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09/11 und
die Folgen
6.9.2002
Die Bilder haben auch nach
einem Jahr nichts von ihrer suggestiven Kraft eingebüßt: die
unwirklichen Einschläge der Flugzeuge in New York, der Brand, der
Zusammenbruch der Türme, die Flucht der Helfer und das Trümmerfeld,
wo einst das World Trade Center gestanden war. Ein Jahr später denkt
man zusätzlich jene tiefgreifenden Veränderungen mit, die der
fatale Tag weltweit ausgelöst hat.
Um "Al Qua'ida" ist es relativ still geworden. Zwar werden Anschläge
in Pakistan und eine Autobombe gegen Touristen im tunesischen Dscherba
auf das Konto der islamisch-fundamentalistischen Terroristen geschrieben,
aber die großen Worten Osama Bin Ladens von der bevorstehenden Niederlage
Amerikas gingen ins Leere. Im Gegenteil: die USA haben nie zuvor so entschlossen
als imperiale Weltmacht agiert, wie seit dem Schock des 11. September.
Daß der Sturz der totalitär-islamischen Taliban als Folge des
amerikanischen Gegenschlages für Millionen Afghanen ein Akt der Befreiung
war, das muss zähneknirschend inzwischen auch die antiwestliche arabische
Öffentlichkeit zugeben.
In Europa ist die Welle der Solidarität mit den angegriffenen Amerikanern
ebenso rasch verebbt wie die amerikanische Bereitschaft auf die Sensibilitäten
von Verbündeten einzugehen: die Kriegserklärung des amerikanischen
Präsidenten an den Terrorismus in den ersten Tagen nach dem Angriff
hat in Europa tiefsitzende Ängste vor der vermeintlichen unverantwortlichen
Cowboy-Mentalität jenseits des Atlantiks freigelegt. Zwar haben sich
diese Ängste nicht erfüllt, ungeachtet aller texanischen Rhetorik
hat die amerikanische Führung ihre Schritte im "Krieg gegen
den Terrorismus" gezielt und überlegt gesetzt. Aber was als
amerikanischer Griff nach der Weltherrschaft empfunden wird, verstört
die einstigen Partner aus der Zeit des Kalten Krieges. Ein Krieg zum Sturz
Saddam Husseins und zur Einrichtung eines proamerikanischen Regimes in
einem der ölreichsten Staaten der Erde wäre, sollte er tatsächlich
stattfinden, die nächste Weichenstellung: wie er geführt wird
und wie er ausgeht wird allen Mächten, ob groß oder klein,
ob Amerikaner und Europäer, Araber oder Israelis, Russen und Chinesen,
ihre neuen Plätze in der Weltpolitik zuweisen.
Verdächtig rasch haben sich Innenminister und Polizeiorgane rund
um den Erdball Rechte arrogiert, die oft mit dem Kampf gegen die terroristische
Bedrohung wenig zu tun haben. Einen "unnötigen Sieg für
den Terror" nennt der rechtsliberale britische "Economist"
die Einschränkung der Bürgerrechte vor allem in den USA. Die
rechtlosen Gefangenen aus Afghanistan im Lager von Guantanamo sind ein
Skandal und daß eine Regierung eigene Staatsbürger nach Gutdünken
zu "feindlichen Kombattanten" erklärt, um sie jenseits
des Rechtssystems unbegrenzt festzuhalten, erscheint wie ein Hohn auf
garantierte Freiheitsrechte. Der "Economist" belegt seit dem
11.September eine Erosion bürgerlicher Rechte vor allem für
Ausländer, aber keineswegs nur für sie, von Neuseeland bis Südkorea,
von der EU bis Südafrika. In den USA beginnen langsam, viel zu langsam,
die Gerichte dem immer rücksichtsloser agierenden Justizministerium
in den Arm zu fallen. Um die Balance zwischen nötigen Sicherheitsvorkehrungen
und Freiheitsrechten wäre eine breitere Auseinandersetzung gefragt,
als man sie bisher erlebt hat.
