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Die
Mauer entlang, 27.2.2008
Die Sicherheitslage in Israel hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahren
deutlich verbessert. Die Serien vergangener Selbstmordanschläge sind
nicht vergessen, aber der Geheimdienst Shin Bet meldet zum Jahreswechsel,
dass 2007 nur ein einziger Attentäter durchgekommen sei. Die Fußgängerzone
in der Ben Yehuda Street in Jerusalem ist voller unbekümmerter Jugendlicher
aus allen Teilen der Welt. Falafel, das nahöstliche Fastfood, behauptet
sich nur mühsam gegen amerikanische Hamburger. 2001 war ich das letzte
Mal hier gewesen, wenige Tage nach einem mörderischen doppelten Selbstmordanschlag
auf die Kaffees des Viertels. Verstörte Angehörige hatten zwischen
zerstörten Auslagen und viel Polizei von den letzten Augenblicken
der Opfer berichtet. Wenige Kilometer entfernt wartete damals im palästinensischen
Bezirk Abu Dis die Familie der Attentäter in verzweifelter Ergebenheit
auf die sichere Rache der israelischen Armee: die Zerstörung des
Hauses der Familie.
Mit meiner zwanzigjährigen Tochter Neva, die sich als Maturageschenk
eine politische Nahostreise gewünscht hatte, besuche ich um die Jahreswende
2007/2008 Freunde aus der Friedensbewegung und Brennpunkte eines Konflikts,
den ich 35 Jahre lang hautnah verfolgt habe.
Die zweite Intifada, der Palästinenseraufstand gegen die israelische
Besatzung, ist inzwischen Geschichte. Am Eingang jedes Supermarkts oder
Restaurants sitzt noch immer ein Wächter, der Taschen und Rucksäcke
kontrolliert. Die Sicherheitsleute auf den Egged-Bussen, die über
Land fahren, werden dieses Jahr eingespart. Die Regierung führt die
neue Sicherheit auf ihre berüchtigte Befestigungsanlage zurück,
die Israelis und Palästinenser voneinander trennt. Freunde aus der
israelischen Friedensbewegung sind überzeugt, dass die vergangene
Zurückhaltung der fundamentalistischen Hamas genauso wichtig war.
Das tägliche Sterben in Gaza, keine zwei Autostunden von Tel Aviv
entfernt, gehört für die meisten Israelis zu den Kurzmeldungen
in der Zeitung. Erst die Sprengung der Grenzmauer mit den palästinensischen
Jubelszenen, die der Doyen der Friedensbewegung, Uri Avnery, mit dem Fall
der Berliner Mauer vergleicht, hat wieder Schlagzeilen gemacht. Mit seiner
hocherhobenen grauen Mähne hatten wir Avnery bei der 25-Jahres-Demonstration
der "Frauen in Schwarz" unweit des Sitzes von Premierminister
Olmert ausgemacht. Er glaubt an die akute Gefahr eines israelischen Militärangriffs
auf Gaza. Die israelische Armee behauptet, das Ziel ihrer Angriffe wären
die Militärs von Hamas und die Aktivisten des Islamischen Dschihad,
jener Organisation, die mit ihren Kassam-Raketen in der an Gaza grenzenden
Stadt Sderot seit Jahren Angst und Schrecken verbreiten. Mit den militärisch
unwirksamen, aber psychologisch verheerenden Raketen haben die Palästinenser
in Gaza eine Waffe gefunden, die demonstriert, dass es auch für die
Israelis keine Sicherheit gibt, solange der Konflikt andauert. Die Relation
der Opfer hält die israelische Menschenrechtsorganisation B'Tselem
fest: 24 israelische Zivilisten und 13 Soldaten wurden in den vergangenen
zwei Jahren in der Westbank und Gaza getötet, gleichzeitig gab es
dort 816 palästinensische Tote, darunter viele Zivilisten. Doch auch
auf palästinensischer Seite geht die Zahl der Opfer mittlerweile
deutlich zurück.
Bombardiert wurde Gaza schon Jahre vor Erfindung der Kassam-Geschosse.
2001 wurde ich bei einer Reportage für die "ZiB 2" des
ORF in Gaza-Stadt von einem israelischen Bombenangriff überrascht.
Anders als ich das von der Generation meiner Eltern gehört hatte,
die bei Bombenangriffen während des Zweiten Weltkrieges in den Keller
geflüchtet waren, begaben sich die Palästinenser auf die Dächer,
um die Attacke fast wie ein Schauspiel zu verfolgen. Keller bieten sowieso
keinen Schutz, und jeder wusste, dass der israelische Pilot ganz genaue
Vorstellungen hat, was er zerstören will. Wir Reporter machten es
den Bewohnern nach und verbrachten eine schlaflose Nacht auf den Dächern
des Ramattan-Studios in Gaza. Beruhigend wirkten die Live-Einstiege der
Kollegin von CNN. Immerhin konnte man hoffen, dass dadurch auch der israelische
Generalstab über die Anwesenheit westlicher Journalisten auf einem
der größten Hochhäuser der Stadt informiert war.
