Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Einmischen, bitte!, 2.5.2007


Die Beziehungen zwischen Russland und Westeuropa bewegen sich in einem seltsamen Widerspruch: Je mehr auf politischer Ebene von einem neuen "Kalten Krieg" die Rede ist, desto normaler scheinen wirtschaftliche Verflechtungen zwischen Berlin, Moskau und Wien zu werden. Während Wladimir Putin gegen neue amerikanische Militärbasen wettert, ganz so als ob es noch einen Eisernen Vorhang zu verteidigen gäbe, werden hierzulande russische Kapitalbesitzer freundlicher hofiert, als die Heuschrecken amerikanischer Hedge-Fonds. Die russischen Oligarchen, die ihr Vermögen bei der Plünderung der sowjetischen Staatswirtschaft gemacht haben, sind nun ganz offensichtlich im Club der Milliarden bewegenden "Masters of the Universe" willkommen. Das bedeutet: Einen neuen "Kalten Krieg" wird es keinen geben, da können die USA noch so viele Raketenprojekte planen und Russland noch so oft längst vergessene Rüstungskontrollabkommen in Frage stellen. Der Systemkonflikt, der einst hinter den waffenstarrenden Militärblöcken NATO und Warschauer Pakt gestanden ist, gehört zur grauen Vorzeit.
Die Ost-West-Kontroversen der letzten Wochen signalisieren trotzdem einen Einschnitt, allerdings auf ganz anderer Ebene. Der europäischen Öffentlichkeit ist schlagartig bewusst geworden, dass die nach außen vor Selbstbewusstsein strotzenden und nach innen so gar nicht zimperlichen Kremlherren kein Phänomen des Übergangs sind. Bei den Öl- und Gas-reichen Nachbarn im Osten ist unter Wladimir Putins Führung ein neuartiges autoritäres System entstanden, mit dem in absehbarer Zukunft zu rechnen sein wird.
Der Tod Boris Jelzins hat den qualitativen Sprung deutlich gemacht, den es in der russischen politischen Entwicklung im letzten Jahrzehnt gegeben hat. Der Gorbatschow-Rivale Jelzin war bei all seinen persönlichen Schwächen, der Katastrophe des Tschetschenienkrieges und der räuberischen Privatisierung die Symbolfigur einer revolutionären Umgestaltung. Gorbatschow und Jelzin gemeinsam haben es ermöglicht, dass der Zusammenbruch des Sowjetsystems fast ganz ohne Blutvergießen abgelaufen ist - ein in der Geschichte fast einzigartiger Vorgang. Am Ziel der Jelzin-Führung, an Stelle der Herrschaft der KPdSU ein den westlichen Demokratien vergleichbares System zu errichten, bestand kein Zweifel. Meinungsfreiheit, Pluralismus und individuelle Bürgerrechte, die unter Gorbatschow entstanden sind, wurden unter Jelzin vielleicht manipuliert, aber nie ernsthaft in Frage gestellt. Die Moskauer Krisen erschienen als chaotische Geburtswehen einer zukünftigen russischen Demokratie.
Diese Illusionen hegt unter Wladimir Putin wohl niemand mehr -, außer vielleicht Gerhard Schröder. Richtig, im kommenden Jahr werden Präsident und Duma neu gewählt. Aber an die Stelle eines Wettbewerbs haben die gegenwärtigen russischen Machthaber einen Akt der Loyalitätsbezeugung des Volkes für seine Führung gesetzt. Ob Putin in der nächsten Phase dann Ministerpräsident, starker Mann im Hintergrund oder dank einer Verfassungsänderung doch wieder Präsident sein wird, ist nicht entscheidend. Die herrschende Seilschaft ehemaliger KGB-Offiziere hat ein System geschaffen, das halbautoritären Regimes der Dritten Welt immer ähnlicher wird. Die Begeisterung westlicher Putin-Freunde über die "Stabilität", die der Ex-KGB-Mann gebracht hat, unterschlägt den Preis: eine über weite Strecken gelenkte Presse, die Ausschaltung von staatsunabhängigen Organisationen der Zivilgesellschaft und ein Parlament, von dem die stärksten Kritiker ferngehalten werden.
Weil Bürgerrechtsorganisationen und NGOs Hilfe aus dem Westen bekommen, kritisiert der russische Präsident heftig die "Einmischung in die inneren Angelegenheiten" Russlands. Wenn das "böse Ausland" herhalten muss, um die innere Opposition zu denunzieren, dann folgt überall in der Welt wie das Amen im Gebet eine autoritäre politische Wende. Dabei sind alle Staaten des alten Kontinents auch in internationalen Verträgen an Menschenrechtsstandards gebunden. Diese wurden bisher jedoch sehr zahnlos gehandhabt. "Einmischen, bitte!", sollte die Devise lauten, wenn Oppositionelle in den Monaten vor einem Wahltermin ausgegrenzt werden. Das Interesse für den mutigen Ex-Schachmeister Garri Kasparow und die Anerkennung für die ermordete Anna Politkowskaja zeigen, dass die europäische Öffentlichkeit sensibler reagiert als die Politik.
Was keineswegs heißt, dass ein undemokratisch abdriftendes Russland immer Unrecht haben muss. Die Kritik des russischen Präsidenten am imperialen Unilateralismus der US-Regierung George Bushs spricht vielen Europäern aus den Herzen. Neue amerikanische Militärbasen in Polen und der Tschechischen Republik mögen im Augenblick wirklich nur gegen zukünftige iranische Waffensysteme geplant sein. Aber eine einmal errichtete militärische Infrastruktur kann rasch auch für andere Zwecke umgebaut werden. Daher das Verständnis für die russischen Proteste in Berlin und Paris.
Die Emotionen der Dumaabgeordneten, die angesichts der angekündigten Demontage eines sowjetischen Soldatendenkmals in Tallinn einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen empfehlen, mögen politisch kalkuliert wirken. Aber die europäischen Tragödien des 20. Jahrhunderts sind derart miteinander verwoben, dass einseitige Demontagebeschlüsse bei wichtigen Symbolen für eine Seite zwangsläufig wie ein Affront wirken. Noch 2002 hat Estland aus Rücksicht auf die Europäische Union, der man beitreten wollte, ein Denkmal für die estnische Waffen-SS in der Stadt Parnu entfernen lassen. Hätten nicht die Soldaten der Roten Armee, die 1944/45 gerade im Baltikum sowohl Befreier als auch Okkupanten waren, zumindest einen baltisch-russischen Historikerdialog verdient, bevor man zum schweren Baugerät greift?
In den jungen Mitgliedsstaaten des Baltikums droht der EU ein Nationalitätenstreit mit den russischen Minderheiten. Mit solchen Konflikten umzugehen wird schwerer werden, wenn sich, wie zu befürchten ist, in Moskau ein autoritär-nationalistisches Regime festigt. Aber im Verhältnis mit Russland geht es eben nie ausschließlich um vielversprechende Aufträge, zahlungskräftige Touristen oder bedrohliche Waffensysteme, sondern immer auch um historische Erfahrungen und politische Werte. Der Machtzyniker Putin hat mit diesen Ebenen bisher erfolgreicher jongliert, als seine europäischen Gesprächspartner.

 

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