Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Die politische Barbarei der Rechten könnte Obama stärken, 3.11.2010

Ein Debakel der Regierungspartei ist bei amerikanischen Midterm Elections fast die Regel. Sogar Ronald Reagan hat in der Mitte seiner ersten Amtszeit den Kongress verloren. Der Pendelschlag vom Triumph des linksliberalen Barack Obama zur Wiederauferstehung einer weit nach rechts abgerutschten republikanischen Partei geht jedoch besonders tief unter die Haut. Schien die weltweite Finanzkrise kombiniert mit dem Machtwechsel im Weißen Haus doch eine ganze Ära konservativer Hegemonie zu beenden.
Das Comeback der amerikanischen Rechten ist mit einer ziemlich einzigartigen medialen Polarisierung verbunden. Fox News, der zum Medienimperium Rupert Murdochs gehörende TV-Kanal, hat bei allem Trommeln gegen den Terror einst neben Meinung doch auch Informationen geliefert. Glen Beck, der aktuelle Fox News Superstar, zieht sein Millionenpublikum dagegen tagtäglich in eine paranoide Scheinwelt, in der ernsthaft diskutiert wird, ob Barack Obama Kommunist, Nazi, Moslem oder vielleicht gar kein Amerikaner ist. Auch bei der linksliberalen Konkurrenz von MSNBC überwiegt die Polemik. Die großen Sender mit ihrem journalistischen Ethos von Ausgewogenheit lassen das Publikum kalt.
Die rechtsradikalen Meinungsmacher haben die Anfangs zerstreute und chaotische Tea Party-Bewegung zum Machtfaktor im republikanischen Lager gemacht. Rechtsaußengruppen verteidigen seit langem als patriotische Milizen das uneingeschränkte Recht auf Schusswaffen oder machen als Minutemen an der Grenze zu Mexiko Jagd auf illegale Einwanderer. Als Tea Party verfügen sie mit Sarah Palin, der ehemaligen republikanischen Präsidentschaftskandidatin, jetzt über eine bundesweit bekannte Gallionsfigur. Das milliardenschwere Brüderpaar Charles und David Koch aus der Wirtschaft sorgt für die finanzielle Infrastruktur, wie der New Yorker kürzlich aufdeckte. Und Fox News bietet die nationale Medienbühne.
Der rechte Rand, der in Europa von Gert Wilders, Le Pen oder Hans Christian Strache vertreten wird, belebt in den USA die republikanische Opposition. Allerdings: der Aufstand gegen Obama ist vornehmlich weiß, männlich und über 50. Im jungen und multikulturellen Amerika ein Risiko. Der lebendige aber chaotische Vorwahlprozess hat politische Grenzgänger nach oben geschwemmt worden, die viele Wähler abstoßen. Christine O'Donnell, die in Delaware republikanische Senatorin werden will, hat früher mit Hexerei experimentiert und zieht gegen Masturbation zur Felde. Die nichtmasturbierende Hexe ist zur beliebten Spottfigur geworden.
Die liberale Linke fragt sich seit Monaten, warum der wortgewaltigen Barack Obama kein probates Mittel gegen diesen Ansturm der politischen Barbarei gefunden hat. Hat der Präsidenten in zwar Jahren doch mehr Weichenstellungen geschafft, als Bill Clinton in 8 Jahren. Die Krankenversicherung für alle? Sie wird als teure Obamacare verteufelt. Die Reform des Bankwesens? Sie ist angesichts unverändert riesiger Boni an der breiten Öffentlichkeit vorbei gegangen. Dass General Motors und Chrysler vor dem sicheren Tod gerettet wurden, scheint schlicht vergessen. Das Milliardenschwere Antikrisenpaket hat Amerika zwar vor dem Absturz in die Depression bewahrt, gilt aber den Linken als zu schwach, die Rechte sieht darin sowieso nur staatliche Verschwendung.
Da können Ökonomen noch so oft vorrechnen, dass ohne staatliche Stützungsmaßnahmen Millionen weitere Jobs verloren gegangen wären: für die Bürger sind Arbeitslosigkeit, Einkommensverluste und Delogierungen erst spürbar geworden, seit Barack Obama Präsident ist. Obwohl die Rezession Monate vor seinem Amtsantritt begonnen hat. In einer derart tiefen Krise, die noch lange nicht überstanden ist, tut sich jede Regierung schwer, ihre Anhänger zu den Urnen zu bringen.
Ein Einbruch bei Kongresswahlen muss noch keinen dauerhafte Richtungswechsel bringen. Tatsächlich hat Bill Clinton 1994 die konservative Revolution seines damaligen Gegenspielers Newt Gingrich ins Leere laufen lassen. Ein von der extremistischen Rechten beeinflusster Kongress könnte die Chancen für eine Wiederwahl Barack Obamas 2012 sogar verbessern, wenn die Wähler durch allzu radikale Positionen abgeschreckt werden. Dazu muss Obama allerdings jene Gruppe zurückgewinnen, die sich am raschesten von ihm abgewandt hat: die männlichen, weißen Arbeiter. Laut Umfragen würden sie heute mehrheitlich Sarah Palin wählen.
Vorläufig schafft es nur der TV-Satiriker Jon Steward, dessen "Daily Show" für viele junge Leute zum Nachrichtenersatz wurde, die deprimierten Obama-Anhänger aufzurichten. Sein Aufruf zu einer Demonstration für die Wiederherstellung der Vernunft brachte in Washington Hunderttausende auf die Straße, deutlich mehr als Wochen zuvor Fox-Haßprediger Glen Beck.

 

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