Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Ein schoener Traum, 4.10.2000


Es klingt wie ein schöner Traum: vier verlorene Kriege mit zehntausenden Toten hat der blutbefleckte Diktator überlebt. Selbst die tollkühne direkte Herausforderung der größten Militärmacht der Erde hat seine Position nicht erschüttert. Weil sein Apparat es jedoch selbst unter Aufbietung aller nur erdenklichen Tricks und Fälschungen nicht schaffte aus einer Niederlage an den Urnen einen Sieg zu machen, tritt er ab. Serbien, die Schlüsselnation des von so vielen geschichtlich verwurzelten Todfeindschaften zerrissenen Balkans, überwindet den nationalistischen Wahn der letzten Jahre und gliedert sich ein in das neue Europa der westlichen Demokratien.
Der Traum ist in den Straßen von Belgrad zur Zeit ebenso verbreitet wie in Brüssel, Washington oder Paris. In den Tagen nach dem Wahlsieg des Oppositionsführers Vojislav Kostunica lancierten westliche Geheimdienste die Nachricht von einem Amnestieangebot der NATO an die Adresse Milosevics, wenn der nur bereit sei das Wahlergebnis zu akzeptieren. Ehefrau Mira Markovic sei bereits auf Wohnungssuche in Griechenland unterwegs. Leider blieb auch das bislang Wunschdenken.
Trotzdem steht es außer Frage: der jüngste Wahlgang stellt einen historischen Wendepunkt für die jugoslawische Entwicklung dar. Nie zuvor in den letzten 13 Jahren ist Milosevic von der eigenen Bevölkerung derart eindeutig desavouiert worden. Die Herrschaft seines Clans, durch eine gescheiterte Politik sowie blutig ausgetragene interne Rivalitäten geschwächt, ist schwer angeschlagen. Serbien erlebt nach der durch monatelange Demonstrationen erzwungenen Übernahme von Städten und Gemeinden durch die Opposition 1996 den zweiten Anlauf zur demokratischen Revolution, die in Osteuropa 1989 triumphiert hat. Aber Garantie für einen raschen Erfolg gibt es keinen. Eine Woche nach dem Urnengang deutet vieles darauf hin, daß Milosevic keineswegs bereit ist sich kampflos geschlagen zu geben.
Eine Entscheidung wird allerdings sehr schnell fallen müssen.
Lenkt die Opposition ein und Kostunica stellt sich zähneknirschend doch dem erzwungenen zweiten Wahlgang, dann ist Milosevics Schicksal als verfassungsmäßiger jugoslawischer Präsident besiegelt. Nachdem auch die rechtsradikalen Nationalisten von Vojislav Seselj ins Lager der Opposition gewechselt sind, sind selbst bei massivsten Manipulationen seine Chancen auf eine Umkehr des Ergebnisses vom 24.September gleich null. Milosevic wäre dann wohl versucht, gestützt auf eine Mehrheit im Parlament, seine Macht über andere Wege zu konsolidieren: neun Monate weiterer Amtszeit, die ihm laut Verfassung sowieso zustehen, würden zu einer turbulenten Zeit der Doppelherrschaft, in der altes und neues Regime um den Einfluß auf Polizei, Geheimdienst und Militär kämpfen.
Bleibt es beim Boykott der Stichwahl durch Kostinuca und setzt die Opposition ausschließlich auf außerparlamentarische Mittel wie Generalstreik und ziviler Ungehorsam, dann wird das unvermeidliche Showdown dramatisch beschleunigt. Die Opposition wäre dann einmal mehr auf den Einsatz der Macht der Straße zurückgeworfen. Via Ausnahmezustand, möglicherweise in Verbindung mit bürgerkriegsähnlichen Zusammenstößen in der prowestlich geführten Teilrepublik Montenegro, könnte Milosevic versuchen die Organe des Staatsapparats hinter sich zu sammeln und das Wahlergebnis zu annullieren.
Es sind Optionen, deren Realisierbarkeit vom inneren Zusammenhalt des Regimes abhängt. Wie rasch der Zersetzungsprozeß einer allmächtig erscheinenden Staatsmacht bei Verlust der Legitimität gehen kann, haben die Umstürze und Revolutionen in Osteuropa 1989 gezeigt. Nicolai Ceauscescu durchschritt den Weg vom totalitären Herrscher zum Todeskandidaten vor dem Hinrichtungskommando innerhalb weniger Tage.
Daß selbst am Balkan ein weniger dramatischer Wechsel möglich ist, wenn nur eine einzige Schlüsselperson die Bühne verläßt, zeigt das Beispiel Kroatien.
Die proeuropäische Mitte-links-Regierung, die nach dem Niedergang des rechtsnationalistischen HDZ-Regimes die Führung übernommen hat, ist nach einem Besuch beim Haager Kriegsverbrechertribunal sogar zur Verhaftung kroatischer Militärs geschritten, die beschuldigt werden an besonders grausamen Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Die kroatischen Nationalisten in Bosnien sind ohne ein ihnen freundlich gesinntes Regime in Zagreb sehr leise geworden. Immer mehr aus Kroatien geflüchtete oder vertriebene Serbien versuchen eine Rückkehr. In der EU sind kroatische Politiker häufige Gäste, denen man gerne hilft. Belgrader Intellektuelle blicken seit Monaten voller Neid zu den Kollegen nach Zagreb. Die unverzichtbare Voraussetzung dieser hoffnungsvollen Entwicklung war allerdings ein singuläres Ereignis gewesen: der Tod Franjo Tudjmans und damit der Abgang jenes Politikers, der als Gegenüber Slobodan Milosevics ganz wesentlich an Gewalt und Krieg beim Zerfall des alten Jugoslawiens beteiligt gewesen ist.
Jugoslawien wird es auch nach einem möglichen Abtritt Milosevics wohl schwerer haben, in das Konzert der Nationen Europas zurückzukehren. Zu viele offene Wunden hinterläßt der serbische Kriegsherr. Aber der zivilen Gesellschaft Serbiens, Montenegros oder der Vojivodina ist sicher nicht weniger zuzutrauen als jener Kroatiens. Von nationalistischen Wahnideen ist längst nur mehr eine kleine Minderheit besessen. Die Voraussetzungen für das friedliche Zusammenleben der Balkanvölker, zu dem es unvermeidlich einmal kommen wird, ist das noch nicht. Aber bezeichnend ist, daß sowohl radikalen albanischen Polikern in Kosovo als auch so manchem Unabhängigkeitsfanatiker in Montenegro ein Sieg Kostunicas nur wenig Freude bereitet. Ist doch Montenegro als Liebkind des Westens nur interessant, solange Belgrad Feindesland ist. Und auch die Anhänger eines serbenfreien Kosovo fürchten, daß demokratische Verhältnisse in Jugoslawien den Klagen über die Verfolgung der serbischen Minderheit international stärkeres Gehör geben könnten und vielleicht gar Kosovos Status als internationales Protektorat überdacht würde.
Ein Zeichen mehr dafür, wie stark das Schicksal der ganzen Region von Erfolg oder Scheitern des demokratischen Traums für Serbien abhängt.


 

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