Epochale Ereignisse schaffen nicht neue Realitäten, sondern sie schwächen
oder stärken bestehende Trends. Den amerikanischen Unilateralismus
hat es ebenso bereits gegeben wie das Mißtrauen zwischen dem Westen
und der islamischen Welt. Was jetzt verschärfend wirkt, das ist die
Kriegspsychose, die die Attacken von "Al Qua'ida" ausgelöst
haben. Der Zusammenprall der Kulturen bekommt durch das Gefühl eines
Kampfes um Leben und Tod zwischen islamischen Terroristen und der westlichen
Staatenwelt eine neue Dimension. Das stellt die religiöse und kulturelle
Toleranz, die in der multikulturellen Realität des 21.Jahrhunderts
die Voraussetzung für Demokratie ist, auf eine schwere Probe. Wenn
sich manche Moscheen in Hamburg, London oder Rom als Brutstätten
gewalttätiger Verschwörergruppen herausstellen, dann bleibt
das nicht ohne Folgen für die Einwanderungspolitik der betroffenen
Staaten.
So ist es "Al Qua'ida" mit dem Anschlag vom 11.September immerhin
gelungen das Geflecht der internationalen Beziehungen zu erschüttern.
Den größten Preis zahlen die Palästinenser, findet Ariel
Sharons militärischer Würgegriff gegen die aufständischen
Palästinenser doch jetzt volle Unterstützung in Washington.
Weniger Sorgen als die verheerende Dynamik des Nahostkonflikts verdient
dagegen das Wohl jener arabischen Diktatorenregime die jetzt in Washington
ins schiefe Licht kommen. Wenn die USA sich plötzlich für Menschenrechtsaktivisten
in Ägypten einsetzen und über die den Taliban ganz ähnliche
totalitäre Theokratie Saudi Arabien's die Nase rümpfen, dann
erinnert das an eine Besonderheit des amerikanischen Imperiums: es basiert
auf einer multikulturellen, offenen und demokratischen Gesellschaft. Amerikanisierung
hat vom Deutschland oder Japan der Nachkriegszeit bis zum Polen der Neunzigerjahre
immer auch Demokratisierung bedeutet. Nur: in der Dritten Welt hat dieser
Mechanismus nicht funktioniert, die USA haben sich zumeist um ökonomischer
oder geopolitischer Interessen willen mit den herrschenden Eliten gegen
die Völker verbündet. Die Eliten in der arabischen Welt sind
keine Träne wert, die Völker dagegen antiamerikanisch. Von Armut,
Erniedrigung und den täglichen Fernsehbildern aus Palästina
radikalisiert müßten für westliche demokratische Werte
erst gewonnen werden. Dass dies auf Grund irgendeines antidemokratischen
Gens des Islam grundsätzlich unmöglich sein sollte, ist rassistischer
Unsinn. Wahr ist dagegen, dass die amerikanische Nahostpolitik selbst
viel dazu beigetragen hat, dem totalitären islamischen Fundamentalismus
Nahrung zu geben.
Ein Alleingang der USA gegen den Irak brächte einen neuen Schub in
diesem gefährlichen Zusammenstoß der Emotionen. In mehr als
einem Dutzend Staaten haben die USA seit dem Afghanistankrieg Soldaten
stationiert, die Bereitschaft der amerikanischen Öffentlichkeit Soldaten
in den entferntesten Winkeln der Erde in den Kampf zu schicken ist eine
der nachhaltigsten Veränderungen seit dem 11.September. Aber erfolgreich
waren die USA in der Vergangenheit an der Spitze von Koalitionen und wenn
ihre militärische Vormacht durch kulturelle, ökonomische und
demokratiepolitische Verbindungen abgestützt wurde. Bush und Cheney
würden dagegen, wenn es nur nach ihnen ginge, auf Verbündete
ebenso verzichten wie auf die Rücksichtnahme gegenüber anderen
Völkern und nur auf die militärische Übermacht Amerikas
setzen. Die Rhetorik der gegenwärtigen Administration hat sich stets
gefährlicher angehört als sie in der Praxis dann umgesetzt wurde.
Trotzdem heißt es fest anschnallen in der Weltpolitik. Die Verhältnisse
sind nicht stabiler geworden seit dem 11.September, auch wenn Osama Bin
Laden's "Al Quai'da" selbst keinen Anteil mehr daran hat.
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