Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

EU braucht Finanzminister, 15.10.2008

Karl Marx pflegte einst die irren Schübe in der Finanzwelt auf die Anarchie der kapitalistischen Produktionsweise zurückzuführen. Logisch, dass das globale Chaos in der Welt der Banken auch die internationale Politik durcheinanderwirbelt. Letzte Woche waren die Europäer dran, die sich lange von den amerikanischen Exzessen verschont glaubten.
Noch vor 14 Tagen blockierten Deutschland und Großbritannien einen französischen Vorstoß zu einem EU-Notfonds nach dem Beispiel des amerikanischen 700-Milliarden-Pakets. Deutsche Steuerzahler werden sich niemals dafür hergeben, unsichere italienische, irische oder ungarische Banken zu retten, hieß es brüsk aus Berlin. Zwölf Stunden später explodierte der Milliardenskandal der bayrischen Hypo Real Estate. Plötzlich galten ausgerechnet die deutschen Banken als besonders gefährdet. Bundeskanzlerin und Finanzminister mussten den Bürgern betreten vor laufenden Kameras die Sparguthaben garantieren. Drei Tage später bewahrte Großbritanniens Gordon Brown die Royal Bank of Scotland durch die Teilverstaatlichung des gesamten Bankensektors vor dem Untergang. Im Unterhaus stimmten sogar die konservativen Erben Margaret Thatchers für den weitreichenden Eingriff in den freien Markt. Der britische Premierminister, der sonst für Europa wenig übrig hat, drängt jetzt plötzlich die EU zum Nachziehen.
Die Panik der Aktienhändler ist ansteckend, sind doch bisher alle Milliardenspritzen, Krisengipfel und Notmaßnahmen wirkungslos geblieben. Verzweifelt kämpft die Politik darum, die Kontrolle nicht vollständig zu verlieren. Auch in der EU ist lange Zeit nicht viel mehr gelungen, als die mächtigen zentrifugalen Tendenzen einzudämmen.
Wie groß die Gefahr tiefgreifender Verwerfungen in extremen Krisensituationen sein kann, zeigt das bankrotte Island. Die britische Regierung setzt gar Antiterrorgesetze ein, um gegen isländische Banken vorzugehen. In halb Europa werden isländische Guthaben beschlagnahmt. Die Regierung in Reykjavik revanchiert sich mit einem Lockruf nach Moskau. Für einige Milliarden aus dem russischen Stabilitätsfonds ließe sich vielleicht sogar der aufgelassene Nato-Flughafen auf der nicht mehr ganz so coolen Insel reaktivieren.
Auf dem besten Weg in ein ähnliches Abseits war Irland. Die Totalgarantie der Regierung für alle Bankguthaben heimischer Banken schockierte die Partner. Was eine Garantie in vierfacher Höhe des Bruttonationalprodukts wert sein soll, wollte man wissen. Brüssel war entsetzt, dass nichtirische Banken ausgenommen waren. Ein klarer Fall von in der EU verbotener Diskriminierung. Nur die Krisenangst und das Bemühen, Dublin nach dem Nein zum Reformvertrag nicht noch weiter an den Rand zu drängen, verhinderten einen allgemeinen Aufschrei. Inzwischen ist die erhöhte Einlagensicherung EU-Politik, und die Iren haben ihre Garantie auch auf Guthaben in nichtirischen Instituten ausgedehnt.
Aber die große Schwäche des europäischen Krisenmanagements bleibt bestehen. Es gibt zwar eine Europäische Zentralbank und den Euro, was immerhin sicherstellt, dass zum Börsenkrach nicht auch noch ein Dutzend Währungskrisen hinzukommen. Aber es gibt keinen EU-Finanzminister, der Regeln für Finanzgeschäfte aufstellen könnte und zur Not auch Geld in die Hand nimmt. Die EU kann nicht tun, was angesichts einer drohenden Depression nötig wäre: Schulden machen und durch massive Investitionen den rezessiven Tendenzen entgegenwirken. Nicht einmal zu einer gemeinsamen Finanzmarktaufsicht können sich die Regierungen der Mitgliedsstaaten durchringen. Jacques Attali, französischer Vordenker und ehemaliger Mitterand-Berater, beklagt, dass in den vergangenen zwei Jahrzehnten zwar riesige globale Finanzplayer entstanden sind, aber kein rechtliches internationales Regelwerk, um sie zu kontrollieren. Mangels Weltregierung kommt der Planet jetzt darauf: Es sitzt kein Pilot im Flugzeug. In Europa sind es immer noch 27 Piloten. Die Möglichkeiten, die Selbstzerstörungstendenzen des Systems zu bändigen, sind auf dem alten Kontinent besser als anderswo. Der Plan der Eurostaaten, durch einen Big Bang von koordinierten Teilverstaatlichungen und öffentlichen Bürgschaften den Abwärtstrend zu stoppen, könnte greifen. Aber die Gemeinschaftsorgane der EU stehen völlig im Schatten der Nationalstaaten. Weil der Union die Instrumente fehlen, ist das Gefahrenpotenzial der Krise in Europa nach wie vor größer, als es eigentlich sein müsste.

 

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