Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

ETA und IRA, Falter, 21.8.2002

Mit der irischen IRA ist die baskische ETA seit Jahrzehnte die einzige echte Guerillabewegung Westeuropas. Anders als die Rote Armee Fraktion in Deutschland oder die Roten Brigaden in Italien, die ein vorübergehender Auswuchs der Jugendradikalisierung der Sechzigerjahre waren, reichen die Wurzeln der baskischen ETA-Kommandos, die diesen Sommer Angst und Terror an der spanischen Mittelmeerküste verbreiten, weit in die Geschichte zurück. Sowie hinter der IRA der Mythos des irischen Unabhängigkeitskampfes und die Realität der Diskriminierung der Katholiken in Nordirland standen, so blickt die ETA auf die prominente baskische Rolle in der Spanischen Republik und den langen, opferreichen Kampf gegen die Franco-Diktatur zurück. Als die anbrechende Demokratie Mitte der Siebzigerjahre hunderte politische Gefangene freigab, die sich stolz zu den verschiedenen damals schon zerstrittenen ETA-Fraktionen bekannten, aber im offiziellen Spanien als "Terroristen" galten, da feierte das Volk in Bilbao und San Sebastian.
Der Terror von ETA und IRA hat einen furchtbaren Blutzoll gefordert, er riss hunderte Unschuldige in den Tod. Ungeachtet wiederholter gigantischer Massendemonstrationen für den Frieden und der scharfen Ablehnung durch die Mehrheit der Basken sind die Hinrichtungskommandos der ETA in Spanien gegen unliebsame Politiker, Journalisten und Richter unverändert aktiv. ETA und IRA stehen gleichzeitig an völlig entgegengesetzten Enden des politischen Prozesses. Ein IRA-Sympathisant regiert zur Zeit Belfast. Trotz vieler Rückschläge und zahlreicher aussichtslos scheinender Sackgassen ist der von Tony Blair mit Sinn Fein , dem politischen Arm der IRA, eingeleitete Friedensprozess am Leben. Neue Anschläge von Splittergruppen sowohl aus dem protestantischen als auch dem katholischen Lager sind wahrscheinlich,
aber es ist durchaus möglich, dass die jüngste - von Kritikern als zynisch und bedeutungslos abgetane - Entschuldigung der IRA das Ende einer langen gewaltsamen Auseinandersetzung einläutet. Der 11.September und das Unverständnis, das Bombenattentaten, bewaffneten Überfällen und ähnliche Kampfformen vor allem in den für die Kriegskassen der IRA so wichtigen USA nun entgegengebracht werden, mag das seine dazu beigetragen haben.

Radikal anders die Entwicklung der ETA. Eine Autobombe gegen eine Wohnsiedlung der Guardia Civil im Urlaubsort Santa Pola bei Alicante, die ein sechsjähriges Kind und einen Mann getötet hat, war der vorläufig letzte Höhepunkt der Attentatserie dieses Sommers, die medienwirksam während des Europäischen Gipfels in Sevilla eingesetzt hatte. Ein mehrmonatiger Waffenstillstand hatte zu keinen dem Nordirland-Friedensprozeß vergleichbaren Verhandlungen geführt. Die ETA gibt der harten Linie des konservativen Premiers Aznar die Schuld. Die politische Klasse Spaniens, und zwar Rechte ebenso wie Linke, sieht in der baskischen Untergrundorganisation dagegen einfach keinen Gesprächspartner. "Mörderbande" ist selbst in liberalen spanischen Medien die normale Bezeichnung für die ETA. Dabei herrscht im Baskenland weitgehende Autonomie, die nationalistische Regionalregierung strebt die Abspaltung von Spanien ab, allerdings mit friedlichen Mitteln. Trotzdem kann die ETA-Partei Batasuna auf rund 15 Prozent der Stimmen zählen, hunderte Gemeinderäte, dutzende Bürgermeister und sogar ein EU-Abgeordneter kommen aus ihren Reihen. Gegen das Verbot von Batasuna, das große politische Thema dieses Sommers in Spanien, haben im Baskenland Zehntausende demonstriert.
Wenn alles nach dem Plan der Regierung geht, dann tritt am 26.August das spanische Parlament in Madrid zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen, bei der das Illegalisierungsverfahren gegen Batasuna wegen Unterstützung des Terrorismus eingeleitet werden soll. Ein neues Parteiengesetz, dass erst diesen Sommer nach sehr kontroversiellen Diskussionen verabschiedet wurde, macht es möglich. Die Verharmlosung des Terrorismus ist danach ein Verbotsgrund. Das "Ja" der regierenden Konservativen ist ebenso sicher, wie das der oppositionellen Sozialisten. Die einflußreichen katalonischen Nationalisten und verschiedene linke Gruppen wollen sich enthalten, die im Baskenland regierenden gemäßigten baskischen Nationalisten werden dagegen stimmen.
Nach dem Verbotsverfahren gegen die NPD in Deutschland hätte damit eine zweite EU-Regierung den Versuch zum Verbot einer politischen Partei unternommen. Was genau sich das offizielle Spanien von der Auflösung der ETA-nahen Batasuna-Partei erwartet ist unklar. Die ETA hängt als militärische Untergrundorganisation nicht von einem legalen politischen Arm ab. Umgekehrt ist nicht einsichtig, wie den spanischen Sicherheitskräften die Aufdeckung von ETA-Kommandos durch das Verbot einer Sympathisantenorganisation erleichtert werden soll. Im Gegenteil: der tiefe Keil, den der Verbotsvorgang in die baskische Gesellschaft treiben wird, droht den "Etarras" neue politische Nahrung zu geben.
Klar: für den Umgang demokratischer Systeme mit gewaltbereiten oder antidemokratischen Parteien gibt es keine allgemeingültigen Regeln. Aber
jedes zusätzliche Verbot macht eine Gesellschaft weniger liberal und verlegt das Schwergewicht der Auseinandersetzung - im spanischen Fall mit dem ETA-Separatismus - auf polizeiliche und geheimdienstliche Maßnahmen. Sicherheitsvorkehrungen gegen eine Untergrundorganisation, die Fememorde durchführt und Bomben legt, gehört zur normalen Polizeiarbeit. Aber ein nationalistischer Fundamentalismus mit Massenanhang wie jener der ETA wird sich ebensowenig durch reine Polizeimaßnahmen besiegen lassen, wie auf globaler Ebene der islamische Fundamentalismus, auf den sich internationale Terrororganisationen stützen.
Dafür beginnen aber demokratische Gesellschaften ihr Gesicht zu verändern, wenn plötzlich die Zahl der Tabus steigt und die Extreme in die Illegalität abwandern. Die Demonstration des starken Staates wird wichtiger als der Freiheitsraum, den er zu verteidigen hat. Erbitterter als die Auseinandersetzung der britischen Regierung mit Generationen von IRA-Kämpfern kann wohl weder in Spanien noch sonst wo der Kampf gewesen sein. Vielleicht sollte Tony Blair einmal seinem Freund Jose Maria Aznar auseinandersetzen, wie es möglich war, trotz der vielen Toten den Weg zu einem politischen Prozeß offenzuhalten, der schließlich auch zu einem Ende der militärischen Auseinandersetzung geführt hat. Markige Antiterrorismus-Erklärungen allein waren wohl nicht ausschlaggebend.

 

 

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