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EU-Hilfe
im Sudan, 29.9.1998
Wo ist so etwas außer in einer afrikanischen Hauptstadt sonst denkbar:
internationale Journalisten, Diplomaten und Politiker an einer Hotelbar,
ohne daß auch nur ein einziges Mal von Sonderstaatsanwälten,
Zigarren und einem ominösen blauen Kleid die Rede ist? Ohne daß
ein einziges Mal die Namen Bill Clinton oder Monica Lewinsky fallen?
Erleben läßt sich Derartiges auf einer jener österreichischen
EU-Präsidentschaftsverpflichtungen, die keine Schlagzeilen machen:
eine Inspektionsreise der EU-Troika durch Kenia in die Hungergebiete des
Sudan. Was kaum jemand weiß: mit weniger als einem Prozent des Brüsseler
Jahresbudgets ist die von ..Emma Bonino geleitete humanitäre Hilfsorganisation
der Europäischen Union ein Schwergewicht auf dem internationalen
Parkett. Die blauen "Echo"-Sticker der zuständigen EU-Behörde
kleben auf jeder vierten Hilfslieferung in den Sudan. Die Europäische
Union finanziert eine eigene kleine Luftflinie finanziert, um Mitarbeiter
finanzschwacher NGOs zwischen Somalia und Angola an selbst die entlegensten
Einsatzorte zu bringen. Peinlich nur, daß "Echo" den Weg
in die europäischen Medien nur im Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen
aus den vergangenen Jahren gefunden hat.
Es sind die dunklen Wolken einer neuen Welle von Kriegen und Katastrophen
in Afrika, die das anderswo so allgegenwärtige große - Clintonsche
- Psychodrama des Globale Village an der Bar des Grand Regency in Nairobi
so gründlich verdrängen. Denn Afrika macht zur Zeit eine der
gefährlichsten Entwicklungsphasen der jüngeren Geschichte durch.
In dem neu entfachten Kampf um die Macht im Kongo, dem einstigen Zaire,
stehen erstmals seit der Entkolonialisierung die staatlichen Grenzen zur
Disposition: in den Konflikt um Laurent Kabila, den neuen Herrn des Kongo,
drohen Reihenweise alle Nachbarstaaten hineingezogen zu werden.
Kabilas Feinde Ruanda und Uganda stehen gegen Zimbabwe und Angola, die
das Regime des Mobutu-Nachfolgers vor dem sicher scheinenden Untergang
gerettet haben. Weil Ugandas Präsident Musseveni die südsudanesische
Guerilla unter John Garang unterstützt, will sich jetzt auch die
islamisch-fundamentalistische sudanesische Regierung in Khartum mit Soldaten
einschalten. Gleichzeitig klopft die UNITA Jonas Savimbis bei Ruandas
Kriegsherrn Paul Kagame an: solange die angolanischen Regierungstruppen
in einen Krieg um den Kongo verstrickt sind, verbessert das die Chancen
der UNITA bei einer neuen Runde im Bürgerkrieg gegen die Regierung
in Luanda . "Wenn mit Beginn der Trockenzeit der Bürgerkrieg
im Sudan neu aufflammt und zwischen Eritrea und Äthiopien der Krieg
wieder ausbricht, dann könnte in kürzester Zeit der halbe Kontinent
vom Horn von Afrika bis vor die Tore Südafrikas in Flammen stehen,"
fürchtet die Diplomatin eines EU-Landes.
Auch in der Zeit des Kalten Krieges war Afrika natürlich alles andere
als ein Hort der Stabilität: die aus der Kolonialzeit geerbten staatlichen
Grenzen blieben aber trotz aller Umstürze, Bürgerkriege und
Interventionen tabu. Nicht zuletzt aus Angst vor der Folgewirkung war
ja einst die Biafra-Sezession von Nigeria genau aus diesem Grund so isoliert
geblieben. Jetzt scheint diese Hemmschwelle deutlich geringer: rund um
Kabila kommt das gesamte afrikanische Staatengefüge ins Rutschen.
Klassische Kriege um Territorium werden möglich, die zuvor durch
sowohl durch den lange nachwirkenden neokolonialen Einfluß der alten
europäischen Kolonialmächte als auch durch die Frontstellung
gegen das südafrikanische Apartheidregime gebremst wurden. Heute
kann dagegen niemand ausschließen, daß im Kampf um den Kongo
demnächst Soldaten aus Zimbabwe und Uganda gegeneinander in Stellung
gehen.
