Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

EU-Wahl 2009, 3.6.2009

Die Probleme Europas wachsen sich zu Metastasen aus So turbulent war EU-Politik schon lange nicht mehr. In Italien wankt Silvio Berlusconi. Der Regierungschef, dem kein Oppositionspolitiker etwas anhaben konnte, hat mit Ausflüchten, Widersprüchen und Lügen über seine Beziehung zu der 18-jährigen Schülerin Noemi Letizia den Bogen überspannt. Langsam scheint die Öffentlichkeit zu begreifen, in welchen moralischen Sumpf der selbstherrliche Medienzar das Land geführt hat. Die Gleichschaltung des Fernsehens reicht zur Manipulation eines ganzen Landes nicht mehr aus. Die Wochenzeitung L'Espresso beschreibt die unappetitlichen Praktiken rund um "Berlusconis Harem". Die linksliberale Tageszeitung La Repubblica rettet die Ehre Italiens mit seit zehn Tagen unerbittlich gestellten Fragen an den 72-jährigen Premierminister.
Eine vergleichbare Krise erschüttert Großbritannien. Die Hälfte der britischen Abgeordneten könnte bei den nächsten Unterhauswahlen infolge des ausufernden Spesenskandals ausgetauscht werden. Ein Elitenwechsel in Westminster, wie es ihn in diesem Ausmaß seit Einführung des allgemeinen Wahlrechts nicht mehr gegeben hat. Gleichzeitig zeichnet sich ein scharfer Rechtsruck ab. Die Labour Party wird die große Verliererin der Lokal- und Europawahlen vom 4. Juni sein. Die Zukunft Gordon Browns ist ungewiss.
Im politischen Straßenbild Österreichs dominieren die düsteren Warnungen der FPÖ vor einer unmittelbar bevorstehenden "Abrechnung". Abrechnung mit wem eigentlich? Mit Muslimen, Israel und "EU-Verrätern", wie Inserate und Plakate kriegerisch insinuieren? Das Unterbewusste weiß: In Kriegszeiten stellt man Verräter an die Wand.
Österreich steht nicht alleine da. Von Ungarn bis Tschechien, von den Niederlanden bis Großbritannien verschafft die Hilflosigkeit der Großparteien chauvinistischen Einpeitschern Raum. Judenhass, Islamophobie und Antiromaausfälle sind zum politischen Instrument einer ganzen Gruppe von Rechtsaußenpolitikern geworden. Den österreichischen Großparteien attestiert die europäische Presse besonders geringe Widerstandskraft. Die Europapolitik der Regierungsparteien war nie besonders ambitioniert. Im Wahlkampffinale schrumpfte sie zur dumpfen Negativhaltung gegenüber Einwanderung und der Türkei.
Ein kühleres Kalkül scheint sich dagegen in Irland durchzusetzen, obwohl dort die Krise viel schmerzlicher zu spüren ist. Regierungschef Brian Cowen ist zwar so unpopulär wie nie zuvor. Aber die Proteststimmen wandern von der proeuropäischen Fianna-Fáil-Regierungspartei zur proeuropäischen Fine-Gael-Oppositionspartei. Die Trotzstimmung des vergangenen Jahres, als die Iren den Reformvertrag ablehnten, scheint verflogen. Eine Distanzierung von Europa ist im Augenblick der Krise gefährlich. Das große Projekt des Millionärs Declan Ganley, die Europawahlen mit seiner Libertas-Partei zu einem Referendum gegen den Vertrag von Lissabon umzufunktionieren, ist gescheitert. Ganley selbst muss um ein Mandat in seinem Heimatwahlkreis zittern.
Eingepfercht im nationalstaatlichen Rahmen, wachsen sich die offenen Probleme Europas zu giftigen Metastasen aus. Weder Einwanderungspolitik noch Finanzpolitik oder der Kampf gegen die Rezession lassen sich heute sinnvoll von den Regierungen im Alleingang betreiben. Gemeinsam verkündete Konjunkturpakete und EU-Finanzpolitik mithilfe der Weltwährung Euro waren ein hoffnungsvoller Anfang. Aber Europas Antwort auf die Krise blieb auf halbem Weg stecken. Die Kommission als Embryo einer Europäischen Regierung darf nur koordinieren, damit die wirtschaftlichen Hilfsmaßnahmen der reicheren Mitgliedstaaten nicht auf Kosten der ärmeren gehen.
Die Union erweist sich wieder einmal als Hybrid, halb Bundesstaat, halb Staatenbund. Dass trotz der damit verbundenen Halbheit auch die wildesten Kritiker es nicht wagen, offen für den EU-Austritt zu plädieren, zeugt von der Stärke des europäischen Projekts. Die fein säuberlich voneinander getrennten Wahlauseinandersetzungen in den 27 Mitgliedstaaten haben jedoch die Gefahr eines weiteren Rückfalls in die Ohnmacht der Nationalstaatlichkeit erhöht.
Dennoch wird das Europäische Parlament auch in Zukunft der wichtigste Kern einer multinationalen Demokratie auf dem Kontinent sein. Die Wahlprognosen sagen auch nach dem 7. Juni ein etwa gleichbleibendes Kräfteverhältnis zwischen Links und Rechts voraus. Wobei die christdemokratische Europäische Volkspartei durch Bildung einer EU-skeptischen rechten Fraktion um die britischen Torys empfindlich geschwächt würde. Für die europaskeptische, radikale Linke erwarten die Meinungsforscher ebenso einen leichten Zuwachs wie für die in sich zerstrittenen Rechtsextremen. Treibende Kraft werden weiter die großen, proeuropäischen Blöcke der Christdemokraten, Sozialdemokraten, Liberalen und Grünen bleiben.
Vielleicht schaffen sie in fünf Jahren den nächsten Schritt, zu dem sich die Parteien diesmal nicht durchringen konnten: gesamteuropäische Listen, mit gesamteuropäischen Programmen und Bewerbern für den Kommissionspräsidenten als Spitzenkandidat. Schlagartig wären damit linke und rechte Nationalisten, Splittergruppen und Sektierer, die im gegenwärtigen System so gut gedeihen, zurückgedrängt. Die Dringlichkeit ist groß. Denn oft werden wir uns keine Wahlbewegung mehr leisten können, in der europaweite Meinungsbildung so durch nationalstaatliche Nabelschau erstickt wird.

 

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