Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Die Selbstkritik der "New York times", 2.6.2004

Die amerikanischen Zeitungen muessen sich dieser Tage haeufig entschuldigen. Bei „USA Today“, der verbreitetsten Tageszeitung des Landes, musste der Chefredakteur gehen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Zeitung jahrelang erfundene Berichte ihres Starreporters Jack Kelley veroeffentlicht hatte. Die stolze „New York Times“ quaelte sich monatelang mit den aufgeflogenen Faelschungen des jungen Starreporters Jayson Blair. Howell Raines, der autoritaere Chefredakteur, dessen aggressiver Stil das Traditionsblatt konkurrenzfaehiger machen sollte, nahm den Hut . Zuletzt folgte eine hoechst ungewoehnliche Selbstkritik des Weltblattes zur unkritischen Berichterstattung ueber die angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins vor dem Irakkrieg.
Wenn sie tagtaeglich Fehler und Schwaechen in der Irakpolitik der Regierung anprangern, dann muessen sie das auch in Bezug auf die eigene Berichterstattung tun, begruenden die „New York Times“-Bosse ihren ungewoehnlichenSchritt. Allzuoft habe man fragwuerdige Informationen ueber Saddams Waffenarsenale als sicher dargestellt. Die berechtigten Zweifel an den Aussagen der Exiliraker um Ahmed Chalabi und seiner Freunde in Washington seien nicht ausreichend beruecksichtigt worden, man sei schlicht zu wenig regierungskritisch gewesen. Es ist ein bemerkenswertes Eingestaendnis, gehoert ehrliche Auseinandersetzung mit der vergangenen eigenen Linie doch ueblicherweise nicht zu den Erfolgsrezepten grosser Medien. Aber im harten Konkurrenzkampf auf dem amerikanischen Markt will die neue Fuehrung der „New York Times“ offensichtlich auf Glaubwuerdigkeit als ihr staerkstes Kapital setzen.
Das Mea Culpa aus New York wirft zusaetzlich tiefergehende Fragen zur Rolle der Medien unter den Bedingungen des sogenannten „Kriegs gegen den Terrorismus“ auf. Es kommt nicht zufaellig zu einem Zeitpunkt, an dem in den USA auch die etablierten Medien nach Monaten der patriotischen Anpassung wieder beginnen ihre traditionelle Kontrollfunktion wahrzunehmen. Zweimal hatte Generstabschef Richard Myers hoechstpersoenlich Moderator Dan Rather angerufen, um CBS von der Ausstrahlung der Folterbilder aus Abu Ghraib abzubringen. Sowohl dem Militaer als auch den Fernsehoberen bei CBS war voellig klar, was diese Fotos weltweit bewirken wuerden. Trotzdem hatte Myers nie eine Chance mehr zu erreichen, als eine Verschiebung um wenige Wochen. (Wie in einer vergleichbaren Situation grosse europaeische Sender gehandelt haetten, ob regierungsabhaengig oder nicht, kann man nur spekulieren.) Selbst in vielen konservativen Zeitungen ist heutzutage mehr skeptische Distanz zu den offi
ziellen Irak-Aussagen der Regierung zu spueren, als vor eineinhalb Jahre in den liberalen Blaettern der Grosstaedte.
Dass sich der neue „New York Times“- Chefredakteur Bill Keller zur Selbstkritik entschlossen hat, ist aber nicht auf schlechtes Gewissen allein zurueckzufuehren: in der „New York Review of Books“ hatte zuvor der Schriftsteller Michael Massing die gesamte Berichterstattung der meisten US-Medien zum Thema Irak einer vernichtenden Kritik unterzogen. Massing belegte ueberzeugend, wie TV-Networks und Zeitungen in jeder Phase des Buehnenstueckes „Saddam bedroht die Welt“ Einfluesterern der Regierung Bush und irakischen Exilpolitikern aufgesessen sind. Die grossartigen Enthuellungen ueber mobile Gifgaslabors, Aluminiumrohre fuer die Atomwaffenproduktion oder gefaehrliche Terroristenlager , die in Europa schon damals mit gebuehrender Skepsis aufgenommen wurden, fanden regelmaessig ihren Weg auf die Titelseiten. Michael Manning zeigt, dass es stets eine ausreichende Zahl qualifizierter Gegenmeinungen gab, die diese Behauptungen in Frage stellten. Zeitungen, Radio u
