Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Die nächste Krise,8.8.2007


Wie gebannt blickte die Welt seit Monaten nach Teheran. Der Konflikt um das iranische Atomprogramm zeichnete sich nach dem Irak als drohende nächste Weltkrise ab. Jetzt könnte es sich empfehlen, die Aufmerksamkeit einige Längengrade in Richtung Osten zu verschieben, wo Afghanistan implodiert und das Militärregime von Pakistans Pervez Musharraf seine bisher größte Krise durchmacht. Die USA beschuldigen die pakistanischen Verbündeten, durch ihre Nachsicht gegenüber islamisch-fundamentalistischen Kräften in den offensichtlich unkontrollierbaren Stammesgebieten unweit der afghanischen Grenze ein Comeback von El Kaida zu ermöglichen. Die mit El Kaida verbündeten Taliban, die 2001 von den USA und ihren Verbündeten der Nordallianz vertrieben wurden, haben sich mit der Geiselnahme ausländischer Helfer endgültig als Machtfaktor etabliert. Eine vom Westen gefürchtete große militärische Sommeroffensive der Taliban ist zwar ausgeblieben. Aber die Entführung der südkoreanischen Missionare auf der weit von der Grenzregion entfernten Straße von Kabul nach Kandahar bestätigt, wie prekär die Situation geworden ist. Vergleiche mit der Zeit der sowjetischen Besatzung drängen sich auf.
Sogar die im Vorwahlkampf stehenden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten registrieren, wie explosiv die Situation geworden ist. Barack Obama, der charismatische Senator aus Chicago, der seinen demokratischen Mitbewerbern gerne ihre frühere Unterstützung für den Irakkrieg vorwirft, droht Pakistan mit einer militärischen Intervention der USA. Sollten die Taliban und El Kaida weiter ungestraft im pakistanischen Grenzgebiet agieren, würde eine amerikanische Regierung unter seiner Führung den "Krieg gegen den Terrorismus" von Afghanistan aus selbst über die Grenze tragen. Ähnliche Drohungen waren auch schon von der Regierung Bush zu hören. Anders als beim Irak oder dem Iran ist im Fall Pakistans eines todsicher: Der Staat, um den es diesmal geht, verfügt über Atomwaffen.
Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf war in den vergangenen Jahren einer der engsten Verbündeten der Regierung Bush. Ungeachtet häufiger islamisch-fundamentalistischer Fieberschübe im Land operieren pakistanische Geheimdienstkommandos Hand in Hand mit dem CIA gegen El Kaida. Mehrere hochrangige El-Kaida-Mitglieder, die in Guantánamo festgehalten wurden, sind ursprünglich in Pakistan aufgespürt worden. Aber die unwirtliche Grenzregion zu Afghanistan, in der sich Osama bin Laden aufhalten soll, erwies sich bisher als uneinnehmbar.
Pervez Musharraf, der vor neun Jahren durch einen unblutigen Militärputsch an die Macht gekommen ist, führt seit Wochen einen verzweifelten Überlebenskampf an zwei Fronten. Die islamistische Bewegung wurde durch das Massaker in der Roten Moschee in Islamabad, über das es wahrscheinlich nie genaue Opferzahlen geben wird, weiter radikalisiert. Bei Wahlen erreichten die radikal-islamistischen Parteien in Pakistan bisher nur sehr bescheidene Resultate. Der Kampf um das Erbe der nur wenige Häuserblocks vom Präsidentensitz gelegenen Roten Moschee und ihrer fanatischen Prediger könnte zu jenem politischen Kristallisationspunkt werden, der den Islamisten in Pakistan bisher gefehlt hat.
Dazu kam ein Aufstand der Justiz. Erstmals seit langem schafften auch die demokratischen Kräfte eine breite Mobilisierung gegen das Militärregime. Eine gute Nachricht aus einer Region, in der oft religiöse Extremisten die größten Schlagzeilen machen. Weil der Präsident vergangenen März einen unbotmäßigen Höchstrichter seines Amtes enthoben hatte, begannen Richter in voller Robe auf die Straße zu gehen. Studenten, Geschäftsleute und Vertreter der Mittelschichten schlossen sich den Protesten der ehrwürdigen Herren an. Endlich hatten auch jene Pakistanis, die der Herrschaft des Militärs ein Ende setzen wollen, aber mit den fanatischen Islamisten nichts zu tun haben wollen, ein Ventil. Als das Oberste Gericht nach langem Kräftemessen den umkämpften Höchstrichter, Iftikhar Muhammed Chaudhry, wieder in sein Amt einsetzte, tanzten die Menschen in den Straßen.
In seiner Not sucht Musharraf ein Bündnis mit der linken Pakistanischen Volkspartei und ihrer im Londoner Exil lebenden Vorsitzenden Benazir Bhutto. Sie war in den Achtzigern und Neunzigern Regierungschefin. Ihr Vater, ebenfalls demokratisch gewählter Regierungschef, war nach einem Putsch von den Militärs gehenkt worden. Ein Deal des Putschgenerals an der Staatsspitze mit der westlichsten Politikerin der pakistanischen Geschichte wäre das unnatürlichste Bündnis, das man sich vorstellen kann. Noch ist der Pakt nicht geschlossen. Musharrafs Amtszeit läuft ab. Ob er sich noch einmal zum Präsidenten küren lassen darf und Chef der Streitkräfte bleiben kann, ist Gegenstand des Streits mit dem Gericht.

Das pakistanische Militärregime wankt. Macht Bhutto mit dem General ihren Frieden, nur um wieder an die Regierung zu kommen, wäre das ein Geschenk an die extremistischen Prediger, die einmal mehr als die glaubwürdigste Opposition gegen ein korruptes Machtsystem erscheinen würden. Gelingt ihr eine Überwindung der Diktatur, dann wäre sie es, die in Zukunft mit El Kaida, den unzähligen islamistisch durchsetzten Geheimdiensten und religiösen Fanatikern fertig werden müsste. Ein riskantes Unterfangen, das durch die explosive Situation im benachbarten Afghanistan eine zusätzliche Dimension erhält.

Die Verbindung zwischen den Stammesgebieten in Pakistan, diversen Geheimdiensten und der paschtunischen Mehrheitsbevölkerung in Afghanistan war seit Jahrzehnten der wichtigste Faktor der afghanischen Entwicklung. Über Peschawar im pakistanischen Grenzgebiet organisierte der CIA die Aufrüstung der islamischen Mudschaheddin gegen die sowjetischen Truppen und deren linke Schützlinge in Kabul. Von der amerikanischen Operation profitierte auch ein dissidenter saudischer Millionärssohn namens Osama bin Laden, der seine Gotteskrieger gegen Mädchenschulen, gemäßigte Moscheen und andere regierungstreue Einrichtungen in den Kampf schickte. Selbst die in den Koranschulen der Flüchtlingslager entstandenen Taliban waren ursprünglich ein Exportartikel aus Pakistan.

Die USA haben dem Schicksal Afghanistans in der jüngeren Geschichte zweimal eine entscheidende Wendung gegeben: durch die massive Bewaffnung der islamischen Widerstandskämpfer in den Achtzigerjahren und durch den Sturz der Taliban 2001. In Pakistan blieb der Status quo einer von putschistischen Militärs und korrupten Eliten regierten und von islamistischen Metastasen durchsetzten Gesellschaft bestehen. Jetzt schlittert das Musharraf-Regime in Islamabad gleichzeitig mit der prowestlichen Regierung Karsai in Kabul in die Krise. Aber außer militärischen Drohungen scheint Washington diesmal recht wenig einzufallen.


 

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