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Ein
Mann des Friedens?, 11.1.2006
Ariel Sharons "mysteriöse Wandlung" (der Schriftsteller
Amos Oz) vom gewissenlosen, politisch rechts außen angesiedelten
General zum ungewöhnlich erfolgreichen Regierungschef, der sein Land
auf schmerzliche Konzessionen vorbereitet, hat ziemlich genau mit dem
Tod seines großen Gegenspielers, Jassir Arafat, begonnen: Der langjährige
Hardliner sprach plötzlich von den verheerenden Folgen der Besatzung
für die israelischen Okkupanten und befürwortete zum Entsetzen
seiner Anhänger einen Palästinenserstaat. Trotzdem bleibt Sharon
am wahrscheinlichen Ende seines politischen Lebens in den Augen der Palästinenser
unverrückbar der "Schlächter von Beirut", ganz so
wie Jassir Arafat den meisten Israelis auch noch als Todfeind galt, als
er sich längst mit der schwierigen Nachbarschaft zum jüdischen
Staat abgefunden hatte. Das um Sicherheit und neue Kolonisierung bemühte
Israel und die im Widerstand um ihre Identität ringende palästinensische
Bewegung stehen an derart entgegengesetzten Polen, dass man den Vergleich
nicht überstrapazieren darf. Aber beide, Arafat und zuletzt auch
Sharon, standen für die nationalen Sehnsüchte, Exzesse und Ängste
ihrer Völker.
Den "Friedensprozess", um den man sich so oft sorgt, gibt es
allerdings längst nicht mehr. Daran hatte Sharon selbst einen entscheidenden
Anteil, als er vor fünf Jahren durch seinen Besuch am Jerusalemer
Tempelberg die Wiederbelebung der israelisch-palästinensischen Verhandlungen
nach dem gescheiterten Gipfel von Camp David torpedierte. Da mag ihn der
amerikanische Präsident noch so oft als "Mann des Friedens"
preisen. Für George Bush war die Solidarität im "Kampf
gegen den Terrorismus" der Ersatz für den mit dem Abgang Bill
Clintons abgebrochenen amerikanischen Vermittlungsversuch. Sharons Sicht
des Nahostkonflikts als Auseinandersetzung zwischen freiheitsliebenden
Demokraten, mit den USA und Israel an der Spitze, und totalitären
arabischen oder islamischen Terroristen, wurde seit dem 11. September
zur internationalen Doktrin des Weißen Hauses.
Dass George Bush anders als sein Vater von Anfang an bemüht war,
sich so vorbehaltlos hinter den israelischen Regierungschef zu stellen,
hing auch mit innerparteilichen Verschiebungen bei den Republikanern zusammen:
Der traditionelle rechte Flügel um Pat Buchanan, der gerne mit antisemitischen
Untertönen operierte, hat der christlichen Rechten Platz gemacht,
deren Begeisterung für Israel religiös begründet ist. Fundamentalistische
Prediger sehen die jüdische Herrschaft über das Heilige Land
als Vorbote der Wiederkehr Jesu im Jüngsten Gericht, die viele zu
ihren Lebzeiten erwarten. Der Gleichschritt mit Sharon half dem Präsidenten,
seine eigene Basis bei der Stange zu halten. Uri Avnery, der Veteran der
israelischen Friedensbewegung, hat wiederum eine andere Erklärung:
Er meint, Bush, der nie beim Militär war, bewundert in Sharon den
Krieger, der Feldzüge selbst geführt und so manchen "Feind"
wohl auch eigenhändig in den Tod geschickt hat. Kritiklose Bewunderung
für einen General sei keine Seltenheit bei Politikern, die nie eine
Schlacht erlebt haben, sich aber selbst gerne als Kriegsherren sehen,
vermutet Avnery.
Als Regierungschef war Ariel Sharon ein berechenbarer Partner für
George Bush. Er zügelte die wilde Rhetorik seiner früheren Koalitionspartner,
die von der Vertreibung der Palästinenser aus Teilen der besetzten
Gebiete träumten, und wagte beim überraschenden Rückzug
aus dem Gazastreifen die Konfrontation mit der ihm einst treu ergebenen
Siedlerbewegung. Seit Sharons Bruch mit der Likud-Partei im vergangenen
Herbst galt der einstige Hardliner auch bei manchen Kritikern als Visionär,
dem man eine Beendigung des scheinbar unlösbaren Konflikts zutraute.
Gleichzeitig ging - nicht nur in Israel selbst, sondern auch in der internationalen
Nahostdiskussion - die Einsicht verloren, dass nur eine von beiden Seiten
als gerecht empfundene Lösung wirklichen Frieden bringen kann. Mehr
noch: Die Suche nach einer realistischen Kombination von Sicherheit und
Gerechtigkeit, um die sich israelische und palästinensische Unterhändler
seit den ersten Kontakten Anfang der Neunzigerjahre immer wieder bemüht
haben, gilt heute als Spleen unbelehrbarer Weltverbesserer. Fast scheint
es, als ob die westliche Welt die großen Fragen einer Friedenslösung
vergessen hätte: ein Ende der israelischen Besatzung, feste Grenzen
für einen lebensfähigen Palästinenserstaat und eine akzeptable
Lösung des Flüchtlingsproblems. Dagegen gewann die Sharons Schimäre
eines israelischen Siegfriedens an Boden, der zwar vereinzelte schmerzliche
Einschnitte erfordern würde, Israel aber die schwierigen Antworten
auf die Lebensfragen der Palästinenser erspart. Die innenpolitische
Stärke Sharons spiegelte damit den tragischen Fehlschluss wider,
dass sich Sicherheit durch einseitige Schritte gewinnen lässt, gestützt
auf militärische Übermacht.
Ob die von Sharon eben erst neu geschaffene "Kadima"-Partei
überleben wird, kann noch niemand sagen. Die Methode der einseitigen
israelischen Maßnahmen als Ersatz für einen gemeinsam getragenen
Friedensprozess könnte dagegen bleiben, das wünschen sich offensichtlich
auch die USA. Richtig, zum Erbe Sharons gehört die erstmalige Auflösung
jüdischer Siedlungen auf palästinensischem Territorium. Das
wäre eine Chance, auf der man aufbauen kann. Doch gleichzeitig hat
sich in Jerusalem der Glaube durchgesetzt, dass eine israelische Regierung
auch ohne Verhandlungen mit den Palästinensern Friedenspolitik betreiben
kann. Diese Politik schwächte die palästinensische Führung
weiter, sodass die Nachfolger Ariel Sharons einer ungeachtet aller gezielten
Mordanschläge immer stärker werdenden Hamas-Bewegung gegenüberstehen.
Le Monde erinnert daran, wie sehr die Schicksale von Israelis und Palästinensern
aneinander gekettet bleiben, trotz aller martialischen Sicherheitszäune,
Sperrmauern und Trennungsfantasien. Nach einem Wahlsieg im Frühjahr
hätte der "neue" Ariel Sharon vielleicht einige der Hindernisse
für den Frieden, die er einst selbst errichtet hat, beseitigt. Genau
kann das niemand sagen. Der Unilateralismus, den Sharon mit so großer
Konsequenz praktiziert hat und an dem Israel so großen Gefallen
gefunden hat, wird die große Hypothek bleiben, die er hinterlässt.
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