Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Ende einer Illusion, 3.9.2008


Tiroler Hoteliers, Wiener Bankiers und Bauunternehmer in ganz Österreich können beruhigt sein: Es wird keine EU-Sanktionen gegen Russland geben. Wohlbetuchte Besucher aus dem Osten werden ihre Urlaube weiter in Kitzbühel verbringen. Die russischen Milliardenwerte auf österreichischen Banken bleiben tabu, die Firmenschilder der Strabag rund um den Kreml werden nicht abmontiert. Finanzielle Strafmaßnahmen oder eine Verschärfung des Visaregimes gegen Russland, die im aufgewühlten Baltikum und anderen osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten seit dem Ausbruch der Georgien-Krise gefordert werden, sind vom Krisengipfel der EU Anfang der Woche verworfen worden. Eine realistische Zurückhaltung, hätte sich die russische Führung auf diese Weise doch mit Sicherheit nicht zu einer Änderung ihrer Kaukasuspolitik bewegen lassen.
Das rasante Tempo, mit dem Russland den verantwortungslosen Überfall des georgischen Präsidenten Saakaschwili gegen die südossetische Stadt Zchinwali genützt hat, um die Machtverhältnisse im Kaukasus zu verschieben, demonstriert den Europäern, was es heißt, Nachbar einer durch Öl und Gas wieder reich gewordenen ehemaligen Supermacht zu sein. Die Pipelines, mit denen Gas aus Zentralasien an Russland vorbei in den Westen gepumpt werden sollte, liegen jetzt in Reichweite russischer Panzer. Die georgische Armee hat sich aufgelöst. Welche Geldgeber jetzt noch in die Rohrleitungen von Nabucco, dem federführend von der österreichischen OMV geplanten europäischen Befreiungsschlag gegen die Abhängigkeit von russischem Gas, investieren sollen, bleibt ein Rätsel.
Eine Ewigkeit scheint es her, dass sich EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Außenbeauftragter Javier Solana im vergangenen Juni beim letzten Russland-EU-Gipfel im westsibirischen Chanty Mansijsk Hoffnungen auf einen neuen Schub der Zusammenarbeit machten. Der junge Präsident Dmitri Medwedew, bewusst cool mit Sonnenbrille und krawattenlos, schwärmte vom Rechtsstaat und europäischen Traditionen. Der Ölboom hat der properen Kleinstadt neben den protzigen Verwaltungsgebäuden der Energiegiganten auch ganze Blocks von Wohnhäusern für die Mittelklasse gebracht. Sogar ein Denkmal für die Opfer des Stalinismus kann man besuchen. Es präsentierte sich ein Land, in dem es neben der winzigen Oberschicht der Superreichen und der Masse der bitterarmen Mehrheit auch eine wachsende Zahl von mittelständischen Normalbürgern gibt. Aber die europäischen Gäste konnten auch erleben, wie postsowjetisch der russische Staat noch immer funktioniert. Ein undurchdringlicher grüner Zaun, der sich aufdringlich durch alle Straßen der Stadt Chanty Mansijsk zog, stellte sich als extra für den EU-Russland-Gipfel bestellte Verschönerungsmaßnahme heraus. Dahinter versteckt lagen die Slums und ärmlichen Holzhäuser, die der Gouverneur vor den ausländischen Besuchern verstecken wollte.
Im New Yorker erinnert Herausgeber und Russland-Kenner David Remnick daran, dass Putin als Geheimagent in der DDR verbittert Akten verbrannte, als das sowjetische Imperium versank. Anders als die jubelnden Demokraten auf den Straßen und die Reformer in der Partei, denen die Perestroika die ewige Angst vor dem Moloch Staat und ZK genommen hatte, erlebte der spätere Präsident den Umsturz ausschließlich als Verlust. Für seinen autoritären Kurs nach innen und den Gewalteinsatz nach außen instrumentalisiert Putin ungelöste Probleme, die die chaotische Auflösung der Sowjetunion hinterlassen hat: den Vielvölkerwirrwarr im Kaukasus, das Gefühl der Ohnmacht angesichts der stetigen Expansion der Nato im russischen Volk, die Nationalitätenkonflikte in der zum Westen tendierenden Ukraine.
Es ist unglaublich, was in diesen Auseinandersetzungen manipuliert wird. Plötzlich hält Moskau das Selbstbestimmungsrecht der Völker hoch, gegen dessen Verwirklichung in Tschetschenien zehntausende russische Soldaten gekämpft haben. Warum der Kreml jetzt nicht den Kosovo anerkennt, obwohl der Abfall Abchasiens und Südossetiens von Georgien mit genau den gleichen Argumenten begründet wird wie die Unabhängigkeit der ehemals serbischen Albanerprovinz, kann kein russischer Diplomat erklären. USA und Europäische Union wiederum streiten im Fall Georgien für die Heiligkeit der territorialen Integrität. Was ziemlich komisch wirkt, wenn sich die gleichen Regierungen für die diplomatische Anerkennung der Regierung in Priština aussprechen, die sich erst vor einem halben Jahr von Belgrad losgesagt hat. Wieso die hunderten amerikanischen Militärberater vom Angriffsplan Saakaschwilis, den der Economist als "möglicherweise verbrecherisch" bezeichnet, nichts gewusst haben sollen und warum sie ihn nicht gestoppt haben, bleibt eine unbeantwortete Frage.
In diesem Durcheinander von russischem Großmachtgehabe, dem überbordenden Nationalismus kleiner Völker und der Unberechenbarkeit einer im Wahlkampf stehenden US-Administration sind die Europäer unvermutet zu jener Kraft geworden, die am meisten zur Schadensbegrenzung beiträgt. Nicolas Sarkozy hat mit seiner Blitzreise nach Moskau und Tiflis den Waffenstillstand herbeigeführt. George Bush hatte vorher vergeblich versucht, ihm die Aktion auszureden. Der französische Ratspräsident demonstrierte, wie entschlossene gesamteuropäische Außenpolitik aussehen könnte. Ob die EU einen gemeinsamen Kurs gegenüber Moskau auf die Dauer durchhalten kann, lässt sich auch nach dem Krisengipfel vom vergangenen Montag nicht eindeutig sagen. Aber die Einheit der EU im Umgang mit Russland ist unvermutet zum wichtigsten Sicherheitsfaktor für den Kontinent geworden. Denn die Nato ist eindeutig an die Grenzen ihrer Strategie gestoßen. Die von Washington favorisierte Erweiterungsstrategie destabilisiert den Kontinent. An ihre Stelle müsste ein neues Sicherheitssystem in Europa treten, das die Traumata der zerfallenen Sowjetunion berücksichtigt, auf beiden Seiten der russischen Grenze. Auch für Österreich bedeutet das einen Lernprozess. Die Vorstellung, dass ein spezielles kulturelles Naheverhältnis des Kleinstaats zu Russland oder die Vorliebe des Ski fahrenden Putin zum Arlberg im Krisenfall mehr wiegen wird als ein handlungsfähiges Europa, ist eine Illusion.

 

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