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Die
grosse Luege, 4.2.2004
Ueber eine
Erkenntnis des sogenannten Geheimdienstdebakels rund um die irakischen
Massenvernichtungswaffen kann man durchaus erfreut sein: die Oeffentlichkeit
ist bei weitem nicht so leichtglaeubig, wie ein staatstreuer Lordrichter
und zwei in die Defensive gekommene Regierungen glauben machen wollen.
Fuer Tony Blair koennte sich der spektakulaere Freispruch des Hutton Reports
noch als Phyrrussieg erweisen. Das Publikum schaetzt keine Weisswaschaktionen.
Besondern dann nicht, wenn mit den Aussagen des amerikanischen Waffeninspektors
David Kay in der Sache selbst zur gleichen Zeit das bisher vernichtendste
Urteil ueber den offiziellen Grund fuer den Irakkrieg gefaellt wurde.
Und George Bush, dem die falschen mobilen Labors und Aluminiumroehren
des vergangenen Jahrens bisher weniger Sorgen bereitet haben, als die
hartnaeckige Aufstandsbewegung der Saddam-Loyalisten, wird einer unangenehmen
Untersuchung zum Irak ausgerechnet im Wahljahr nicht entgehen koennen.
Dass an den Falschaussagen der Regierungen in Washington und London die
Geheimdienste schuld gewesen sein sollen, wie es jetzt heisst, gehoert
jedoch zu den laecherlichsten Ausreden, die man in der internationalen
Politik seit geraumer Zeit erlebt hat. Natuerlich: die Geheimdienste so
gut wie aller westlichen Staaten haben seit den Neunzigerjahren befuerchtet,
dass nicht wirklich alle irakischen Waffenprogramme zerstoert worden sind,
wie die Regierung in Bagdad das - offensichtlich voellig zurecht - behauptet
hat. Ein verstaendliches Misstrauen angesichts der vielen Jahre, in denen
es dem irakischen Regime gelungen war, die sensibelsten Ruestungsprojekte
vor der UNO zu verheimlichen. Aber nur in den USA und Großbritannien
ist nach George Bushs Rede ueber die "Achse des Boesen" im Jaenner
2002 aus dieser vagen Moeglichkeit der Popanz einer akuten Bedrohung gemacht
worden. Welche ein Zufall: in Frankreich und Deutschland, den Staaten,
in denen sich die politische Fuehrung gegen einen Irak-Feldzug entschlossen
hat, wussten die Geheimdienste nichts von mobilen Chemielabors, tausenden
Tonnen Anthrax, gefaehrlichen Uranankaufen und Wunderwaffen, die innerhalb
von 45 Minunten die ganze Welt bedrohen konnten.
Geheimdienste treffen letztlich immer jene Aussagen, die die politischen
Chefs hoeren wollen. Wie der Mechanismus funktioniert, laesst sich Schritt
fuer Schritt an Hand der Transkripte der Hutton-Untersuchung nachvollziehen.
Einige Beispiele: Die britischen Geheimdienstchefs hatten fuer das beruehmte
September-Dossier ueber die irakische Bedrohung geschrieben, Saddam Hussein
wuerde chemische und biologische Waffen einsetzen "wenn er sein Regime
bedroht glaubt." Ohne groessere Schwierigkeiten konnte Blairs Stabschef
Jonathan Powell diese entscheidende Einschraenkung "wenn er sein
Regime bedroht glaubt" herausreklamieren. Die Geheimdienste waren
der Meinung, der Irak "koennte faehig sein" ("may be able")
innerhalb von 45 Minuten chemische und biologische Waffen startklar zu
machen. Alastair Campbell, der beruehmt-beruechtigte ehemalige Kommunikationschef
Tony Blair, ersuchte erfolgreich darum den Konjunktiv zu entfernen und
in der Endfassung wurde ein "are able" daraus.
