Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Die jüdische Lobby existiert nicht, 8.9.2010

Karel de Gucht ist ein angesehener Europapolitiker. Der flämische Liberale war belgischer Außenminister und ist als Außenhandelskommissar ein Schwergewicht in der EU. Den neuen Friedensgesprächen zwischen Israelis und Palästinensern gibt er wenig Chancen, weil "die jüdische Lobby" in Washington einen übergroßen Einfluss auf die amerikanische Nahostpolitik habe. Für "den durchschnittlichen Juden" sei die Haltung zu Israel eine Glaubensfrage, rationalen Argumenten zum Nahen Osten seien Juden nicht zugänglich.
Eine krude Pauschalierung, deren Unterton dem Belgier den Vorwurf des Antisemitismus eingebracht hat, was de Gucht empört von sich weist. Israel ist inzwischen international weitgehend isoliert und wahrscheinlich teilen viele insgeheim die Ansicht, "die Juden" wären eine Art Großlobby für den ungeliebten Staat. Der Schritt zum Bild einer weltumspannenden Verschwörung ist dann erfahrungsgemäß nicht weit.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. AIPAC, das American Israel Political Affairs Commitee, ist natürlich tatsächlich eine der einflussreichsten Lobbygruppen der USA. Aber gerade die Obama-Administration hat die von Hardlinern bestimmten Israel-Lobbyisten ignoriert wie kaum eine andere Regierung zuvor. AIPAC gar zu "der jüdischen Lobby" hochzustilisieren ist angesichts der vielen unterschiedlichen Strömungen in den jüdischen Gemeinden schlicht falsch. Im Gegenteil: Immer stärker tritt eine neue Organisation namens J Street auf, die von den USA explizit ein entschlosseneres Engagement für Kompromisse mit den Palästinensern verlangt. Im Disput um das Islamische Kulturzentrum in der Nähe von Ground Zero in Manhattan stellt sich J-Street-Vorsitzender Jeremy Ben-Ami auf die Seite der Betreiber des geplanten Cordoba-Hauses.
Israel versteht sich nicht als Staat der auf seinem Territorium lebenden Bürger, sondern als Gemeinwesen für alle Juden der Welt, das macht die Besonderheit seiner zionistischen Grundlage aus. Nach der Erfahrung des Völkermords durch die Nazis hat sich daraus eine enge Verbindung zu den Gemeinden überall in der Welt gebildet, inklusive starker emotionaler Solidarität. Prominente jüdische Zionismuskritiker, wie der kürzlich verstorbene britisch-amerikanische Historiker Tony Judt, sind in ihrer Jugend nach Israel geeilt, um bei der Verteidigung des Landes im Sechstagekrieg mitzuhelfen.
Aber seit die Siedlungspolitik in der Westbank zum Haupthindernis für den Frieden wurde, häufen sich auch von jüdischer Seite die Proteste. Grundsätzliche Einwände gegen die zionistische Kolonisierung, wie sie vom Veteranen der israelischen Friedensbewegung, Uri Avnery, oder dem amerikanischen Zionismuskritiker Noam Chomsky formuliert werden, sind nichts Neues.
Erstmals treten in Europa jetzt auch jüdische Persönlichkeiten gemeinsam mit harter Kritik an der Besiedlung der Westbank und Ostjerusalems auf, die als Unterstützer Israels bekannt sind. Unter dem Namen J Call wurde im vergangenen Frühjahr im Europäischen Parlament eine Initiative nach dem Vorbild der amerikanischen J Street gestartet. Unter den tausenden Unterzeichnern: die französischen Starphilosophen Bernard-Henry Lévy und Alain Finkielkraut oder der österreichische Schriftsteller Doron Rabinovici. Von den offiziellen Jüdischen Gemeinden fordern die Unterzeichner die dringend nötige größere Unabhängigkeit von der Regierung in Jerusalem. Auch Druck auf Israel, um zu einem palästinensischen Staat zu kommen, ist nicht mehr tabu. Vom Bild des proisraelischen Monolithismus, das Karel de Gucht zeichnet, ist man weit entfernt.
Selten sind Friedensgespräche mit so geringen Hoffnungen verbunden worden, wie jetzt zwischen Benjamin Netanjahu und Abu Abbas. Israelische Rechtsextreme und die fundamentalistische Hamas wollen ein Scheitern. Aber irgendwann wird es einen palästinensischen Staat neben Israel geben müssen. Eine Fortsetzung des Kolonisierungsprozesses in den Palästinensergebieten, der aus Israel endgültig ein neues Südafrika mit angeschlossenen rechtlosen Bantustans machen würde, stößt auch Freunde und Verbündete ab. Die große Frage, ob der Rechtspolitiker Benjamin Netanjahu das Zeug hat, die Konsequenzen zu ziehen, muss offenbleiben. Wenn dazu Druck aus Washington oder Brüssel erforderlich ist, dann wären die meisten jüdischen Bürger in den USA oder in Europa einverstanden, auch wenn das nicht in das anachronistische Stammesdenken von Karel de Gucht passt.

 

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