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Ein
islamischer Buergerkrieg, 13.7.2005
"Osama is back", titelt der Londoner " Standard" am
Tag nach den Bomben. Und tatsächlich: die fundamentalistische Welle
von blutigen Attentaten gegen die Zivilbevölkerung bleibt für
alle Welt sichtbar nicht auf die Schauplätze Bagdad und Istanbul,
Jakarta oder Jerusalem beschränkt. Wer hoffte, das Blutbad in Madrid
vor einem Jahr sei ein singuläres Ereignis gewesen, hat geirrt. Alles
spricht dafür, dass auch die Bomben gegen die Londoner Underground
nicht der letzte Anschlag dieser Art bleiben werden. Der allgemein angenommene
im gewaltbereiten islamisch-fundamentalistischen Spektrum angesiedelte
Hintergrund der Aktion scheint wahrscheinlich: die westliche Welt muss
sich darauf einstellen, dass politisch-religiös motivierte Gewalt
für längere Zeit Teil ihrer Realität bleiben wird. Genauso
wie Banküberfälle und Familiendramen, Amokläufer und Serienmörder.
Ob tatsächlich eine zentral gelenkte Organisation die Bomben in der
Londoner Underground angeordnet hat, ist unwesentlich. Auch ohne Infrastruktur
ist "Al Quai'da" zu einem ideologischen Bezugspunkt für
den radikalisiertesten Flügel des islamischen Fundamentalismus geworden.
Osama Bin Laden selbst mag als handlungsfähige Person weitgehend
ausgeschaltet sein, sind doch die meisten seiner engsten Mitarbeiter ausgeschaltet,
wie amerikanische Regierungsstellen immer wieder beteuern. Doch niemand
wagt ernsthaft zu behaupten, dass auch die Zahl der Sympathisanten zurückgeht.
Nicht ausgeschlossen, dass in London eine lokale Gruppe zur Tat schritt,
der es vor allem darum ging, den G 8-Gipfel rund um Tony Blair und George
Bush zu desavouieren. Dafür würde die verhältnismäßig
simple Mechanik von vier Bomben mit Zeitzündern sprechen, die um
vieles einfacher erscheint, als die per Handy ausgelösten Höllenmaschinen
von Madrid oder gar die komplizierte Logistik der entführten Flugzeuge
des 11.September 2001.
Aber wenn man die großen Anschläge der letzten Jahre in der
westlichen Welt analysiert, dann fällt doch eine politische Entwicklung
auf. Der 11.September 2001 war nicht nur ein Angriff gegen die Symbole
der wirtschaftlichen und militärischen Macht Amerikas gewesen, sondern
auch der Höhepunkt einer schon seit längerer Zeit anhaltenden
Angriffswelle gegen die USA. Die Eckpunkte sind bekannt: 1998 die amerikanischen
Botschaften in Nairobi und Dar es Salaam waren , 2000 das Kriegsschiff
USS Cole im Hafen von Aden und bereits 1993 das erste Mal das World Trade
Center: Osama Bin Laden, der bekanntlich mit CIA-Hilfe dazu beitrug die
sowjetischen Streitkräfte aus Afghanistan zu vertreiben, wollte auf
diese Weise unter umgekehrten Vorzeichen einen amerikanischen Rückzug
von der arabischen Halbinsel erzwingen und den Sturz des saudischen Königshauses
herbeiführen. Madrid 2004 und London 2005 deuten auf ein neue Zielsetzung
hin: jetzt werden die europäischen Verbündeten im Irakkrieg
werden ins Visier genommen, das eigentliche Ziel der Jihadisten ist Bagdad!
Ein schlichter Mythos ist dagegen die von Tony Blair und vor ihm von George
Bush aufgestellte Behauptung, die Terroristen würden uns angreifen,
weil sie "unsere Freiheit hassen" (Bush) oder "unsere Lebensart
zerstören wollen" (Blair). Nicht um die westliche Lebensart
geht es, sondern um den amerikanischen Einfluss im Mittleren Osten. Osama
Bin Laden hat nicht vor, die grüne Fahne des Propheten über
Westminster zu hissen. Sehr wohl sind die Bomben in London in der Logik
der Heiligen Krieger jedoch eine Strafaktion für Tony Blairs Engagement
an der Seite George Bushs im sogenannten "Krieg gegen den Terrorismus".
Überlegt doch einmal, warum wir eigentlich nicht Schweden angreifen,
rief Osama Bin Laden in einer Videobotschaft vor den US-Wahlen den Amerikanern
zu. Islamisch-fundamentalistische Terroraktionen haben daher in Wirklichkeit
auch nur beschränkt mit Integrationsproblemen von Moslems in Europa
oder Amerika zu tun. Die Fußsoldaten dieser Kriegsführung mögen
aus radikalen Moscheen in Hamburg, London oder Madrid kommen. Es geht
in diesem Kampf jedoch um den Irak, um Saudi Arabien und Ägypten,
das von einem demoralisierten Westen den Jihadisten zur Errichtung von
Taliban-ähnlichen Regimes überlassen werden soll.