Nicht weniger flexibel waren die amerikanischen Kollegen. Die "New
York Times" erinnert daran, dass im "National Intelligence Estimate"
des CIA, der Grundlage fuer die Kriegsresolution des Senats, die Beschaffung
von Aluminiumroehren als Beweis fuer ein aktives irakisches Atomwaffenprogramm
angefuehrt wurde. Die abweichende Meinung das fuer solche Fragen eigentlich
kompetenten Energieministeriums hat man einfach weggelassen. Der CIA warnte
den Kongress vor irakische Drohnen, die angeblich biologische Waffen bis
in die USA transportieren konnten. Die Einschaetzung der Luftwaffen, dass
diese Drohnen reinen Aufklaerungszwecken dienten, erfuhren die Senatoren
erst viel spaeter.
Die Drohkulisse irakischer Massenvernichtungswaffen wurde ganz offensichtlich
erst aufgebaut, nachdem die politische Entscheidung zum Showdown mit Saddam
Hussein bereits gefallen war. Paul Wolfowitz, der neokonservative Stellvertretende
Verteidigungsminister, hat dies im vergangenen Jahr in "Vanity Fair"
auch mit dem Hinweis zugegeben, aus "buerokratische Gruenden"
habe man einen Grund gesucht, auf den sich alle einigen konnten. Demokratiepolitisch
mag es als Skandal empfunden werden, dass sich eine Regierung vor die
Oeffentlichkeit stellt und einen Kriegsgrund nennt, der sich als Konstrukt
herausstellt. Ein Blick in die Geschichte lehrt jedoch, dass dies die
Norm ist. Kriege werden selten aus den Gruenden gefuehrt, mit denen sie
dem Volk gegenueber verkauft werden.
Ted Kennedy, der liberale Senator und einer der schaerfsten Kritiker der
Aussenpolitik George Bushs, vermutet hinter dem Kriegskurs des Praesidenten
ein zynisches innenpolitisches Kalkuel: Carl Rowe, der innenpolitische
Stratege im Weissen Haus, habe dringend einen Waffengang als Sprungbrett
fuer eine zweite Amtszeit empfohlen. Richard Perle, der neokonservative
Vordenker, spricht dagegen von Risikomanagement. Nach dem 11.September
habe die amerikanische Regierung dem Risiko einer moeglichen Verbindung
fundmentalistischer Terroristen mit dem militiaerischen Know How des fanatisch
antiamerikanischen Regimes in Bagdad begegnen muessen. Dabei bleibt allerdings
die Frage unbeantwortet, wieso der verarmte Irak und nicht jene Staaten,
die tatsaechlich Atombomben produzieren, wie Pakistan, Nordkorea oder
vielleicht auch der Iran, ins unmittelbare Schussfeld der Regierung in
Washington gekommen sind. Neokonservative Vordenker haben ein zusaetzliches
Argument parat: der Irak sei als Dominostein auf dem Weg zur Beseitigung
der korrupten und unfaehigen arabischen Regierungen gedacht gewesen. Der
Sturz Saddam Husseins soll den Irak auf den Weg einer proamerikansichen
Demokratie bringen und damit helfen, den fundamentalistischen Sumpf trocken
zu legen, aus dem die Attentaeter des 11.September gekommen sind. Dass
auch der immense geopolitische Vorteil einer solche Entwicklung in einem
Land mit den zweitgroessten Erdoelreserven der Erde fuer die USA dabei
eine entscheidende Rolle gespielt hat, wird dabei nur selten geleugnet.
Egal wie die verschiedenen Kriegsgruende in Washington 2002 tatsaechlich
gewichtet waren. Die Massenvernichtungswaffen, egal ob existent oder nicht,
haben nur eine untergeordnete Rolle gespielt.
Der Irakkrieg war "a war of choice", ein Krieg, der den USA
nicht aufgezwungen wurde, wie Ted Kennedy sagt, sondern den sie bewusst
gesucht haben. Der massive Einsatz militaerischer Gewalt wurde von der
Regierung Bush nicht als allerletztes Mittel, sondern als eine von verschiedenen
moeglichen politischen Optionen angesehen. Tony Blair hat sich in der
Tradition der besonderen britisch-amerikanischen Beziehungen dieser Doktrin
angeschlossen. Wen kann es ueberraschen, dass die Geheimdienste dabei
gerne mitgespielt haben?
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