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Eins
fuer die Fundis, 19.7.2006
Hisbollah-Aktivisten führen westliche Journalisten gerne durch die
vorbildlichen Spitäler, die von der "Partei Gottes" in
den südlichen Stadtteilen Beiruts errichtet wurden. Heldenbilder
jugendlicher Märtyrer, die im Kampf gegen Israel gefallen sind, und
düstere Porträts iranischer Ayatollahs schmücken die Wände.
Die medizinischen Geräte kommen aus den USA, finanziert werden sie
vom Iran. Scheich Hassan Nasrallah, der unumstrittene Führer der
libanesischen Schiiten, prahlt damit, an die 12.000 Katjuscha-Raketen
seien im Südlibanon seit der Vertreibung der Israelis installiert
worden, die meisten stammen ebenfalls aus Teheran. Der Hisbollah-Angriff
auf eine israelische Patrouille im Grenzgebiet hat den ersten israelischen
Zweifrontenkrieg gegen paramilitärische Gruppen ausgelöst.
Kein Wunder, dass die Verschwörungstheorien, die regelmäßig
sprießen, wenn es im Nahen Osten kracht, diesmal besonders glaubwürdig
klingen. Ein Gefangenenaustausch, den Nasrallah nach der Entführung
der beiden israelischen Soldaten verlangt, ist seit vielen Jahren eines
der Ziele der Hisbollah. Der von Israel vor 17 Jahren gekidnappte Scheich
Abdel Karim Obeid war mit 400 anderen Gefangenen erst 2004 im Rahmen eines
solchen Deals freigekommen. Mit den Katjuscha-Angriffen tief in israelisches
Gebiet überschritt die Schiitenmiliz aber alle roten Linien. Die
Hisbollah-Offensive zu Land und aus der Luft ist die aufwendigste Militäroperation,
die seit dem Oktoberkrieg 1973 von arabischer Seite gegen den jüdischen
Staat durchgeführt wurde. Ziemlich schwer vorstellbar, dass Hisbollah-Chef
Nasrallah sich zu einem solchen Schritt ohne grünes Licht aus Teheran
und Damaskus entschlossen hat. Denn diese Provokation der übermächtigen
israelischen Militärmaschinerie hat nur im Rahmen eines überregionalen
Kalküls Sinn. Die iranischen Mullahs können den Westen mittels
libanesischer Katjuschas daran erinnern, an wie vielen Fronten die Islamische
Republik zurückschlagen kann, sollte der Streit um ihr Nuklearprogramm
eskalieren. Die Hisbollah präsentiert sich als proiranischer Bezugspunkt
für jene Teile der Hamas, die von Gaza aus den Volkskrieg gegen Israel
neu aufrollen wollen.
Aber im Jom-Kippur-Krieg 1973 waren traditionelle Armeen die Angreifer.
Nach einer ersten Schrecksekunde gewann der israelische Generalstab die
Initiative zurück, und innerhalb von Tagen hatten Fallschirmjäger
unter Ariel Sharon den Suezkanal erreicht. Diesmal führt Israel Krieg
gegen Untergrundbewegungen, die schwer zu fassen sind. Außer der
bösen Drohung, man könnte den Libanon um zwanzig Jahre zurückwerfen,
scheint Generalstabschef Dan Halutz nicht sehr viel einzufallen. So zerstören
israelische Raketen und Geschütze Brücken und Treibstofflager,
sie demolieren Landepisten und treffen Parteilokale, Wohnhäuser,
Flüchtlingstrecks und hoffentlich auch Katjuscha-Abschussrampen.
Aber einmarschieren wie unter Ariel Sharon 1982 will Israel im Libanon
nicht. Zu verheerend war die Bilanz nach zwei Jahrzehnten Besatzung und
dem stetigen Blutzoll im Kampf gegen die Hisbollah. Ähnlich die Situation
in Gaza: Eine Militäroperation jagt die andere, geschossen wird von
Panzern, Schiffen und aus der Luft, oft mit zivilen Opfern. Aber obwohl
die Palästinenser mit ihren leicht herstellbaren Kassam-Raketen im
gesamten Grenzgebiet Angst und Schrecken verbreiten, sei eine neuerliche
Besetzung des Gazastreifens nicht geplant, versichert man in Jerusalem.
Sicherheit für Israel scheint man durch maximales Chaos bei den palästinensischen
und libanesischen Nachbarn erreichen zu wollen. Absurderweise wird im
Libanon eine prowestliche Regierung demoliert, die noch vor kurzer Zeit
als große Errungenschaft der von den USA inspirierten Demokratisierungswelle
gepriesen wurde. Den gleichen Mechanismus der Unterminierung von ohnehin
schwachen staatlichen Strukturen erleben seit Jahren die besetzten Palästinensergebiete:
Schritt für Schritt hat das israelische Militär alle Institutionen
der Autonomiebehörde zertrümmert. Aber siehe da: Selbst mit
brennenden Ministerien und gesprengten Treibstofflagern produziert der
verwüstete Gazastreifen gefährliche Kassam-Raketen. Das wachsende
Chaos hat auf palästinensischer Seite nicht zu resignativer Passivität
geführt, sondern einfach den Spielraum für jede Art von kämpfenden
fundamentalistischen Einzelgruppen vergrößert.
Die Ereignisse der letzten Tage haben die von Ariel Sharon erfundene und
dann von Ehud Olmert weitergeführte Idee gründlich widerlegt,
dass Israel sich durch einseitige Maßnahmen das Ringen um einen
historischen Kompromiss mit den Palästinensern ersparen kann. Die
dahinterstehende Vorstellung, es reiche, an den Grenzen eine Mauer oder
einen Zaun aufzuziehen, um dem Land Sicherheit zu geben, weil die Palästinenser
auf der anderen Seite sowieso machtlos seien, erwies sich als Illusion.
Wie hoch müsste diese Mauer sein, um Kassam-Raketen, Katjuschas oder
deren Nachfolgemodelle abzuwehren?
Solange im Konflikt keine Lösung in Sicht ist, die von den Palästinensern
nicht einfach Unterwerfung fordert, wird die Todfeindschaft der arabischen
Nachbarn immer wieder zu kriegerischen Konflikten führen. Auch die
Hisbollah im Libanon ist nur deshalb wichtig, weil die täglichen
Szenen aus der Westbank und Gaza das Bild einer globalen Konfrontation
zwischen Israel und der islamischen Welt vermitteln. Gäbe es einen
glaubhaften Verhandlungsprozess zwischen Israelis und Palästinensern,
wäre die Hisbollah ein örtlich beschränktes Problem, urteilt
der israelische Friedensaktivist Uri Avnery.
Durchaus möglich, dass internationaler Druck auf beide Seiten zu
einem Waffenstillstand führt und eine Ausweitung der Kampfhandlungen
etwa auf Syrien ausbleibt. Aber das wird eine trügerische Atempause
bleiben. Islamisch-fundamentalistischer Radikalismus und israelisch-palästinensischer
Konflikt heizen einander wie selten zuvor gegenseitig auf. Durchbrochen
könnte diese Logik nur durch einen Friedens-prozess zwischen den
beiden Völkern werden. Den scheint aber zurzeit außer versprengten
Friedensgruppen in Israel, einem machtlosen Mahmoud Abbas in Ramala und
einigen einsamen Rufern in der Europäischen Union niemand zu wollen.
Und das heißt: Die Runde geht ziemlich sicher an die fundamentalistischen
Demagogen.
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