Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Durch Schaden klug, 12.1.2005

Dass die US-Regierung anfangs jämmerliche 15 Millionen Dollar für die Opfer des Tsunami aufbringen wollte, daran will in Washington jetzt niemand mehr erinnert werden. Im Irak geben die USA vor dem Frühstück mehr aus, ätzte ein Senator. Neben Tony Blair und einem international weniger bekannten österreichischen Regierungsmitglied sah auch George W. Bush keinen Grund, seinen Urlaub zu unterbrechen. Selbst als in Washington die Dimensionen der Katastrophe zu dämmern begannen, die Spendenbeträge in die Höhe schnellten und der Präsident seinen Außenminister in die Region schickte, glaubte man ausgerechnet der UNO eins auswischen zu müssen: nicht die Weltorganisation sollte die Hilfslieferungen koordinieren, sondern eine ad hoc gebildete "Core Group", bestehend aus den USA, Japan, Indien und Australien, hieß es aus dem Weißen Haus.
In der Zwischenzeit ist alles anders. Die "Core Group" wurde aufgelöst. Die Vereinten Nationen erwiesen sich als einzige von allen akzeptierte Koordinationsstelle. Amerikanische Helikopter transportieren seither Nahrungsmittel in die entlegensten Gebiete der verwüsteten indonesischen Provinz Aceh, und die Piloten werden nicht müde zu beteuern, um wie vieles ihnen dieser Einsatz sympathischer ist als der Dienst im Irak. Auch die vielen hundert Millionen Dollar, die die Regierung Bush den Tsunamiopfern inzwischen versprochen hat, können sich durchaus sehen lassen.
Trotzdem fragt man sich, ob die Supermacht für eine adäquate Reaktion nur deshalb so lange gebraucht hat, weil das Ausmaß der Zerstörungen nicht gleich klar war. Hunger, Krankheit und Unterentwicklung gehören nicht zu den dringlichsten Bedrohungsszenarien der Regierung Bush. Die sorgt sich vornehmlich um die Gefahren einer schmutzigen Bombe in Washington, D.C. oder neue Angriffspläne internationaler Terrornetze. Die Schockbilder der Wellen in Thailand oder Sri Lanka mit ihren Folgen wurden so zur Erinnerung, dass der in der US-Öffentlichkeit so dominierende Terrorismus für die meisten Menschen dieser Erde keineswegs das dringlichste Problem ist.
Naturkatastrophen gehören zum Leben auf unserem Planeten, daran wird sich auch in Zukunft wenig ändern. Wie mit diesen Gefahren umgegangen wird, welche Vorkehrungen getroffen werden und welche Hilfsmaßnahmen möglich sind, das hängt allerdings von Wissenschaft und Technik sowie der politisch-gesellschaftlichen Organisation der Erdbewohner ab. Seit dem Erdbeben samt darauf folgendem Tsunami von Lissabon 1755, der die europäische Aufklärung so nachhaltig beeindruckt hat, kennt man die Tricks einer erdbebensicheren Bauweise, und irgendwann werden die Seismologen wohl auch herausfinden, wie man Erdstöße vorhersagt. Dass der Indische Ozean ein Tsunamiwarnsystem mit Sensoren am Meeresboden und international verbundenen Beobachtungsstationen braucht, wie es im Pazifik längst besteht, das bestreitet jetzt keine Regierung der Region mehr. Leon Fuerth, einst nationaler Sicherheitsberater Al Gores, erinnert an die Bemühungen der Clinton-Jahre, ein so genanntes Global Desaster Information Network zur Vernetzung aller für Katastrophenfälle relevanten Informationsträger aufzubauen. Amerikanische Spionagesatelliten sollten daran ebenso beteiligt sein wie seismologische Forschungsstationen in Russland. Ein Environmental Intelligence Center des CIA leistete, gestützt auf die unzähligen Geheimdienstinformationen, bahnbrechende Vorarbeit. Mit dem Regierungswechsel in Washington wurden diese Projekte ad acta gelegt, multilateriale Vorhaben waren nicht mehr populär. Jetzt dagegen erinnern die ungestümen Bewegungen der Erdkruste daran, wie lebenswichtig grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Wirklichkeit für die Spezies Mensch stets ist.
Die politische Entwicklung der letzten Zeit ging in die entgegengesetzte Richtung. Dem Koordinationsbüro für Humanitäre Hilfe der Vereinten Nationen, das jetzt die größte Aufgabe seiner Geschichte zu bewältigen hat, werden seit Jahren die Mittel gekürzt. Vergeblich plädiert der britische Schatzkanzler Gordon Brown für einen mit einer Milliarde Dollar dotierten fixen internationalen Katastrophenfonds. Warum muss dort, wo das Leid am größten ist, immer alles der Improvisation überlassen werden, fragt der linke amerikanische Publizist Jonathan Schell? Warum gibt es neben den teuren bewaffneten Streitkräften, die sich alle Nationen halten, nicht auch ein stehendes Heer von Spezialisten für Rettungseinsätze? Selbst ein üppiges Jahresbudget von hundert Milliarden Dollar beliefe sich immer noch auf nur zehn Prozent der internationalen Rüstungausgaben, rechnet Schell vor. In der EU versucht Benita Ferrero-Waldner eine Diskussion um eine europäische Katastropheneinsatzgruppe in Gang zu bringen. Eine hervorragende Idee, die aber zu kurz greift, wenn sie auf den Alten Kontinent beschränkt bleibt.
Erschüttert von den Bildern der Zerstörung, versprechen die westlichen Regierungen einen langen Atem bei der Hilfe für die Opfer. Dabei wird es aber nicht mehr um die Wiederherstellung von Brunnen oder die Verteilung von Medikamenten gehen. Unterstützung für den langfristigen Wiederaufbau, das kommt der ziemlich aus der Mode gekommenen Entwicklungshilfe früherer Jahre recht nahe. "Wir waren großzügiger, als wir weniger reich waren", hat UNO-Katastrophenbeauftragter Jan Egeland am Jahresanfang gemeint, "es ist unverständlich, wie wir so geizig werden konnten." Die USA haben die Kritik sofort auf sich bezogen, und die Aufregung war groß. Tatsächlich geht das Interesse an entwicklungspolitischen Fragen stetig zurück. Die reichen Nationen scheinen die Millenniumsentwicklungsziele der UNO von einer Halbierung des Hungers, der drastischen Reduktion der Kindersterblichkeit und elementarer Schulbildung für alle mit einem Achselzucken für undurchführbar zu erklären. Schließlich wisse niemand, wie effektiv Entwicklungshilfe tatsächlich ist. Die Experten der UNO widersprechen: Mit jährlich zwischen vierzig und siebzig Milliarden Dollar seien die Millenniumsziele absolut erreichbar, versichert das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef.
Vom Ruf nach internationaler Katastrophenhilfe, wie er seit dem weltweiten Tsunamidesaster ertönt, ist der Schritt zu einem neuen Anlauf für die Entwicklungspolitik nicht sehr weit. Auch wenn die gegenwärtigen politischen Realitäten der vom Gespenst des Terrorismus besessenen USA und der vor allem mit sich selbst beschäftigten Europäischen Union in eine andere Richtung weisen: Es wäre traurig, wenn eine Erfahrung, die so hautnah als weltumspannende Katastrophe erlebt wird, ohne politische Folgen bliebe.


 

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