Weder die alten Kolonialmacht Frankreich, schwer angeschlagen durch den
Verlust des Langzeitverbündeten Mobutu und die unrühmliche französische
Rolle beim Massaker an den Tutsis in Ruanda vor vier Jahren, noch Südafrikas
Nelson Mandela waren bisher mit ihren Bemühungen zur Entschärfung
der Krise erfolgreich. Die Supermacht Amerika wiederum, mit ihrer traditionell
eher bescheidenen Präsenz in Afrika, gilt den Europäern als
gefährlich zündelnder Newcomer. Vor einem Jahr haben die USA
zum Entsetzen Frankreichs den Triumphzug Laurent Kabilas nach Kinshasa
unterstützt. Nach dem Bruch der Tutsis mit Kabila können jetzt
die Anti-Kabila-Rebellen auf das Wohlwollen der USA zählen. Schließlich
hat Bill Clinton bei seiner Afrikareise vor dem Sommer demonstrativ in
Uganda und Ruanda halt gemacht.
Auch hinter den sichtlich zunehmenden Aktivitäten der Rebellenarmee
des John Garang im Südsudan werden von EU-Seite die USA verdächtigt:
Wunder wäre es tatsächlich keines, wenn Washington im Clinch
mit der islamisch-fundamentalistischen Regierung in Khartum auf eine Verstärkung
des Drucks der bewaffneten Opposition setzen würde, auch mit dem
Risiko der erhöhten Gefahr der staatlichen Desintegration des Sudan.
So kommt es, daß auch Europas humanitäre Hilfe für die
Hungergebiete des Südsudan durch "Echo" unvermutet von
den europäisch-amerikanischen Rivalitäten gestreift wird. Denn
Lebensmittellieferungen kommen nur an, wenn es eine Zusammenarbeit mit
den lokalen Machthabern und Behörden gibt. Diese sind in der gegenwärtigen
Bürgerkriegssituation im Sudan aber Kriegsparteien. Die EU-Hilfsorganisation
"Echo" macht jetzt den finanziell und personell im Sudan ebenfalls
stark engagierten amerikanischen Hilfsorganisationen den Vorwurf, eine
Quasi-"Kriegssteuer" der Widerstandsgruppen der SPLA von bis
zu 25 Prozent auf die Hilfslieferungen zu akzeptieren. Aus durchsichtigen
politischen Motiven, um es den Rebellen zu ermöglichen ihren Druck
auf das Regime in Khartum aufrecht zu erhalten. Allerdings: daß
Hilfsorganisationen nur wenig Möglichkeiten haben das Vorgehen einer
bewaffneten Macht vor Ort zu beeinflußen, das wissen, nicht zuletzt
aus bitteren eigenen Erfahrungen im europäischen Bosnienkonflikt,
auch die humanitären EU-Vertreter.
Im sudanesischen Hungergebiet selbst , in das uns die "Echo"-Flugzeuge
bringen, verblassen derartige Scharmützel allerdings angesichts der
ungeheuren Dimensionen des Landes und der Katastrophe. 100 Abwurfstellen
für Nahrungsmittellieferungen aus der Luft und 38 medizinisch betreute
Versorgungszentren in einem Gebiet, das fünfmal so groß wie
Frankreich ist, haben die in der kühlen Statistik der Hilfsorganisationen
vermerkten Todesraten zwar gesenkt. Aber die Notsituation bleibt extrem.
In der Kinderklinik der "Ärzte ohne Grenzen" des Ortes
Mapel in der Krisenprovinz Bar el Gazal erzählen die Menschen, wie
sie Blätter gegessen haben und die Vorräte der Ameisen, bevor
sie den langen Weg ins Hilfszentrum beschritten haben. Vor den Toren patrouillieren
die Bewaffneten der Rebellenarmee SPLA. Einen Angriff der Regierungstruppen
hat es hier schon lange nicht gegeben.
"Somalia war gefährlicher," zieht "Echo"-Veteran
Polly Stevens Vergleiche, "wegen der Aggressivität der lokalen
Milizen. Angola ist einfacher: Kubaner und Ostdeutsche haben so viele
Landepisten gebaut, daß man sich die teuren Luftabwürfe sparen
kann"
In der Messe des UNO-Operationszentrums für den Südsudan in
Lokichoggio läuft zwar CNN. Aber für die neuesten Winkelzüge
des Kenneth Starr scheint sich auch hier niemand so wirklich interessieren.
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