Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Ein Gegenatomkrieg? 25.9.2004


Es kommt einem alles so unheimlich bekannt vor: die Geheimdiensterkenntnisse von verbotenen Waffenfabriken, der Streit um den Aktionsspielraum der UNO-Inspektoren, die Unschuldsbeteuerungen des kritisierten Regimes, dunkle Andeutungen in konservativen Think Tanks in Washington DC und verzweifelte Vermittlungsbemühungen der Europäer. Ganz scheint es so, als ob der Mechanismus, der vor eineinhalb Jahren zum Irakkrieg geführt hat, nun auch in Richtung Iran in Bewegung gesetzt wird.
Die iranische Führung spricht von ausschließlich zivilen Nuklearprojekten: Zukünftige AKWs sollen die Energieversorgung des Landes sichern, wenn die Ölreserven einmal zu Ende gehen. Die USA sind diametral anderer Meinung: Republikaner und Demokraten zeigen sich in gleicher Weise davon überzeugt, dass die Islamische Republik ein geheimes Programm zur Herstellung von Atomwaffen verfolgt. Da der Iran einst dem Atomsperrvertrag des Jahres 1968 beigetreten ist, könnten Beweise für verbotene Nuklearrüstung der Auslöser für Strafmaßnahmen der UNO werden. Daher das Tauziehen um jede Formulierung in den immer kritischer werdenden Iran-Berichten der Atomenergiebehörde in Wien.
Ob die iranischen Mullahs tatsächlich an Atombomben basteln, ist allerdings nur eine der umstrittenen Fragen. Genauso geht es um den grundsätzlichen Umgang mit antiwestlichen Mächten der islamischen Welt. Die Europäer verfolgen seit Jahren eine Politik des Dialogs mit Teheran, die sich auch auf die Frage der Atomenergie erstreckt. Nicht zufällig hoffen russische, deutsche und französische Firmen auf lukrative Aufträge aus dem Iran. Aber auch die Regierung Blair, diesmal nicht auf US-Linie, hatte sich aktiv an den Vermittlungsbemühungen der Deutschen und Franzosen beteiligt. Dagegen gilt der Iran in Washington als Schurkenstaat, mit dem Verhandlungen sinnlos sind. In den neokonservativen Publikationen, die sich einst erfolgreich als Vorreiter im Kampf gegen Saddam Hussein betätigt haben, wird das Mullahregime als zutiefst morsches Gebilde beschrieben, das die idealen Voraussetzungen für den erwünschten Regimewechsel bietet. Den Reformflügel um Präsident Mohammad Khatami, in den die Europäer so viele Hoffnungen gesetzt hatten, nahm man in Washington nie ernst. Dass Khatami nach dem Ablaufen seiner Amtszeit 2005 ziemlich sicher durch einen Vertreter des konservativen Flügels ersetzt werden dürfte, hält man für eine Bestätigung der eigenen harten Haltung.
Die Regierung in Washington bestreitet, dass zum jetzigen Zeitpunkt auch militärische Schritte gegen Teheran erwogen werden, und das klingt glaubwürdig. Der Zyklus der Eskalation mit dem iranischen Regime steht noch ganz am Anfang. Die amerikanischen Streitkräfte befinden sich durch die beiden Antiguerillakriege in Afghanistan und im Irak an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Aber gleichzeitig beteuert der für Abrüstung zuständige Unterstaatssekretär John Bolton bei jeder nur denkbaren Gelegenheit, dass die USA eine Atommacht Iran nie und niemals zulassen werden. Gezielt werden Meldungen lanciert, das Pentagon sei dabei, die mittelfristigen militärischen Optionen gegen das Mullahregime auszuloten. Dabei geht es ganz offensichtlich weniger um eine Invasion vom Typus des Irakkrieges als um gezielte Luftangriffe gegen die etwa zwei Dutzend iranischen Nukleareinrichtungen. Als mögliche Variante gilt auch, grünes Licht für israelische Luftangriffe gegen den Iran zu geben, hatten die Israelis doch schon 1981 einen irakischen Reaktor ohne viel Federlesen zu Schrott geschossen.
