Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

EU-Visionen, 19.4.2000


Die Frage blieb bis jetzt ohne Antwort: was hatte der Chef des deutschen Bundesnachrichtendienstes August Hanning Ende März in Tschetschenien zu tun? Klar ist: Hanning bereiste das Kriegsgebiet Ende März auf Einladung der russischen Kollegen vom FSB, aber ohne Wissen seines Außenministers oder sonst eines maßgebenden EU-Politikers. Von Moskau bis Paris überbietet man sich seither mit den Spekulationen, worin der Zweck der merkwürdigen Reisetätigkeit gelegen haben kann. Die russische Tageszeitung "Iswestja" argwöhnt, die ungewöhnliche Gastfreundschaft der KGB-Nachfolgeorganisation FSB sei der Dank für westdeutsche Amtshilfe im Kampf gegen das Auslandsnetz der tschetschenischen Rebellen. Das Langzeitgedächtnis mißtrauischer französischer Diplomaten vermutet gar den Geist von Rapallo hinter dem Besuch des Deutschen beim ehemaligen großen Gegenspieler: Anfang der Zwanzigerjahre hatten sich das Deutschland der Weimarer Republik und die junge Sowjetrepublik im italienischen Badeort Rapallo ohne Wissen der Westmächte verbündet.
Der Verdacht ist weit hergeholt. Daß jedoch just zu dem Zeitpunkt, als Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien ein prägendes Thema der russisch-europäischen Beziehungen werden, einer der mächtigsten Geheimdienste des Kontinents einen demonstrativen Schulterschluß mit den einschlägigen russischen Organen tätigt, legt eine der großen Schwächen der EU frei: das Fehlen eines wirksamen gemeinsamen außenpolitischen Mechanismus. Javier Solana, der aus der NATO als oberster Diplomat nach Brüssel geholte spanische Sozialist, hat es zwar dem Vernehmen nach inzwischen auf 29 Büro-Mitarbeiter gebracht, gehört hat die Welt von ihm seit dem glamorösen Amtsantritt im vergangenen Jahr jedoch wenig. Egal ob für Washington oder Moskau: die entscheidenden Ansprechpartner im EU-Raum sind nach wie vor die nationalen Regierungen. Oder eben deren Geheimdienste: siehe oben.
Im Pariser "Figaro" präsentieren Frankreichs Ex-Präsident Valery Giscard d'Estaing und Deutschlands Ex-Kanzler Helmut Schmidt eine um vieles weitergehende Kritik am gegenwärtigen europäischen Business as usual. Schon jetzt funktionieren die Institutionen der 15 denkbar schlecht, heißt es bei Giscard und Schmidt. Wenn es zu keiner grundlegenden Änderung kommt, dann drohe die versprochene Aufnahme der osteuropäischen Beitrittskandidaten im kommenden Jahrzehnt in eine Existenzkrise der EU zu führen. Das visionäre Projekt eines gemeinsamen europäischen Staatsgebildes könnte zu einer banalen Freihandelszone verkommen, zu groß wären die Entwicklungsunterschiede zwischen den 27, 28 oder 29 möglichen zukünftigen Mitgliedern.
Wie schon zuvor Ex-Kommissionspräsident Jacques Delors plädieren auch Giscard d'Estaing und Schmidt für einen neuen politischen Integrationsschub, der von den EU-Gründungsstaaten - Frankreich, Deutschland, Italien und den Benelux-Staaten - ausgehen und schließlich alle Euro-Mitgliedstaaten erfassen müßte. Diese "Euro-Europäer" hätten sich neue föderative Institutionen innerhalb der EU zu geben - vom Föderationsparlament bis zum gemeinsamen Geheimdienst - und müßten danach streben, auf dem europäischen Kontinent ein ähnliches Gewicht zu erlangen, wie die USA in Nordamerika.
Hehre Wünsche nostalgischer Has-beens oder eine realistische Perspektive für das kommende Jahrzehnt? Seit den großen Schritten Einheitswährung und Maastricht herrscht in Sachen interner EU-Integration Alltagspragmatismus: die einstige französisch-deutsche Integrationslokomotive unter Mitterand und Kohl ist einer ziemlich phantasielosen Interessensabstimmung gewichen. Beim Gründungsakt der EWG standen die USA als sicherheitspolitischer Schutzherr Westeuropas Pate und der sowjetische Außenfeind tat das Seine, die traditionellen nationalen Egoismen des alten Kontinents zu überwinden. Droht sich die ruhige geopolitische Situation in selbstzufriedenem Immobilismus bei der EU-Institutionenreform niederzuschlagen?
Giscard d'Estaing und Helmut Schmidt versuchen eine Mobilisierung europäischer Emotionen gegen den Großen Bruder jenseits des Atlantiks: eine Ausweitung der EU ohne den ersehnten Sprung nach vorne zur politischen Union der "Euro-Europäer" würde ihrer Meinung nach nur jenen Kräften in Washington in die Hände spielen, die ihre Kontrolle über Europa zwecks Durchsetzung der globalen amerikanischen Ziele erhalten wollten. Tatsache ist, daß in der amerikanischen Presse die angeblich zunehmenden amerikanisch-europäischen Spannungen seit Monaten Dauerthema sind. Starkolumnist William Pfaff bereitet vor allem der hinhaltende amerikanische Widerstand gegen die geplante neue europäische Militärstreitmacht Sorgen: eine zu Selbstüberschätzung neigende US-Sicherheitsbürokratie gefährde mit ihrem Widerstand gegen ein vereintes Kern-Europa die NATO und die transatlantischen Beziehungen.
Paradox, daß ausgerechnet der wirtschaftspolitisch proamerikanische Tony Blair die treibende Kraft hinter dem Aufbau dieser vom Pentagon mißtrauisch betrachteten "Europäischen Verteidigungskapazität" ist. Gehemmt durch eine wütend antieuropäische Presse hat der britische Premierminister allerdings bisher weder den Sprung Großbritanniens ins Euroland noch den damit verbundenen erhofften Aufstieg zur neuen Zentralfigur der europäischen Integration geschafft. Der britische Geheimdienst MI 5 ist zwar für seine engen Beziehungen zum CIA, nicht jedoch für Kooperationsbereitschaft mit den kontinentaleuropäischen Kollegen bekannt. Am Alleingang des deutschen Bundesnachrichtendienstes in Tschetschenien stört ihn wahrscheinlich am meisten, daß die Idee den Briten nicht schon vorher eingefallen ist.
Es scheint ganz, als ob der Casus Österreich samt Mascherlboykott und anderen protokollarischen Kriegshandlungen gute Chancen hätte demnächst als einer der geringeren Probleme der europäischen Integration zu rangieren.

 

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