Der britisch-amerikanische Publizist Christopher Hitchens, der sich durch
seine begeisterte Unterstützung des Irakkrieges zahlreiche Gegner
gemacht hat, bezeichnet die Bomben von London als Folge eines innerislamischen
Bürgerkrieges: eine faschistischen Bewegung fundamentalistischer
Extremisten steht gegen das restliche breite Spektrum des Islam, vor allem
aber gegen die regierenden Cliquen der Region. Ein Erklärungsversuch,
der mehr aussagt, als die kruden Thesen vom angeblich unvermeidlichen
"Zusammenstoss der Kulturen". Bezeichnenderweise liegt Edgware
Road Station, wo eine der Bomben explodierte, in einer besonders stark
von islamischen Einwanderern bewohnten Gegend: dass Moslems unter den
Opfern sein würden, musste den Attentätern klar sein. Die Botschaft
der Terroristen galt den britischen Moslems genauso wie dem Rest des Landes.
Eine Untersuchung des Politikwissenschaftlers Robert A.Pape über
die Herkunft der Attentäter bei den Anschlägen der letzten Jahre
in der "New York Times" bestätigt dieses Bild: die überwiegende
Mehrheit der 67 "Al Quai'da"-Selbstmordattentäter zwischen
1995 und 2004 kamen aus Saudi Arabien (34) oder anderen engen Verbündeten
der USA wie Marokko (12) , der Türkei (4) oder Ägypten (2) und
Pakistan (2). Kein einziger stammt aus Staaten, die von den USA jahrelang
als Förderer des Terrorismus denunziert wurden, wie Iran, Lybien,
dem Sudan oder dem Irak. Der Schluss des Terrorismusforschers: ohne Aktivisten
aus den islamischen Staaten, in denen es eine massive amerikanische Militärpräsenz
gibt, stünde "Al Quai'da" bald ohne Kämpfer da.
Doch die wird in nächster Zukunft nicht geringer werden. Trotz taktischer
Konzession an die Verbündeten in der zweiten Amtszeit Bush hält
die gegenwärtige amerikanische Führung an ihren imperialen Visionen
fest. Und die strategische Bedeutung des Mittleren Ostens wird angesichts
der Perspektive einer Verknappung der Ölreserven in den kommenden
Jahrzehnten nicht geringer werden. Im Irak zeichnet sich ein langer, blutiger
Antiguerillakrieg gegen eine hartnäckige fundamentalistische Aufstandsbewegung
ab und die prowestlichen arabischen Regimes stehen vor einem möglicherweise
chaotischen Umbruch. Das macht es wahrscheinlich, dass dieser "innerislamische
Bürgerkrieg" weitergeht, mit all seinen unmittelbaren Folgen
für die westliche Welt.
Innere Sicherheit wird damit auch in Zukunft ein beherrschendes Thema
bleiben. Durchaus möglich, dass in Europa ein neuer Schub von Sondergesetzen
vom Typus des amerikanischen "USA Patriotic Act" mit drastisch
erhöhten Kompetenzen für die Exekutive im Kampf gegen den Terrorismus
bevorsteht.
Traurig aber wahr: jeder neue Anschlag macht Einwände gegen irrtümliche
Festnahmen, hypertrophe Überwachungsmechanismus und fehlerhaften
Alarm schwieriger. Was im Namen der Sicherheit passiert, ist jetzt schon
so gut wie unangreifbar. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Selbst Londons
linker Bürgermeister Ken Livingston, der mit so großer Würde
die Tradition von Toleranz und Weltoffenheit seiner Stadt verteidigt hat,
hat nichts mehr gegen neue Überwachungskameras in der U-Bahn einzuwenden
- in ganz Großbritannien soll ihre Zahl inzwischen bereits 4 Millionen
erreicht haben..
Ob die Ähnlichkeit der terroristischen Bedrohung für Europa
und Amerika die Verbündeten einander geopolitisch tatsächlich
näher bringt, wie amerikanische Konservative erwarten, bleibt fraglich.
Die amerikanische Politik wird vom Konzept eines "Kriegs gegen den
Terrorismus" weniger abgehen denn je, schließlich ist das eine
Parole, die bei den Wählern gut ankommt. In Europa registriert man
dagegen vor allem, dass die Administration mit Guantanamo und Abu Ghraib
jeden Tag mehr feindliche Kämpfer produziert, als sie ausschaltet.
Über den vom Präsidenten so gerne wiederholten Spruch, Amerika
müsse die Terroristen dort schlagen, wo sie sind, damit sie uns nicht
zu Hause angreifen, wird man nicht nur in Madrid sondern jetzt wohl auch
in London nur den Kopf schütteln.
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