Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Die Treibjagd des Westens gegen Julian Assange, 15.12.2010

Bereits vor mehr als 20 Jahren, lange vor dem Internet und Jahrzehnte vor WikiLeaks, war es im Moskau der Glasnost eine heiß diskutierte Frage: Wie soll ein Staat funktionieren, wenn es keine Behörde gibt, die sensible Informationen und geheime Akten vor der Veröffentlichung schützt?
Der oberste Zensor der Sowjetunion, ein traurige, alte Mann, musste nicht nur erleben, dass Michail Gorbatschow sein Amt auflöste, sondern auch noch den Reportern Rede und Antwort stehen. Dass in westlichen Redaktionen wirklich keine Zensoren sitzen, konnte er nicht glauben.
Bei Pressefreiheit ist die Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen erlaubt, selbst dann, wenn der Geheimnisverrat selbst geahndet wird, lautete damals die Antwort von uns westlichen Korrespondenten.
1971 hatte das amerikanische Höchstgericht gegen die Nixon-Administration das Recht der New York Times verteidigt, die Pentagon Papiere über den Vietnamkrieg zu veröffentlichen. Informierte und kritische Bürger sind die Voraussetzung der Demokratie, argumentierten die Richter. Erst die Pressefreiheit ermöglicht die Kontrolle der Staatsmacht.
Daniel Ellsberg, der die geheimen Unterlagen entwendet hatte, bekam zwar ein Strafverfahren, wurde aber zur Symbolfigur einer aufgeklärten Öffentlichkeit.
Die Drohgebärden gegen WikiLeaks und das Kesseltreiben gegen Julian Assange seit der Veröffentlichung der amerikanischen Diplomatenpost sind dagegen der Versuch eines globalen Rollbacks der medialen Freiheiten unter den Bedingungen des Internets.
Der Rollenwechsel ist spektakulär. Noch vor einem Jahr protestierten die USA gegen chinesische Internetattacken auf die Suchmaschine Google. Hillary Clinton pries die Rolle zensurfreier Medien im Internet als lebenswichtiges Korrektiv in autoritär regierten Ländern.
Inzwischen sind es die Regierungen der demokratischen Welt selbst, die WikiLeaks zum Schweigen bringen wollen. Höchste Regierungsstellen in Washington DC üben massiven Druck auf Computerdienste, Kreditkarten und Banken aus. Pay Pal, der Internet-Zahlungsdienst, hat WikiLeaks als Kunde ebenso gekündigt wie Amazon, Mastercard, Visa und andere für das Funktionieren der Internet-Plattform lebenswichtige Dienstleister.
Bisher konnte sich das Aufdeckermedium behaupten. Der diplomatische E-Mailverkehr, mit faszinierenden Einblicken in den Meinungsbildungsprozess der Mächtigen, ist sowieso längst in den Händen der fünf besten Zeitungen der Welt.
Die ungehemmte Rache der entblößten Supermacht trifft jedoch WikiLeaks-Gründer Julian Assange. Die USA haben den eigenwilligen Australier zum Staatsfeind Nummer eins erklärt. Die patriotisch auf munitionierte Öffentlichkeit rückt ihn in die Nachbarschaft zu Al Kaida. Senatoren verlangen seine Auslieferung in die USA und Mike Huckebee, ein Präsidentschaftskandidat der Republikaner, würde ihn gar am liebsten hinrichten lassen. Unter Berufung auf ein Gesetz aus dem 1.Weltkrieg überlegt die Obama-Regierung eine Anklage wegen Spionage.
Die Treibjagd gegen Assange war von Anfang an Teil der staatlichen Frontbildung gegen WikiLeaks. Zwei Mitarbeiter in Kenya wurden auf offener Straße ermordet, andere sind in Haft. Bei seinen Reisen fühlt er sich beschattet, Gepäckstücke verschwinden auf mysteriöse Weise. Bei einem Besuch im Europaparlament in Brüssel vor wenigen Wochen glaubte Assange noch, seine Sicherheit wäre vor allem bei Amerikabesuchen in Gefahr. Inzwischen brachte ihm die merkwürdige Affäre um Vergewaltigungsvorwürfe zweier weiblicher Fans in Schweden einen europäischen Haftbefehl ein. Das Gericht in London verweigerte vorerst die sonst übliche Freilassung gegen Kaution.
Die Theorie von einer aus den USA ferngelenkten Honey Trap, die in schwedischen Hackerkreisen zirkuliert, lässt sich nicht belegen. Aber die Umstände sind so eigenartig, dass man auch als notirischer Skeptiker gegenüber Verschwörungstheorien diesmal eher bewiesen haben will, wieso es sich nicht um eine Verschwörung handeln kann.
Für die Sicherheit der amerikanischen Diplomatenpost ist das State Department verantwortlich, nicht Julian Assange. Der Feldzug gegen WikiLeaks steht in krassem Widerspruch zur Tradition von Freiheit und Demokratie, die im Textverkehr der US-Diplomatie eine übrigens erfreulich wichtige Rolle spielen. Brasiliens Präsident Lula hat recht: er ruft zur Solidarität mit den unbequemen WikiLeakern auf .

 

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