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EineTragödie
bringt Polen und Russen einander näher, 21.4.2010
Am 8. Mai, dem 65. Jahrestag
des Sieges über Hitlerdeutschland, werden in der russischen Hauptstadt
keine Stalinbilder hängen. Wladimir Putin hat nach einigem Zögern
gegen die schändliche Idee sein Veto eingelegt, einen der Hauptverantwortlichen
für die Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts in aller Öffentlichkeit
zu rehabilitieren. Dem schleichenden Comeback des blutbehafteten Diktators
wurde durch die spektakuläre russisch-polnische Versöhnung nach
dem Unfalltod Lech Kaczynskis und über den Gräbern von Katyn
ein Ende gesetzt.
Gleich zweimal zeigte das staatliche russische Fernsehen in den letzten
Tagen *Katyn*, den herzzerreißenden Film des polnischen Starregisseurs
Andrzej Wajda über den Massenmord an 22.000 polnischen Offizieren
durch den sowjetischen Geheimdienst NKVD nach dem Hitler-Stalin-Pakt.
Noch vor kurzem galt Wajdas Monumentalwerk in der offiziellen Presse als
antirussische Propaganda. Aber auf den verheerenden Absturz der polnischen
Präsidentenmaschine hat das offizielle Russland mit so viel Einfühlungsvermögen
reagiert, dass in wenigen Tagen mehr Ressentiments und Hassgefühle
zwischen den beiden Völkern abgebaut wurden als zuvor in Jahren.
Die spontane Umarmung des kalten Machtpolitikers Putin und des polnischen
Ministerpräsidenten Donald Tusk vor den Trümmern des Flugzeuges
erinnerte manche Kommentatoren an die Versöhnungsgeste zwischen François
Mitterand und Helmut Kohl, die sich vor den Soldatengräbern von Verdun
an den Händen fassten. Der Vergleich mag überzogen sein, Russland
und Polen sind noch lange keine Verbündeten. Der verunglückte
Lech Kaczynski gehörte zu den schärfsten antirussischen Einpeitschern.
Aber dass Polen und Russen einander im Augenblick der nationalen Tragödie
näherkommen, hat weitreichende Konsequenzen.
Katyn steht nicht nur für eines der schrecklichsten stalinistischen
Verbrechen, sondern auch für das Lügengebäude der durch
Jalta geschaffenen Nachkriegsordnung in Europa. Wider besseres Wissen
haben Amerikaner und Briten zugelassen, dass die Toten in den Massengräbern
um Smolensk während des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals
den Nazis zugeschrieben wurden. Zur geheuchelten polnisch-sowjetischen
Freundschaft gehörte es über Jahrzehnte, dass Fragen über
Katyn streng verboten waren. Selbst für Michail Gorbatschow war Katyn
der schwierigste Brocken der Vergangenheitsbewältigung. Monatelang
hielt Gorbatschow die Empfehlung des NKVD-Chefs Beria und den einstimmigen
Beschluss des Politbüros mit den Unterschriften Stalins, Molotows,
Mikoyans, Woroschilows und Kaganowitschs zum Massenmord zurück. Erst
Boris Jelzin übergab Lech Walesa die Unterlagen aus den sowjetischen
Archiven. Aber in der breiten russischen Öffentlichkeit blieben Zweifel.
Damit ist es jetzt ein für alle Mal vorbei. Zu ergänzen wäre
vielleicht nur, dass die ersten polnischen Opfer Stalins, Jahre vor Katyn,
die polnischen Kommunisten waren. Schon während der Säuberungen
der 30er-Jahre ließ Stalin die polnische Sektion der Komintern,
die gegen die Verfolgung der innerparteilichen Opposition protestiert
hatte, als unzuverlässig auflösen. Die polnischen Kommunisten
endeten als Erste vor den Erschießungskommandos des NKVD.
Noch größere Opfer als in Polen hat der Stalinismus nur in
Russland selbst gefordert.
Der Schub zur Vergangenheitsbewältigung kann zur dringend nötigen
Normalisierung im Osten Europas führen. Sieht Polen Russland nicht
mehr als Todfeind, sondern als Partner, dann könnte Moskau auch die
Vorteile erkennen, die korrekte nachbarschaftliche Beziehungen zu Estland,
Lettland und Litauen hätten. Das hätte Konsequenzen für
die gesamte EU, die bei ihrer Suche nach Partnerschaften mit Russland
bisher nicht sehr erfolgreich war. Wer weiß, wenn Polen und Russen
gemeinsam trauern können, vielleicht schaffen auch Russen und Georgier
einmal einen normalen Umgang miteinander?
Neue Feindbilder gibt es genug in Europa, aber zumindest verblassen die
alten. Eine der Voraussetzungen dafür kam aus Amerika: Erst Barack
Obamas Abrüstungspolitik gegenüber Moskau hat die geopolitische
Möglichkeit eines großen Tauwetters geschaffen. Wenn Stalin
aus den Köpfen verschwindet und Russen und Polen auf dem Weg der
Versöhnung sind, wer kann dann noch von ewigen Feindschaften sprechen,
sei es am Balkan, im Nahen Osten oder irgendwo sonst in der Welt?
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