Der Preis, den die Bewohner des eingekesselten Gazastreifens mit ihren
toten Familien zahlen, interessiert die Israelis genauso wenig wie die
Palästinenser die Ängste der Kinder auf den Straßen Sderots.
Ignoranz gegenüber dem menschlichen Leid der anderen Seite ist Teil
eines solchen Konflikts.
Eine zuversichtlichere Sicht als die meisten hat Evi Guggenheim-Shbeta,
Mitbegründerin des israelisch-arabischen Friedensdorfes Neve Shalom/
Wahat al Salam. Vor Jahren habe ich die auf halbem Weg zwischen Tel Aviv
und Jerusalem gelegene Siedlung unweit des Latrun-Klosters das erste Mal
besucht. Damals tobte die erste Intifada zwischen israelischer Armee und
den steinewerfenden palästinensischen Jugendlichen. Es war eine harte
Bewährungsprobe für das streng paritätisch aus israelischen
und arabischen Familien zusammengesetzte Dorf. Meine Tochter Neva wollte
dieses Gegenmodell zum Gift des Hasses zwischen den Völkern immer
schon mit eigenen Augen sehen. Inzwischen kann sich das Aufnahmekomitee
des Friedensdorfes vor Zuzugsanträgen kaum mehr erwehren, erzählt
Evi. Das mag auch mit den steigenden Grundstückspreisen in direkter
Umgebung der großen Städte zu tun haben. Pioniere wie die aus
der Schweiz stammende Evi und ihr Mann Eyas Shbeta haben aus dem einstigen
Stück ungerodeten Landes in 35 Jahren eine wunderschöne Gartenlandschaft
gemacht, das zieht die Leute an. Aber Evi meint, dass sie sich auch für
das inzwischen in ganz Israel bekannte Modell einer jüdisch-arabischen
Partnerschaft interessieren würden.
Michael Warshawsky, der langjährige Spiritus Rector des Alternativen
Informationszentrums und ein Veteran des israelisch-palästinensischen
Dialogs, führt uns im abgenutzten Familienauto durch die jüdischen
Siedlungen rund um Jerusalem. Warshawsky stieß als junger Jeshiwa-Schüler
zur neuen Linken, er war Aktivist in der legendären israelischen
68er-Organisation Matzpen gewesen.
Jerusalem liegt hinter uns, es geht über die Anhöhe von Pisgat
Zeev in die Siedlung Geva Benjamin. So weit das Auge reicht, gehört
der Boden israelischen Siedlern. Die in den Tälern liegenden arabischen
Dörfer sieht man nicht. Diese Besiedlung ist ein Mittel der systematischen
Landnahme, sagt Warshawsky. Was man sieht, ist ein kaum unterbrochener
israelischer Kolonisierungsprozess auf palästinensischem Boden. Straßen,
Tankstellen und Geschäfte werden zu Symbolen für den von Israel
beanspruchten Raum. Fast alle Hügel rund um Jerusalem bis knapp an
die Grenze zu Jordanien sind mit den an ihren roten Dächern leicht
erkennbaren modernen Burgen bebaut. Da zum Gemeindegebiet einer Siedlung
ein viel größeres Territorium gehört als ihre bebauten
Straßenzüge, besitzen die Siedler heute nach Berechnungen des
Politikwissenschaftlers Meron Benvenisti zwischen 45 und 55 Prozent vom
Grund der Westbank.
Die Trennmauer zwischen Israel und der Westbank, die außerhalb des
Stadtgebietes zur Befestigungsanlage wird, windet sich über Hänge
und durch Täler. Michael Warshawsky manövriert das Auto durch
die Straßen von Abu Dis, einem außerhalb der Mauer gelegenen
arabischen Stadtteil Jerusalems. Kilometerlang geht es an der hier überlebensgroß
wirkenden Befestigungsanlage vorbei. Sie hat mitgeholfen, Leben in Israel
zu retten, daran ist nicht zu rütteln. Aber die Vorstellung, dass
so ein monströses Konstrukt den Konflikt auf Dauer entschärfen
kann, ist absurd. Ganz wie einst die Berliner Mauer ist die Konstruktion
an manchen Stellen mit Graffiti übersät. "Peace, not Apartheid"
steht da geschrieben. "Fuck the Wall", "Fuck Israel".
