Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Die Show von Annapolis, 28.11.2007


Merkwürdigerweise interessieren sich amerikanische Präsidenten im letzten Jahr ihrer Amtszeit, wenn sie längst zur "lame duck" geschrumpft sind, gerne für den israelisch-palästinensischen Konflikt. Das große Vorbild ist stets Jimmy Carter, der mit Menachem Begin und Anwar al Sadat einen Frieden verhandelte, der bis heute hält, auch wenn die Palästinenser dabei in verhängnisvoller Weise links liegen gelassen wurden.
Bill Clinton zwang Ehud Barak und Jassir Arafat zur Klausur nach Camp David, als er fürchten musste, ausschließlich wegen Monica Lewinsky in Erinnerung zu bleiben. Immerhin sind Israelis und Palästinenser einander unter amerikanischer Schirmherrschaft in den folgenden Nachverhandlungen bei der Ausarbeitung eines detaillierten Friedensplanes so nahe gekommen, dass beide Seiten genau wissen, wie die kniffligsten Fragen zu lösen wären. Billiger gab es George W. Bush, der noch bei seinem Amtsantritt Clintons Vermittlungsbemühungen in Bausch und Bogen verworfen hatte. Echte Verhandlungen sollen beim Nahosttreffen in Annapolis gar keine stattfinden. Die Administration begnügt sich mit einem Kick-off für die Wiederaufnahme des seit Jahren unterbrochenen sogenannten Friedensprozesses.
Die Sehnsucht nach Licht im langen Tunnel der gescheiterten Pläne und gebrochenen Versprechen ist groß. Ein lebensfähiger Palästinenserstaat, der laut der Road-Map der Großmächte schon seit 2005 als Basis einer israelisch-palästinensischen Versöhnung hätte funktionieren sollen, ist von der traurigen Realität in Westbank und Gaza weit entfernt. Selten sind Nahostverhandlungen mit derart intern zerstrittenen Akteuren begonnen worden. Ehud Olmert, der israelische Ministerpräsident, hat sich vom Fiasko des gescheiterten Libanonkriegs im vergangenen Jahr nicht wirklich erholt. Seine Konkurrenten konnte Olmert zwar ausmanövrieren, aber serienweise Skandale und verfeindete Koalitionspartner beeinträchtigen die Handlungsfähigkeit seines Kabinetts. Jede substanzielle Konzession würde die Regierung zum Platzen bringen, die von Labour-Chef Ehud Barak, der gerade versucht, seinen Chef in Sicherheitsfragen rechts zu überholen, bis zu Rechtsaußen Avigdor Lieberman reicht. Nach zahlreichen Versprechungen, den Alltag der Palästinenser in der Westbank leichter zu machen, um Präsident Mahmoud Abbas gegen Hamas den Rücken zu stärken, zählten die Vereinten Nationen im vergangenen November 572 Straßensperren. Fast fünfzig Prozent mehr als 2005, damals waren es 376.
Palästinenserpräsident Abbas sollte nach dem ursprünglichen Plan der große Nutznießer des Treffens in Annapolis sein. Nach dem Hamas-Putsch in Gaza hatte man die Idee, die Westbank durch europäisches Geld und die guten Ratschläge des Nahostbeauftragten Tony Blair zu stabilisieren, während das eingekesselte Gaza im Chaos versinkt. Aber Abbas hat eben nicht nur die Parlamentswahlen vom Jänner 2006 verloren, sondern 2007 auch beim innerpalästinensischen Bürgerkrieg den Kürzeren gezogen. Der Kurs auf Verhandlungen hat sich nicht ausgezahlt. Aus Israel muss sich Abbas ständig sagen lassen, dass er viel zu schwach sei, um als Partner für Friedensverhandlungen akzeptiert zu werden. Noch nie ist eine palästinensische Führung in Verhandlungen über ein Zusammenleben mit Israel eingetreten, die so wenig Rückhalt in der Bevölkerung hat, wie die heutige Fatah-Führung.
