Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Ein Krieg gegen den Iran würde die Weltwirtschaft bedrohen, 16.11.2011

Mit großer Wahrscheinlichkeit strebt der Iran nach der Bombe. Die Islamische Republik  geht den gleichen Weg, den  Pakistan, Indien, Nordkorea beschritten haben. Vor Jahrzehnten besorgte sich auch Israel, die bislang einzige Atommacht des Nahen Ostens, nukleares Know How.  Rauchende Pistole findet sich im jüngsten Iranbericht der Internationalen Atomenergiebehörde keine. Die Hinweise auf ein militärisches Nuklearprogramm  stammen von westlichen Geheimdiensten, nicht direkt von den  internationalen Inspektoren. Aktivitäten, die auf militärische Absichten schließen lassen, liegen zum Teil vor 2003, als der Iran nach Meinung des CIA seine Bombenpläne ad acta gelegt hat.  Trotzdem äußert  sich die Wiener UNO-Behörde  so besorgt wie nie zuvor.
  Wobei die  Beweislage selbst nicht  entscheidend ist. Auch Russland, das neue Sanktionen gegen den Iran scharf ablehnt, zweifelt  nicht an den militärischen Absichten hinter dem iranischen Atomprogramm. Umgekehrt ist es im Westen eine Frage der politischen Opportunität, wie nahe man Teheran an der Fertigstellung der ersten Bombe sieht. In den letzten Regierungsjahren George W.Bushs wurde  derart intensiv über einen unmittelbar bevorstehenden Durchbruch spekuliert, dass die USA einen  Militärschlag  nicht ausschlossen. Schließlich hatten die Israelis auch 1981   den irakischen Atomreaktor von Osirak bombardiert, 2007 folgte ziemlich geräuschlos die Zerstörung einer Atomanlage in der syrischen Wüste.  
  Mit dem Wechsel zu Barack Obama in Washington wurden die Angriffspläne auf Eis gelegt.   Die Geheimdienste sprangen ein. In Teheran fielen  Nuklearexperten geheimnisvollen Mordanschlägen zum Opfer. Ein hochrangiger Atomphysiker  fand sich als angebliches Entführungsopfer in den USA wieder…um nach ein paar Monaten  in den Iran zurückzukehren. Der Mossad, Israels Auslandsgeheimdienst, schleuste den zerstörerischen Computerwurm  Stuxnet in die iranischen Atomanlagen. Die Zentrifugen zur Urananreicherung  spielten  verrückt, die Iraner wurden um Jahre zurückgeworfen. Um den großen  Streit über die iranische Bombe wurde es still.
 Jetzt hat eine neue Runde der  Auseinandersetzung  begonnen. In Israel tobt öffentlich der Streit, ob ein Präventivschlag der  Luftwaffe gegen die Islamische Republik erforderlich ist, wie in der Vergangenheit gegen den Irak und Syrien. Premierminister  Netanyahu und Verteidigungsminister  Barak sind dafür. Angeblich blockieren jedoch die Geheimdienste. Staatspräsident Shimon Peres warnt trotzdem vor laufenden Kameras: ein militärische Antwort  sei wahrscheinlicher als eine diplomatische Lösung. In sechs Monaten könnte der Iran  Atommacht sein.
  In den USA steht zwar der  Pentagonchef  Leon Panetta  auf der Bremse. Aber die republikanischen Präsidentschaftskandidaten überbieten einander mit wüsten Drohungen gegen den Iran. Europa bietet ein Bild des Deja vu .  Premier David Cameron will keine Mittel ausschließen. Ein bekannter Code für die militärische Option. Der Guardian berichtet, britische Streitkräfte bereiten sich darauf vor, bei einem Krieg gegen den Iran mit dabei zu sein. Deutschland und Frankreich lehnen Gewalt ab und  drängen  auf stärkere Sanktionen.
  Lautstarke Kriegsdrohungen sind oft Bluff.    Israel, das ohne Unterstützung der USA militärisch nur beschränkt  handlungsfähig ist, könnte mit der  schrillen  Präventivkriegsdebatte   bezwecken, den internationalen Druck  gegen das iranische Atomprogramm zu intensivieren.
  Eine kriegerische Eskalation am Golf würde  die Erdölpreise  in  ungeahnte Höhe treiben. Der  Iran könnte die Straße von Hormuz sperren, durch die ein Großteil der Erdölversorgung der Welt fließt. Für die Weltwirtschaft, jetzt schon auf Messers Schneide, wäre das eine Katastrophe.  Barack Obama müsste seine zweite Amtszeit an den Nagel hängen, denn ein Sieg  im November 2012 ist ohne  Wirtschaftswachstum und ohne einen Rückgang der Arbeitslosigkeit kaum vorstellbar.
  Sollten Sanktionen nicht fruchten, schließen die Israelis ein nahöstliches Gleichgewicht des Schreckens, wie es im Kalten Krieg zwischen Moskau und Washington funktioniert hat,  jedoch aus.  Israel hat schon einmal ohne das Placet der USA einen Krieg geführt, als man 1956 gemeinsam mit  Frankreich und Großbritannien die Halbinsel Sinai und den Suezkanal besetzte.  US-Präsident Eisenhower pfiff  die unheilige Allianz damals innerhalb von Tagen zurück. Ein bewaffneter Konflikt um Atomwaffen des Iran,  dessen Präsident  die Existenz des jüdischen Staates in Frage stellt, würde dagegen nicht nur in den USA    Solidaritätsgefühle mit Israel mobilisieren.  In einem  Wahljahr wäre es für die   Obama-Administration  schwer,  sich dem  unbotmäßigen Verbündeten in den Weg zu stellen.

 

 

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