Die Fundis sind unbestechlich
Am nächsten Tag bringt uns ein Palästinensertaxi von Jerusalem
nach Dheishe, einem Flüchtlingslager unweit von Bethlehem, und dann
weiter nach Hebron, der umkämpften Stadt im Süden der Westbank.
Erstmals sind auch Arafat-Poster zu sehen, der tote Palästinenserpräsident
scheint sonst aber so gut wie vergessen zu sein. Wegen Korruption und
Misswirtschaft war Al Fatah auch hier abgewählt worden. Selbst viele
Christen haben in Bethlehem aus Protest die Hamas gewählt.
Achmed arbeitet von einem Büro in Bethlehem aus mit dem Alternativen
Informationszentrum in Jerusalem zusammen. Er liefert Material für
das international verbreitete Informationsmagazin News from within. Der
ununterbrochene Ausbau der Siedlungen ist das beherrschende Thema. Die
Hamas hat seiner Meinung nach auch nach dem Anti-Fatah-Putsch in Gaza
nicht an Einfluss verloren, der Nimbus der Unbestechlichkeit hilft den
Fundamentalisten. Schlussendlich werden auch Hamas und Israel verhandeln,
glauben alle in seinem Büro. Aber bis dahin wird noch viel Blut fließen.
Dieses Argument hören wir immer wieder, auch wenn es um die Kassam-Angriffe
aus Gaza geht. Der Beschuss würde innerhalb von 24 Stunden aufhören,
wenn Israel mit der Hamas-Führung Verhandlungen aufnähme, sagt
ein palästinensischer Journalist. Israel müsse der Hamas etwas
anbieten, zum Beispiel ein Ende der gezielten Ermordungen von Führungspersönlichkeiten.
Auf dem Weg nach Hebron legen alle Passagiere im palästinensischen
Sammeltaxi wie auf Kommando einmal die Sicherheitsgurte an, dann wieder
ab. Wir verstehen nicht warum, unser Begleiter lacht und erklärt:
Von jetzt an seien wir im Palästinensergebiet, da gäbe es kein
Gesetz, da könne man die Sicherheitsgurte ruhig abschnallen. Vor
ein paar Tagen sind hier zwei israelische Soldaten in Zivil erschossen
worden, die Anspannung ist an jeder Kreuzung spürbar.
Die Lage in Hebron hat sich in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich
verschlechtert. In den Achtzigerjahren besuchte ich die nahegelegene Siedlung
Kyriat Arbaa, die wegen ihrer politischen Militanz bekannt war. Einwände
gegen die Siedlertätigkeit hatte der wortgewaltige Sprecher der Lobbygruppe
Gush Emunim, Eliakim Haetzni, damals mit dem Argument weggewischt, judenfreie
Gebiete werde es in Judäa und Samaria nie mehr geben. Kyriat Arba
liegt außerhalb der Stadtgrenzen von Hebron. In der Stadt selbst
gab es in den Achtzigern nur wenige jüdische Stützpunkte, streng
bewacht vom israelischen Militär. Inzwischen haben sich immer mehr
Siedler in mit Stacheldraht und Überwachungskameras umgebenen Häusern
eingebunkert.
700 rechtsradikale Siedler inmitten von 160.000 strenggläubigen,
palästinensischen Moslems - ein Pulverfass. Nirgendwo sonst bewegen
sich israelische Militärs so angespannt wie hier. Als wir an einer
Kreuzung plötzlich einer Handvoll Soldaten gegenüberstehen,
die mit der MP im Anschlag in alle Richtungen zielen, haben wir genug
und nehmen das Taxi zurück.
Vor der Reise nach Beirut besuchen wir Yad Vashem, die erneuerte Gedenkstätte
für die Shoa. Die israelische Institution steht dem Holocaust-Museum
in Washington in nichts mehr nach, so aufwendig ist die Darstellung der
Stationen des Völkermords der Nazis. Es gibt Führungen in hebräischer,
englischer, französischer und russischer Sprache. Nach den letzten
Stationen der Gedenkstätte steht man schließlich auf einem
Balkon mit einem weiten Ausblick über die Täler um Jerusalem.
Die Landschaft wirkt erlösend nach dem Horror der europäischen
Vergangenheit.
Sind die antijüdischen Vorurteile gegen Israel für den Konflikt
verantwortlich?, wollen wir von unseren Gesprächspartnern wissen.
