere Gefahren drohen, wenn die nationalen Eliten auf eigene Faust unverantwortlich agieren.

 

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