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Die
Macht der Zukunft, 26.3.2008
Angesichts der blutigen Unruhen in Tibet wenige Monate vor den ersten
Olympischen Spielen, die in China abgehalten werden, wirft einen ein Flashback
vierzig Jahre zurück. 1968 waren in Mexiko jugendliche Demonstranten
wochenlang nicht unterzukriegen. Tausende Studenten gingen für Demokratie
auf die Straße. Die bevorstehende Eröffnung der Olympischen
Spiele setzte das Regime unter Druck. Schließlich griff die Exekutive
hart durch. Von zwei bedauerlichen Todesfällen und einigen Dutzend
Verletzten war offiziell die Rede. Die Olympiade in Mexico City konnte
im Oktober 1968 ungestört ablaufen. Erst Jahre später sickerten
Informationen über eines der größten Massaker der jüngeren
mexikanischen Geschichte durch. Hunderte junge Menschen, Demonstranten
und unbeteiligte Passanten, waren in einer erbarmungslosen Hetzjagd durch
den Stadtteil Tlatelolco niedergemacht worden. Doch während der Wettkämpfe
selbst konnten alle so tun, als sei nichts gewesen. Mexiko gehörte
damals, obwohl autoritär regiert, zum antikommunistischen Westen.
Vierzig Jahre später sind die weltpolitischen Konstellationen rund
um die Olympischen Spiele in Peking grundlegend anders. Die symbolische
Bedeutung des größten Sportspektakels der Erde ist aber noch
viel größer geworden. Der bevölkerungsreichste Staat des
Planeten hat ein Vierteljahrhundert beispiellosen wirtschaftlichen Aufstiegs
hinter sich. Nie zuvor in der Geschichte gab es für so viele Menschen
in so kurzer Zeit einen derart dramatischen materiellen Aufstieg wie in
China. Das einst vom Rest der Welt abgeschottete Experimentierfeld von
Maos Roten Garden ist heute über tausend Fäden mit dem globalisierten
Kapitalismus verbunden. Die Olympiade soll für die chinesische Führung
um Präsident Hu Jintao und Premierminister Wen Jiabao zur Krönung
dieser Entwicklung werden. Ein Beweis für die neugewonnene Machtstellung
Chinas.
Die tibetischen Aktivisten haben die Chance beim Schopf gepackt und sind
in die Offensive gegangen, ganz so wie die mexikanischen Studenten. Aber
anders als das Massaker von Tlatelolco sind die inzwischen weit über
Lhasa hinausgehenden Zusammenstöße nicht zu verstecken. Vor
den Augen der Welt entlädt sich der in Jahrzehnten aufgestaute Hass
gegen die Zentralbehörden. Auf den paternalistischen Rassismus der
Staatspartei reagiert die tibetische Jugend mit Gewalt gegen chinesische
Nachbarn. Polizeistationen, Schulen und von Han-Chinesen geführte
Lokalitäten brennen. Sehr rasch sind die anfänglichen Proteste
der Mönche in einen Aufstand übergegangen. Der Dalai Lama wurde
von der Radikalität der jugendlichen Demonstranten ebenso überrollt
wie die Polizei. Damit ist eines klar: 2008 wird in die chinesische Geschichte
als ein Jahr der tibetischen Revolte eingehen und nicht nur als Olympiajahr.
Ein Meilenstein für die Identität eines gegen die von China
kommende Moderne ankämpfenden, widerspenstigen Volkes. In diesem
Sinn haben die buddhistischen Rebellen bereits gewonnen, auch wenn Polizei
und Militär die Lage wieder in den Griff bekommen sollten.
Rein vom Kräfteverhältnis her hat Tibet gegen Peking keine Chance.
Anders als die Mönche des benachbarten Myanmar, die vergangenes Jahr
revoltierten und hoffen konnten, die herrschenden Generäle durch
eine Volksbewegung in die Knie zu zwingen, sind die Tibeter in China alleine.
Die autoritär geführten Klöster mit ihren archaischen Ritualen
sind Lichtjahre von den unzähligen Problemen des modernen China entfernt.
Mit dem Disput über die religiöse Hierarchie Tibets, dem verschwundenen
Panchen Lama und dem von der KP ausgewählten Gegen-Panchen-Lama können
99,9 Prozent der Chinesen nichts anfangen. Trotzdem wird der Aufstand
der Tibeter zum Symbol für den beängstigenden Widerspruch zwischen
der erstarrten politischen Herrschaft einer marxistisch-leninistischen
Kaste und der sich in rasantem Tempo fortbewegenden chinesischen Gesellschaft.
Der Dalai Lama hat der Isolation der Tibeter Rechnung getragen und die
Forderung nach Autonomie an Stelle jener nach staatlicher Unabhängigkeit
gesetzt. Trotzdem wird er in Peking als die große Feindfigur aufgebaut,
der man die Schuld an den Unruhen gibt. Die nach stalinistischen Mustern
ablaufende Verteufelung des religiösen Führers kann nur als
Ausdruck der Schwäche interpretiert werden. Muss doch das Politbüro
nicht nur seine eigene Herrschaft retten, sondern auch die Olympiade.
Die meisten europäischen Regierungen und die EU haben vorsichtig
reagiert und mussten sich deshalb heftige Kritik gefallen lassen. Unterstellt
wird, dass die Europäer so nachsichtig sind, weil niemand China als
Wirtschaftspartner verlieren will. Nur Frankreichs Außenminister
Bernard Kouchner und Vaclav Havel verlangen eine Diskussion über
den Boykott der Olympiade. Auch dabei darf man politisches Kalkül
vermuten, gilt China doch als potenzieller Außenfeind des Westens.
Theatralische Gesten bei Menschenrechtsverletzungen fallen Europas Politikern
bei Rivalen sichtlich leichter als bei Verbündeten. Moralischen Impulsen
nachzugeben macht in der Weltpolitik nur Sinn, wenn man die Auswirkungen
bedenkt. In Peking wäre bei einem leichtfertigen Boykott eine dauerhafte
Vergiftung der Beziehungen und eine Stärkung der Hardliner die wahrscheinliche
Konsequenz.
Dabei ist eines klar: Die chinesische Führung sollte tatsächlich
mit dem Dalai Lama verhandeln, sonst wird sie es bald mit viel radikaleren
Nationalisten zu tun haben. Dabei geht es nicht um Tibet allein. Wer weiß,
ob nicht demnächst auch andere Bevölkerungsgruppen auf die Straße
gehen? Das Riesenreich wird seine explosiven Gegensätze nur meistern,
wenn es zu Konfliktlösungsmechanismen im Dialog findet. Dagegen steht
heute das Machtmonopol der Kommunistischen Partei. So erklärt sich
die wilde Polemik der chinesischen Machthaber gegen den Dalai Lama.
Aber die Führung in Peking weiß: Die Situation steht auf des
Messers Schneide. Das geplante große Eröffnungsfest der Olympiade
mit Staatschefs aus der ganzen Welt wird es nur geben, wenn China eine
blutige Repression vermeidet und verhaftete Aktivisten freilässt.
Eine durch Repression überschattete Olympiade wäre eine Katastrophe
mit Langzeitfolgen. Denn 2008 geht es in Peking um viel mehr als 1968
bei der Olympiade in Mexiko. Ob sich China wieder abschottet oder ob es
offen bleibt, ob sich die Führung in Peking wieder verhärtet
oder ob Flexibilität erfolgreich ist, das wird für das gesamte
21. Jahrhundert bestimmend sein. Schließlich ist China im Guten
wie im Bösen die aufsteigende Kraft der Zukunft.
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