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Die alten
Methoden des Mossad, 3.3.2010
Terror gegen Einzelne war
bei den klassischen Marxisten des späten 19. Jahrhunderts verpönt,
weil man überzeugt war, dass Charaktermasken der Herrschenden leicht
ersetzbar sind. Unter umgekehrten Vorzeichen bestätigt sich diese
Sichtweise im Nahen Osten. Kaum ein Staat hat über so lange Zeit
gezielt Vertreter einer feindlichen Nationalbewegung ermordet wie Israel.
Der lange Arm des israelischen Geheimdienstes trifft Bombenbauer und Terroristen,
palästinensische Politiker und Strategen in allen Teilen der Welt.
Steven Spielbergs "München" hat den im Auftrag Golda Meirs
organisierten Rachefeldzug quer durch Europa nach dem Massaker bei den
Olympischen Spielen 1972 filmisch nachgezeichnet. Häufig wurden die
Falschen getötet, und es gab Missgeschicke jeder Art. Der Mossad
gilt trotzdem als einer der besten Geheimdienste.
Aber jetzt fragt sich die israelische Öffentlichkeit, ob die vielgerühmten
Agenten ihr Land wirklich sicherer machen. Die Ermordung eines hohen Hamas-Funktionärs
in einem Hotelzimmer in Dubai ist zum politischen Debakel geworden. Dabei
schien der Plot vorerst aufzugehen. Der für die Verbindungen zum
Iran zuständige Mahmud al Mabhuh wurde so gekonnt erstickt, dass
die Behörden anfangs an einen natürlichen Tod glaubten. Alle
Mitglieder des Kommandos konnten unerkannt ausreisen.
Aber der Mossad leidet an einem "Überlegenheitskomplex",
so der britische Economist. Die arabische Gegenseite wird systematisch
unterschätzt. Offensichtlich hatten die Chefs in Jerusalem keine
Vorstellung, zu welch solider Arbeit die Polizei in Dubai fähig ist.
Gleichzeitig nahm man die sicherheitspolitischen Veränderungen seit
dem 11. September 2001 nicht wirklich ernst. Sie behindern nicht nur vogelfreie
Terroristen, sondern auch staatliche Kommandos. Werden doch fremde Pässe
bei der Einreise von den Grenzern fotografiert. Rund um die Uhr laufen
die Überwachungskameras auf Straßenkreuzungen, in Bars und
Hotels. Noch nie hat eine Geheimdienstaktion so viele Spuren hinterlassen.
Von der EU bis zur australischen Regierung protestieren Freunde Israels.
Unbescholtene Staatsbürger in Israel und Großbritannien, deren
Identität der Mossad für den Einsatz gestohlen hat, fürchten
um ihr Leben. Israelische Sprecher verweisen darauf, dass die Fälschung
von Pässen mehr Empörung hervorruft als der Akt der Tötung
selbst. Tatsächlich gehören gezielte Exekutionen ohne jedes
rechtsstaatliche Verfahren inzwischen zum Standardrepertoire des weltweiten
Antiterrorkampfes.
Aber im Gegensatz zur Al-Kaida haben die Palästinenser in den Augen
der Weltöffentlichkeit ein legitimes Anliegen. Die Hamas hat einst
demokratische Wahlen gewonnen und den Angriff der israelischen Streitkräfte
auf Gaza überlebt. Eine dauerhafte Friedenslösung im Nahen Osten
ist unmöglich, ohne die Fundamentalistenpartei einzubinden. Wenn
Israel Killer ausschickt, statt Verhandlungskanäle aufzumachen, dann
perpetuiert es die Gewalt. "Isolationistischen Militarismus"
diagnostiziert der linksliberale britische Guardian.
Zur professionellen Blamage des Geheimdienstes kommen Glaubwürdigkeitsprobleme
der Regierung Netanyahu im Umgang mit dem Völkerrecht. Selbst die
braven Höchstrichter der Union sehen sich zur Feststellung genötigt,
dass Waren aus den jüdischen Siedlungen der besetzten Gebiete in
Europa zu Unrecht als israelische Produkte verkauft werden. Die Entscheidung
kommt einem Strafzoll für die Siedler gleich, die immerhin ein Drittel
aller israelischen Importwaren für Europa produzieren.
Die Entlastungsoffensive der Geheimdienste lautet: Keine Sorge, wir haben
die Lage unter Kontrolle, denn unsere Spione sitzen in Schlüsselpositionen
aller palästinensischen Organisationen. Tatsächlich hat auch
der Sohn eines legendären Hamas-Gründers die israelischen Behörden
jahrelang vor Selbstmordattentaten gewarnt. Ein palästinensischer
Verräter soll geholfen haben, den Hamas-Führer in Dubai aufzuspüren.
Die Paranoia vor allgegenwärtigen israelischen Spitzeln vergiftet
das Leben in den besetzten Gebieten. Politisch wäre es aber ein verhängnisvoller
Rückschritt, wenn in der Palästinenserpolitik Israels die Polizei
wieder ins Zentrum rückte. Für echte Verhandlungen wäre
kein Platz mehr.
Ersetzbar sind in diesem nicht enden wollenden Konflikt die Führungsfiguren
auf beiden Seiten. Den Beweis könnte Hamas bald liefern, sollte sich
die Organisation dazu entschließen, ihren Kleinkrieg in der Westbank
wieder aufzunehmen.
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