Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Die zweite Amtszeit, 24.11.2004

Philip Roth beschreibt in seinem jüngsten Politroman "The Plot against America", wie normal der Übergang von einer liberalen Demokratie zum faschistoiden Polizeistaat aussehen kann. Charles Lindbergh, der heroische Atlantiküberquerer und Hitler-Sympathisant, gewinnt in Roths Geschichte 1940 die Präsidentschaftswahlen. Die USA versprechen, unter seiner Führung im Zweiten Weltkrieg neutral zu bleiben. Die Annäherung an Hitler-Deutschland ist unübersehbar, wird von der US-Presse aber mit US-Interessen entschuldigt. Sogar gegen den Besuch Joachim von Ribbentrops im Weißen Haus protestiert nur der rabiat antifaschistische Radiokommentator Walter Winchell. Unter dem Vorwand der wünschenswerten Durchmischung der Völker beginnt die Regierung mit einem Programm der Verschickung jüdischer Familien von der Ostküste ins Herzland nach Kentucky. Die Ermordung von Winchell durch einen Heckenschützen des Ku-Klux-Klans löst eine Welle von Pogromen aus, in den jüdischen Bezirken bilden die jungen Männer Selbstverteidigungsgruppen. Eine gutgläubige Öffentlichkeit übernimmt die offizielle Erklärung von der ungerechtfertigten Panikmache jüdischer und britischer Kreise, die Realität hat keine Chance gegen die Propaganda. Ex-Präsident Roosevelt und New Yorks mutiger Bürgermeister Fiorello La Guardia werden festgenommen, zu "ihrem eigenen Schutz" versteht sich. Bei Roth geht doch noch alles gut aus, und mit Verspätung findet Amerika auf den Weg der wirklichen Geschichte zurück.
Dem Leser bleibt der heilsame Schock, wie scheinbar bruchlos eine Abkehr von den liberalen Traditionen in Richtung Diktatur passieren konnte. Roth wehrt sich gegen die Interpretation seines Romans als grausame Parodie auf die Bush-Jahre, aber auch er weiß, welche Parallelen die Leser ziehen.
Eines der Phänomene der vergangenen Jahre war die Fähigkeit der Regierung, offen auf der Hand liegende Realitäten nach ihrem Interesse umzudeuten. Der Glaube der Amerikaner an ein akutes Bedrohungsszenario - sei es wegen Massenvernichtungswaffen oder Terrorverbindungen Saddam Husseins - war das erfolgreichste Unterfangen dieser Kategorie. Condoleezza Rice, eine der Architekten dieser politischen Zweckmäßigkeiten dienenden Gedankengebäude, wird für ihre Rolle an der Seite des Präsidenten jetzt mit der Funktion der Außenministerin belohnt. Ihre Aussage, dass der Irak Saddams zu gefährlich sei, um auf eine rauchende Pistole als Beweis für verbotene Waffen zu warten, da diese leicht die Form eines Atompilzes annehmen könnte, gehörte zu den prägnantesten Argumenten für den Krieg.
Alberto Gonzales, der präsumtive Justizminister, stand als juristischer Chefberater des Weißen Hauses im Zentrum des größten rechtspolitischen Skandals der letzten Jahre um die Außerkraftsetzung des Kriegsrechts für gefangene Terrorverdächtige und den Versuch, das Folterverbot aufzuweichen. Aufdeckungsjournalist Seymour Hersh zeigt in seinem Buch "Chain of Command, The Road from 9/11 to Abu Ghraib" wie direkt der Zusammenhang zwischen den Menschenrechtsverletzungen, der Situation in Guantánamo und den rechtspolitischen Verrenkungen in Pentagon und Weißem Haus gewesen ist. Mit John Ashcroft, als Justizminister der große Buhmann der liberalen Linken, verbindet Gonzales die Geringschätzung rechtsstaatlicher Garantien.
