Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Die neue EU-Skepsis Berlins bekommt Europa schlecht, 31.3.2010


Wird es das Sarajevo der europäischen Währungspolitik, wenn der Internationale Währungsfonds den Euro retten muss? Die Frage stellen die Grünen im Europaparlament, wo der Widerstand gegen die unpopuläre Washingtoner Institution im Zusammenhang mit dem Rettungspaket für Griechenland am stärksten ist. Beim Zerfall Jugoslawiens überließen die zutiefst gespaltenen Europäer die Völker des Balkans dem nationalistischen Wahnsinn mit Völkermord und Krieg. Erst das Engagement der USA beendete das Morden im Hinterhof der EU.
Der Vergleich des griechischen Finanzdebakels mit der Auflösung des alten Jugoslawiens ist natürlich übertrieben. Unter dem französischen Sozialisten Dominique Strauss-Kahn hat der Währungsfonds so manches monetaristische Dogma über Bord geworfen. Bei der Rettung Ungarns, Lettlands und Rumäniens funktionierte die Zusammenarbeit mit den Europäern gut. Sogar ein leichtes Ansteigen der Inflation auf vier Prozent kann sich der Chefökonom des Fonds inzwischen vorstellen, wenn die Wirtschaft weiter stagniert. Die konservativen Banker sind entsetzt.
Aber es ist unbestreitbar: Der geplante Rückgriff auf internationale Gelder, um die europäische Währung zu stabilisieren, ist ein spektakuläres Eingeständnis der Schwäche. Die Europäer signalisieren, dass sie mit einem Problem, das sie selbst verursacht haben, nicht alleine fertig werden. Werner Faymann, der dem Währungsfonds von Anfang an nicht so ablehnend gegenüber gestanden ist wie die meisten seiner sozialdemokratischen Parteifreunde, verweist auf das fehlende Finanzinstrumentarium in der EU. Das Argument stimmt nur teilweise. Sowohl die Europäische Zentralbank als auch die Europäische Kommission haben Vorschläge für einen rein europäischen Rettungsmechanismus ausgearbeitet.
Das Nein zu allen rein europäischen Lösungen war eine Entscheidung, die Angela Merkel erzwungen hat. Weil ohne Deutschland kein bedrohtes Euroland vor dem finanziellen Absturz bewahrt werden kann, blieb auch den IWF-Skeptikern nichts anderes übrig, als nachzugeben.
Der von Berlin durchgeboxte Mix aus bilateralen Krediten der Euroländer und internationalen Geldern gibt den Nationalstaaten das letzte Wort. Der europäische Anteil im Rettungsfonds kommt nicht von einem gemeinsamen Instrument, wie einer Euroanleihe oder ebenfalls diskutierten neuartigen Kreditfazilitäten der EU, sondern aus den Hauptstädten. Tritt der Notfall tatsächlich ein, dann werden die Abgeordneten in Berlin, Wien, Paris und Dublin diskutieren, ob Geld der Steuerzahler in Form von Krediten für Griechenland riskiert werden soll. Bis zum letzten Augenblick hat jedes Land ein Vetorecht. Eine komplizierte Konstruktion, deren einziger Sinn darin besteht, zu verhindern, dass die Nationalstaaten auch nur ein Quäntchen ihrer Souveränität abgeben.
Europa ist mit einem neuen Phänomen konfrontiert: EU-Skepsis im größten Mitgliedsland, in Deutschland. Jeden Tag kann man die Botschaft den vor Selbstgerechtigkeit nur so strotzenden Editorials im deutschen Blätterwald entnehmen: Die EU darf niemals zur Solidargemeinschaft werden. Höchstens schärfere Folterinstrumente gegen Budgetsünder will man Brüssel zugestehen.
Etwa 200 Milliarden Euro machen jedes Jahr die Transfersleistungen von Westdeutschland in den Osten aus. Das deutsche Bankenpaket belief sich auf 400 Milliarden, ähnlich tief griffen die anderen EU-Staaten in die Tasche. Die griechischen Politiker haben ihr Land ähnlich verantwortungslos geführt wie viele Banker ihre Institute. Aber bei 25 Milliarden Euro für den Rettungsfonds eines EU-Landes scheinen nationalistische Reflexe das Natürlichste der Welt, so fremd sind sich die Europäer nach wie vor.
Titelt die Bild-Zeitung ein *Nie wieder* zur Phrase von Deutschland als Zahlmeister Europas und das Establishment nickt dazu, dann läuten die Alarmglocken. Noch führt Wolfgang Schäuble, der Konservative aus der europäischen Tradition Helmut Kohls, einen beinharten internen Kampf gegen das Kanzleramt der eher gleichgültigen Merkel. Vielleicht besinnt sich die deutsche Politik nach den für die Regierungskoalition so wichtigen Wahlen in Nordrhein-Westfalen auf ihre europäischen Wurzeln.
Das Image der eisernen Lady bringt der Kanzlerin vielleicht innenpolitische Punkte. Ein Deutschland, das der Integration so kühl gegenübersteht wie Großbritannien, könnte Europa kaum vertragen.


 

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