Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Ein europaweites Comeback für Keynes aber ohne die Linke, 26.11.2008

Europa findet zum Keynesianismus zurück. Zögerlich, manchmal widerwillig und bislang in gefährlich unkoordinierter Weise stecken die Regierungen Milliarden in den Kampf gegen die Rezession. John Maynard Keynes, der ökonomische Erfinder des Deficit-Spending, ist der Ideengeber für den britischen Labourpremier Gordon Brown ebenso wie für den französischen Konservativen Nicolas Sarkozy. Sogar die EU-Kommission, lange verschrien als Hort des Neoliberalismus, schlägt ein europäisches Konjunkturpaket vor. Budgetdefizite, gegen die Kommissionspräsident Barroso wegen des Stabilitätspakts wettern muss, sind 2009 in Wirklichkeit ausdrücklich erwünscht.
Aber das Comeback antizyklischer Wirtschaftspolitik ist mit tiefen Spannungen verbunden. Würden die Regierungen ohne gemeinsamen Plan ihre nationalen Industrien unterstützen, könnte ein Subventionswettlauf jeder gegen jeden einsetzen, der die gesamte EU gefährdet. Der Widerstand gegen eine EU-Wirtschaftsregierung kommt vor allem aus Berlin, wo die konservative Kanzlerin und der sozialdemokratische Finanzminister auf der Bremse stehen. Kein Euro und kein Cent aus Deutschland dürfen für europäische Luftschlösser aus dem französischen Élysée ausgegeben werden, heißt es in der CDU. Hinter dem unzeitgemäßen Pochen auf Budgetdisziplin versteckt sich blankes nationales Ressentiment.
Die Gefahr ist groß, dass das Konjunkturpaket, das beim EU-Gipfel Mitte Dezember beschlossen werden soll, nur aus einer Zusammenfassung längst eingeleiteter Maßnahmen bestehen wird. Aber immerhin diskutiert man über europäische Wirtschaftspolitik so intensiv wie schon lange nicht. Das Brüsseler Bruegel-Institut, ein agiler Thinktank, plädiert für den Big Bang einer gesamteuropäischen Senkung der Mehrwertsteuer um ein Prozent ab 2009. Im EU-Parlament fragen französische Sozialisten, warum nicht auch das EU-Budget durch Schuldenaufnahme ausgeweitet werden kann, um wirtschaftsbelebende Projekte zu verwirklichen.
Beim Comeback des Keynesianismus spielt die Linke, deren Held Keynes früher war, keine Rolle. Europas Sozialdemokraten, denen die innovative Kraft der kapitalistischen Konkurrenz immer unheimlich war, stellen sich jetzt merkwürdig schwer darauf ein, dass genau diese kapitalistischen Märkte versagen. Immerhin: In 16 EU-Staaten stellen Sozialdemokraten Minister oder den Regierungschef. Aber seit der nationalstaatliche Wohlfahrtsstaat an seine Grenzen stößt, agiert die Linke defensiv. Im Vordergrund steht die Verteidigung des Erworbenen, manchmal begleitet von unverhohlen nationalistischen Untertönen. Zukunftsweisende Initiativen sind selten, ein sozialdemokratisches europäisches Projekt nicht wahrnehmbar. Die einst so stolze französische SP François Mitterrands ist gespalten, und in Italien liegen einander in der Demokratischen Partei Linksdemokraten und linke Christdemokraten in den Haaren.
Das politische Vakuum in Europa füllt Nicolas Sarkozy. Der französische Präsident hat begriffen, dass Vorsicht in akuten Krisenzeiten tödlich ist. Er tut im Rahmen der EU, was früher ein Willy Brandt über die Sozialistische Internationale versucht hätte: Krisensitzungen einberufen, von Gipfel zu Gipfel hetzen, um alte Konventionen über den Haufen zu werfen und nach neuen Antworten zu suchen.
Klar: Der Mann ist ein Schaumschläger. Viele Ideen, die im Zweistundentakt aus dem Élysée kommen, sind am nächsten Tag vergessen. Show und Inszenierung sind Sarko wichtiger als Substanz. Wenn die Banken krachen und die Wirtschaft einbricht, muss jedoch alles sehr schnell gehen. Ohne das Energiebündel Sarkozy hätten die Europäer noch mehr Zeit verloren.
Mit seiner Kritik am Kapitalismus wurde der französische Präsident zu Europas Ersatzlinkem. Die verzweifelten eigenen Sozialisten spielt er an die Wand, den Linken im Europäischen Parlament ist er dagegen ein respektierter Partner. Dass die Regierung in Paris mit Jahreswechsel die Präsidentschaft an die europaskeptischen Tschechen übergeben wird, bedauern nun sogar eingefleischte Frankreich-Kritiker. Punktgenau plant Nicolas Sarkozy Mitte Jänner 2009 eine neue Krisenkonferenz in Paris mit dem Briten Tony Blair. In seinem früheren Leben als Premierminister hat Blair mit Gerhard Schröder und Bill Clinton den marktfreundlichen, sozialdemokratischen "dritten Weg" populär gemacht. Ein "vierter Weg", um Europa von der Last der zusammenbrechenden Märkte zu befreien, muss noch gefunden werden.

 

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