Ob George Bushs Personalentscheidungen seit dem Wahlsieg eine Radikalisierung bedeuten, wie jene beunruhigten Liberalen meinen, die bereits von einem "inneren Coup" zur Eliminierung der gegen die neokonservativen Hardliner eingestellten Widerstandsnester in State Department und CIA sprechen, bleibt abzuwarten. Auch Offensivaktionen einer Supermacht stoßen militärisch wie finanziell an Grenzen. An diese Grenzen könnten auch die in der Administration vorherrschenden ideologischen Vorstellungen gelangen. Aber die Bush-Führung sieht ihren Erfolg an den Urnen als Bestätigung ihres Kurses, gerade auch dort, wo er die Grenzen traditioneller konservativer Politik überschritten hat.
Weder der Irakkrieg noch die Überdehnung des Rechtsstaates bei der Behandlung von Gefangenen ist von der Gesellschaft widerspruchslos hingenommen worden. Es gab Straßendemonstrationen, Enthüllungen und im Fall von Guantánamo eindeutige Gerichtsurteile. Aber die entscheidende politische Sanktion ist ausgeblieben, die Administration wurde bestätigt. Die Erwartung, die Mechanismen der liberalen Demokratie würden die schmerzfreie Korrektur derartiger Fehlentwicklungen durch Wahlen ermöglichen, wurde enttäuscht.
Dementsprechend ist die Position der Architekten des Kurses der vergangenen Jahre gefestigter denn je. Das gilt auch für die Haltung Amerikas zum Rest der Welt. Wer gehofft hatte, das irakische Desaster werde dazu beitragen, dass die Hardliner zurückgedrängt werden, wird nun eines Besseren belehrt. Der Präsident übernimmt nun deutlicher als je zuvor die Sprache von der amerikanischen Mission zur "Verbreitung der Demokratie", dort, wo die USA das in ihrem Interesse sehen. Amerika bleibt konsequent in der Scheinwelt, in der es auch gewählt hat. Die Zerstörung einer Stadt wie Falluja erscheint als etwas größere Polizeiaktion, mit (zumeist) heldenhaften Soldaten, hartnäckigen Terroristen, aber aus unerklärlichen Gründen so gut wie keinen zivilen Opfern.
Anders als in Philip Roths Roman sind die USA nicht dabei, in den Faschismus zu schlittern. Sehr wohl stecken sie jedoch in einem Quasi-Kolonialkrieg, der sich aus dem antiterroristischen Abwehrkampf entwickelt hat. Die Pose einer kriegerischen Weltkolonialmacht, ob gegenüber der Aufstandsbewegung im Irak oder dem Mullahregime im Iran, und die neokonservativen Versprechungen sind kein Widerspruch. Orwell war nie fern, wenn der Westen glaubte, zivilisatorisch begründete Kriege führen zu müssen.
Bei Philip Roth siegt der Selbstreinigungsmechanismus des Systems: die Frau des im Chaos verschollenen Lindbergh verjagt den diktatorischen Vizepräsidenten aus dem Weißen Haus. Gestützt auf eine antifaschistische Volksbewegung kann Roosevelt seine dritte Amtszeit verspätet, aber doch antreten. Die geflüchteten Juden kehren zurück, aber die Spuren des schlimmen Intermezzos bleiben noch lange präsent.
Die US-Geschichte bestätigt Roths Optimismus. McCarthys antikommunistische Hexenjagd zerbrach nach vier Jahren, weil die Proteste in den Medien zunahmen und sich die Armee seinen Methoden widersetzte. Die amerikanische Antikriegsbewegung war für das Ende des Vietnamkrieges ebenso entscheidend wie die militärischen Verluste an der Front. Bis zur korrigierenden Gegenbewegung bedurfte es jedoch jedes Mal so heftiger Erschütterungen, dass der Rest der Welt wohl auch für die zweite Amtszeit Bush mit manchen Überraschungen rechnen sollte.

 

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