Nicht viel besser ist es um die amerikanische Administration bestellt, die massiv engagiert bleiben müsste, wenn von den Versprechungen von Annapolis etwas übrigbleiben soll. Condoleezza Rice, deren Baby das große Treffen war, hat sich durch ihre wiederholten Schwenks politisch nachhaltig beschädigt. Noch hat man ihre großspurigen Ansagen über die "Geburtswehen eines Nahen Ostens" und eine völlige Neuorientierung der amerikanischen Nahostpolitik in Richtung Demokratie und Menschenrechte im Ohr. Inzwischen ist das State Department wieder kleinlaut zum Machtpoker alten Stils zurückgekehrt. Für die einflussreichen Hardliner um Vizepräsident Dick Cheney ging es in Annapolis mehr um den Iran als um Palästina. Eine Allianz aller prowestlichen Kräfte der Region gegen den Iran ist das Ziel, die vom saudischen König über den israelischen Ministerpräsidenten bis zur palästinensischen Fatah reichen soll. Sogar das syrische Regime, dessen Agenten gerade dabei sind, den Libanon in die Luft zu sprengen, bekommen signalisiert, dass sie willkommen wären, wenn sie sich von Teheran abwenden. Der israelisch-palästinensische Konflikt soll da kein Hindernis sein, daher haben die Hardliner Annapolis überhaupt akzeptiert. Wenn das liberale britische Magazin Economist George W. Bush deshalb als "Mr. Palestine" in den Himmel hebt, hat das etwas Lächerliches. Der Präsident ist durch den Irakkrieg schwer belastet. Die Administration gerade in der Nahostpolitik intern schwer zerstritten. Den langen Atem für Friedensverhandlungen, zu dem die Bereitschaft gehören müsste, Druck auf die israelischen Freunde auszuüben, traut diesem Team niemand zu.
Die wenigen Hoffnungsschimmer im Nahen Osten kommen nicht von morschen Regierungen und feigen Politikern, sondern von den beiden Völkern, in denen die Stimmen der Versöhnung trotz aller Enttäuschungen lebendig geblieben sind. Meinungsumfragen bestätigen, dass die grundsätzliche Bereitschaft zu Kompromissen groß ist. Mit Zweidrittelmehrheit befürworten unverändert die Palästinenser eine Zweistaatenlösung. 64 Prozent der Israelis wollen Friedensverhandlungen. Der ehemalige Geheimdienstchef, Ami Ayalon, und sein palästinensischer Partner, der Philosoph Sari Nusseibeh, sammeln unverdrossen Unterschriften unter ihre inoffizielle Friedensinitiative. Jerusalem als die Hauptstadt zweier Staaten und ein Territoriumstausch bei Rückkehr auf die Grenzen von 1967 sind die Kernpunkte. Noch detaillierter sind die Vorschläge der Genfer Initiative, die vom ehemaligen israelischen Justizminister Jossi Beilin und dem PLO-Politiker Yasser Abed Rabbo auf der Grundlage der Verhandlungen in Taba aus der Clinton-Zeit ausgearbeitet wurden. Vor Beginn von Annapolis demonstrierten die Aktivisten vor dem Amtssitz von Ministerpräsident Olmert für einen Kurswechsel der Regierung in Jerusalem. Exgeheimdienstler Ami Ayalon durchbricht sogar ein von den USA und Israel aufgestelltes und von der EU sklavisch nachgebetetes Tabu und befürwortet Gespräche mit der fundamentalistischen Hamas. Als Shin-Beth-Chef habe er mehr Araber getötet als Hamas Juden, argumentiert der Friedensgeneral. Sein palästinensischer Partner Sari Nusseibeh will das Rückkehrrecht der Flüchtlinge von 1948 auf den künftigen palästinensischen Staat beschränken. Wenn unkonventionelle Ideen auf beiden Seiten wieder breiter diskutiert werden, hat vielleicht auch die Show von Annapolis einen Sinn gehabt.

 

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