Die Variante eines Subauftrages an die Israelis klingt zwar politisch in höchstem Ausmaß riskant, wäre aber nicht unlogisch. Schließlich geht es bei der Konfrontation mit dem Iran auch um die Verteidigung des israelischen Atomwaffenmonopols im Nahen Osten. Auf mehr als 200 Nuklearsprengköpfe schätzt man inzwischen das nukleare Potenzial Israels, dessen Existenz von der Regierung in Jerusalem offiziell nie zugegeben wurde. Da Israel nie dem Atomsperrvertrag beigetreten ist, kann es auch den Experten der Internationalen Atombehörde, die so viel Druck auf den Iran ausüben, den Zugang verwehren, ohne dass dies zu einem internationalen Aufschrei geführt hätte.
Dass der jüdische Staat in den Sechzigerjahren Atombomben als Rückversicherungsgarantie für den Fall einer plötzlichen existenzbedrohenden Niederlage gegen die arabischen Nachbarstaaten ansah, kann man irgendwie nachvollziehen. Heute dagegen ist Israel die überlegene Militärmacht der Region, und es geht um die globalen Fragen von Sicherheit und nuklearer Rüstung.
Der Club der "offiziellen" fünf Atommächte USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich ist inzwischen um Israel, Pakistan, Indien und wahrscheinlich Nordkorea erweitert. Pjöngjang ist aus dem Atomsperrvertrag ausgetreten und hat wohl nicht zuletzt durch seine Atombomben auch die Regierung Bush zu langwierigen Verhandlungen gezwungen. Es wäre kein Wunder, würden auch die iranischen Mullahs zur atomaren Wunderwaffe drängen. Die Beweise dafür fehlen allerdings.
Ob das den Konfrontationskurs rechtfertigt, von dem manche Washingtoner Neokonservative fantasieren? Die destabilisierende Wirkung militärischer Gewalt bekommt die Welt zurzeit im Irak drastisch vorgeführt. Die verheerenden politischen Folgen israelisch-amerikanischer Kriegsmaßnahmen gegen den Iran könnten das irakische Chaos leicht in den Schatten stellen. Der Gewinn an Sicherheit, den sich die USA und Israel durch die Zerstörung iranischer Atomanlagen versprechen könnten, wäre dann von sehr kurzer Dauer. Die Frage, die gestellt werden muss: Wie lange wird es überhaupt möglich sein, ein Regime der Nichtverbreitung von Atomwaffen aufrechtzuerhalten, wenn sich die USA die Staaten sehr selektiv aussuchen, die man durch Sanktionen und andere Zwangsmaßnahmen atomwaffenfrei halten will? Ganz abgesehen davon, dass das amerikanische Militär selbst kaum verheimlicht, dass man eifrig dabei ist, neue "Mini Nukes" zu entwickeln.
Zwischen Indien und Pakistan hat sich nach dem ersten Schock gegenseitiger Atomtests etwas eingespielt, das man aus der Zeit des Kalten Krieges kennt: ein Gleichgewicht des Schreckens, das sogar zu Verhandlungen zwischen den verfeindeten Nachbarn geführt hat. Könnte es sein, dass ein rationaler Umgang mit den möglichen atomaren Bestrebungen eines antiwestlichen Staates weniger riskant ist als militärische Abenteuer mit ungewissem Ausgang? Selbstverständlich: je größer die Zahl der Nuklearmächte, desto gefährlicher wird unser Planet. Das rechtfertigt alle Pläne, die weitere Verbreitung von Atomwaffen mit friedlichen Mitteln zu unterbinden. Die Wiederbelebung der seit dem Irakkrieg aus gutem Grund diskreditierten amerikanischen Präventivkriegsdoktrin gehört nicht dazu.

 

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