nd Fernsehen waren jedoch derart vom Wirbelwind der unweigerlich zum Krieg treibenden Enthuellungen erfasst, dass Zweifel verschaemt versteckt wurden.
Die Schwierigkeit bestand auch darin, liest man jetzt in der Selbstkritik der „New York Times“, dass Kriegsbefuerworter in der amerikanischen Regierung regelmaessig die wildesten Behauptungen irakischer Exilpolitiker bestaetigt haben. Zumeist waren die tollen Informanten schlichte Betrueger. Einen Mann namens Adnan Ihsan Saeed al-Haideri, der es mit der Behauptung, er persoenlich habe in Bagdader Privatvillen sowie in unterirdischen Bunkern an chemischen und biologischen Waffen gearbeitet, auf die Titelseite der „New York Times“ gebracht hatte, haben amerikanische Soldaten vor wenigen Wochen gebeten, ihnen die heissen Plaetze jetzt doch endlich zu zeigen. Sie mussten wieder unverrichteter Dinge abziehen: gefunden wurde nichts.
Das Merkwuerdige dabei ist, dass die „New York Times“ zu den wenigen Stimmen gehoert hat, die sich in den USA offen gegen die Irakinvasion ausgesprochen haben: „Nein zum Krieg“, hiess es in einem Editorial am 9.Maerz 2003. Dass die selbstbewussteste Redaktion des Landes der Kriegspropaganda trotzdem so haeufig auf den Leim gegangen ist, laesst nur einen Schluss zu und der ist ernuechternd: der Drang zur regierungstreuen Schlagseite ist offensichtlich selbst bei den besten Zeitung nahezu unwiderstehlich, wenn sich eine Gesellschaft im Kriegszustand fuehlt. Nur grundsaetzlich gesellschaftskritische Medien, wie das linke Wochenblatt „The Nation“, waren in den Monaten vor der Invasion gegen den Virus der patriotischen Gutglaeubigkeit immun gewesen. In der amerikanischen Oeffentlichkeit wirkt der ideologisch verbraemte „Krieg gegen den Terrorismus“ auch heute noch als maechtige Keule, der die Hinterfragung der offiziellen Politik erschwert.
In Europa sind hohe ethische Ansprueche im Journalismus eher selten. Beruhigend dagegen, dass aus der Gefahr von Terroranschlaegen niemand einen allgemeinen Kriegszustand ableitet. Auch der Vielfalt der europaeischen Oeffentlichkeit kann man in diesem Zusammenhang ihre guten Seiten abgewinnen: dass britische und franzoesische, deutsche und polnische Zeitungen unisono den gleichen Verfuehrungskuensten erlegen, erscheint wenig wahrscheinlich. Zu gross sind die Unterschiede in den oeffentlichen Traditionen. Den Reflex einer kollektiven Ausschaltung des kritischen Geistes erlebt der alte Kontinent dagegen regelmaessig, wenn ueber nationale Emotionen die Partikularismen der Einzelstaaten in den Vordergrund gedraengt werden. Und das passiert bekanntlich nicht so selten. Die Europaer haben damit wohl kaum einen Grund, ueber die ach so gutglaeubigen amerikanischen Medien die Nase zu ruempfen. Europa koennte nur profitieren, wenn klaerende Selbstkritik à la „New York Times“ auch ausserhalb der USA Schule machen wuerde.

 

 

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