Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

EU-Referendum: sind wir bereit uns unterzuordnen, 19.11.2008

Die Idee klingt auf den ersten Blick bestechend. Europaweite Volksabstimmungen, so heißt es, würden helfen, das Demokratiedefizit der EU zu beheben. Die schöne Vision eines Wahlvolks, das von Lappland bis Sizilien, von der Atlantikküste bis zur Hohen Tatra an die Urnen geht, hat denn auch Anhänger in allen politischen Lagern. Exbundeskanzler Wolfgang Schüssel kann dem Vorschlag etwas abgewinnen. Der grüne EU-Abgeordnete Johannes Voggenhuber hat ihn schon seit langem auf seine Fahnen geschrieben. Der irische Millionär Daclan Ganley, der mit linken und rechten EU-Gegnern bei den nächsten europäischen Wahlen kandidieren will, würde einen verkürzten Reformvertrag gerne europaweit abstimmen lassen. Und auch die Koalitionsverhandler von SPÖ und ÖVP spielten schon mit dem Gedanken eines gesamteuropäischen Plebiszits.
Schließlich ließen sich auf diesem Weg die Differenzen um die umstrittene "Volksabstimmungs"-Forderung im Kronen Zeitungs-Leserbrief von Alfred Gusenbauer und Werner Faymann beilegen. Damals war von einem Alleingang der Österreicher die Rede gewesen, wenn österreichische Interessen betroffen sind. Multipliziert mal 27 wäre mit dieser Logik die Union für wesentliche Entscheidung auf lange Zeit blockiert.
Möglich, dass unter der Parole der europaweiten Volksabstimmung der Weg Österreichs zum obersten Bremser in der EU vermieden werden kann. Ein vernünftiger Vorschlag, um Europa einen Schritt weiter zu bekommen, ist das europäische Plebiszit trotzdem nicht. Dahinter steckt ein Denkfehler, der voraussetzt, was eigentlich erst geschaffen werden muss.
Damit ein europäischer Volksentscheid Sinn macht, müssten die beteiligten Nationen bereit sein, sich einer allfälligen anderslautenden Mehrheit in den übrigen EU-Staaten unterzuordnen. Österreicher, Ungarn oder Schweden müssten akzeptieren, dass sie von einer Mehrheit von Deutschen, Franzosen oder Briten mühelos überstimmt werden. Briten, Deutsche und Franzosen hätten hinzunehmen, dass sie gegenüber einer Koalition kleinerer Mitgliedsstaaten mit einem großen Staat das Hintertreffen hätten.
In ferner Zukunft mag es ein gesamteuropäisches Staatsvolk einmal geben. Anno 2008 beweist jedoch das Gezeter um den Reformvertrag, dass selbst ein kleiner Schritt wie die geplante Zunahme von Mehrheitsentscheidungen im Ministerrat so manche nationale Öffentlichkeit überfordert. Gut, die Finanzkrise und das beherzte europäische Engagement Nicolas Sarkozys haben die Stimmung vielleicht gewendet. Selbst hartgesottenen Leserbriefschreibern dämmert, dass in der gegenwärtigen Krise patriotische Schillingkonten ohne Euro so wenig wert wären wie die isländische Krone.
Aber das Instrument der Volksabstimmung ist in Europa nicht allgemein akzeptiert. Im Deutschen Grundgesetz, der solidesten demokratischen Verfassung Europas, gibt es ebenso wenig Referenden wie in der parlamentarischen Tradition Großbritanniens. Der Appell über die Köpfe von Klassen, Parteien und Parlament direkt an das Volk war für Karl Marx ein Instrument des autoritären Bonapartismus, der um pseudodemokratische Legitimation bemüht ist.
"Wer Parlament und Parteien zerstören will", formuliert dramatisch der nachdenkliche britische Liberale Andrew Duff im Europäischen Parlament, "der greift zum Plebiszit. Das Ergebnis sind Populismus, Xenophobie, Ultranationalismus und Rassismus."
Die plebiszitäre Demokratie funktioniert in kleinen überschaubaren Bereichen. In keinem großen multinationalen Staatsgebilde sind Volksabstimmungen ein praktikabler Weg. Nicht in den USA, nicht in der EU. Um akzeptable Kompromisse zwischen Texanern und Kaliforniern, Deutschen und Franzosen auszuhandeln, sind die Institutionen der repräsentativen Demokratie da. Der Kongress in Washington, das Europäische Parlament.
Solche Institutionen in Europa mit echter Autorität auszustatten, das wäre der nächste Schritt zu einer gesamteuropäischen Demokratie. Die Nationalstaaten samt deren Öffentlichkeit müssten sich allerdings dazu durchringen, schrittweise zusätzliche Kompetenzen an die Union, sprich nach Brüssel, abzugeben.
Als Voraussetzung für solche kleinen Schritte aber den Riesenschritt eines gesamteuropäischen Plebiszits anzupeilen, das eine um noch vieles größere Aufgabe nationaler Souveränität voraussetzen würde, entbehrt der Logik.


 

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