Bei der Kundgebung der "Frauen in Schwarz" in Jerusalem erklärt
uns Ronni Hammermann den wechselseitigen Aufbau von Feindbildern. An den
Wochenenden geht sie zum "Checkpoint Watch", um den israelischen
Soldaten auf die Finger zu schauen. Araber werden hier von vielen Besatzungssoldaten
nicht als menschliche Wesen angesehen, sagt Hammermann, sie sind in ihren
Augen nicht besser als Tiere. Quälereien und Erniedrigung sind alltäglich.
Eine Haltung, die sich im antijüdischen Hass vieler Palästinenser
widerspiegelt, für die die Soldaten am Checkpoint "die Juden"
sind. Von "Israelis" und "Palästinensern" spricht
vor allem die Linke, sagt Michael Warshawsky. Bei einfachen Leuten dominieren
ethnische Bezeichnungen, Juden und Araber.
In Beirut: Hitler und Che
Über Amman fliegen wir in die eineinhalb Jahre nach der letzten israelischen
Invasion vom Bürgerkrieg bedrohte libanesische Hauptstadt Beirut.
Meine Tochter Neva erkundigt sich bei Hazim Saghie, einem befreundeten
Kolumnisten der Tageszeitung Al Hayat, nach der Rolle des Antisemitismus
im Nahostkonflikt. Er sagt, der europäische Antisemitismus hätte
auf den Fieberfantasien von vergifteten Brunnen und Kindesmord beruht,
im Nahen Osten gäbe es dagegen seit Jahrzehnten einen realen Interessenkonflikt
im Kampf zweier Völker um Boden. Dass dabei auch auf die alten antisemitischen
Mythen aus Europa zurückgegriffen werde, sei richtig - ihr Stellenwert
sei aber ein anderer.
Für ideologische Verwirrungen scheint das geplagte Beirut ein fruchtbarer
Boden. Eine Buchhandlung im Stadtteil Hamra wirbt mit Hitler- und Che-Guevara-Plakaten.
Die "Protokolle der Weisen von Zion" kann man sowieso nahezu
überall als Sachbuch kaufen. Im Babel Theater hören wir Norman
Finkelstein, den umstrittenen amerikanischen Politologen. Er hat sich
in den USA wiederholt mit halsbrecherischem Wagemut gegen die Pro-Israel-Lobby
gestellt. In Beirut spricht er seinem Publikum nach dem Mund. Zur Begeisterung
der Zuhörer findet Finkelstein sogar lobende Worte für Hisbollah-Scheich
Nasrallah, dem einzigen arabischen Politiker, der von Israel respektiert
würde.
Richtig ist: Die Hisbollah wurde von Israel nicht besiegt. Das unterscheidet
Nasrallah vom jordanischen König oder dem ägyptischen Präsidenten.
Aber jetzt hält er den ganzen Libanon als Geisel seiner Sucht nach
Konfrontation mit dem Nachbarn im Süden. Am Stadteingang von Baalbek,
der Stadt mit der ausgedehntesten antiken Tempelanlage der Erde, hat die
Hisbollah einen erbeuteten israelischen Panzer zum Siegesdenkmal erhoben.
Die Hisbollah führt einen Stellvertreterkampf für den Iran
und Syrien, der prowestliche Teil des Landes wird nicht müde, das
anzuprangern. Um im Gegenzug von der mit der Hisbollah verbündeten
"Linken" zu hören, die Regierung in Beirut erfülle
nur die Geschäfte der USA und Israels. Wie der Konflikt ausgeht,
hängt von der geopolitischen Konstellation zwischen Washington und
Teheran, Damaskus und Jerusalem ab.
Dieses Gefühl der Hilflosigkeit ist bei den Menschen auf allen Seiten
der Front zu spüren. Das haben wir auf unserer Reise in den Lagern
von Sabra und Schatila und in Baalbek ebenso festgestellt wie in Jerusalem,
Bethlehem und Hebron. In Tel Aviv, dem vom Konflikt mental so weit entfernten,
boomenden Zentrum Israels, kommt noch Verdrängung der Realität
der Besetzung dazu. Die israelisch-palästinensische Auseinandersetzung,
obwohl immer wieder blutig und heiß, wird gleichzeitig zu einem
der gefrorenen Konflikte dieser Erde. Obwohl auf beiden Seiten eine deutliche
Mehrheit zu schmerzlichen Kompromissen bereit wäre. Der Zwang müsste
wahrscheinlich von außen, von einer neuen US-Administration kommen.
An den von George W. Bush gestarteten Verhandlungsprozess glaubt kaum
jemand.
Meine Tochter Neva, die mich zu dieser Fahrt gedrängt hat, konnte
auf der gemeinsamen Politreise erleben wie trügerisch einfache Wahrheiten
sind, wenn starke Legitimationen verschiedener Völker aufeinanderprallen.
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