Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Ende eines Oligopols, 30.8.2006

Ein Dutzend oder mehr neuer Atommächte in den nächsten 25 Jahren, das hält der Historiker Immanuel Wallerstein für die wahrscheinlichste Folge des sich beschleunigenden Rückganges des amerikanischen Einflusses in der Welt. Das mit dem Atomsperrvertrag festgeschriebene nukleare Oligopol einiger weniger habe sich zwar lange als erstaunlich stabil erwiesen, es steht aber jetzt vor dem Kollaps, analysiert Wallerstein in der Londoner Zeitschrift New Left Review. Vorbei sind die Zeiten, als selbst Staaten mit fortgeschrittenem Know-how wie Brasilien, Argentinien, Südkorea oder Südafrika auf internationalen Druck hin ihr Nuklearprogramm aufgegeben haben. Jetzt geht der Trend in die andere Richtung. Die USA konnten oder wollten die nukleare Rüstung Indiens und Pakistans nicht bremsen, ein nuklearer Schlagabtausch konnte 1999 nur mit Mühe verhindert werden. Alle Versuche, Nordkorea von seinem Atomkurs abzubringen, sind gescheitert. Und die Angst vor Atomwaffen in den Händen einer sich radikalisierenden islamisch-fundamentalistischen Führung im Iran schürt die nächste große Krise im Nahen Osten.
Wie rasch sich das internationale Regelwerk zur Nichtverbreitung von Atomwaffen völlig auflösen wird, lässt sich nicht voraussagen. Aber niemand soll so tun, als ob der Streit mit dem Iran ein singulärer Einzelfall wäre. Atomwaffen gibt es in der Region seit langem. Mit einem Nuklearpotenzial von einigen Hundert Sprengköpfen verfügt Israel über ein Abschreckungspotenzial, das auch gegen mehrere potenzielle Feinde gleichzeitig höchst wirksam wäre. Das größte Naheverhältnis zu Terroristen hatte bisher das Netzwerk der pakistanischen Bombenbastler um A.Q. Khan, dessen Kontakte bis zu Osama bin Laden persönlich reichten. Was dem Bündnis der USA mit dem pakistanischen Regime keinen Abbruch tat.
Trotzdem gehört die Vorstellung von einem iranischen Präsidenten, der einmal seine Vernichtungswünsche gegen Israel auch mit nuklearen Drohungen untermauern könnte, zu den grimmigsten Zukunftsvisionen. In Washington nähren solche Szenarien die wildesten Fantasien von einem neuen Waffengang im Nahen Osten. Und das israelische Militär, das in der eigenen Öffentlichkeit jeden Tag heftiger wegen des Debakels im Libanon geprügelt wird, bringt gezielte Indiskretionen über neue Angriffspläne gegen den Iran in die Medien.
Dabei vergessen die Hardliner in den USA und in Israel eine unangenehme Wahrheit, auf die jetzt der angesehene britische Thinktank "Chatham House" hinweist: Die größten Helfer des radikalen Flügels im Iran sind in Washington DC zu finden. Paradoxerweise hat gerade die Regierung Bush mit ihrem "Antiterrorkrieg" den Mullahs ermöglicht, ihren Einfluss in der Region gehörig auszuweiten. Die wichtigsten regionalen Rivalen, das Baath-Regime im Irak und die sunnitisch-fundamentalistischen Taliban in Kabul, wurden gestürzt. Die laizistisch-nationalistische Fatah-Führung der Palästinenser wurde in die Enge getrieben. Mahmud Ahmedinejad hatte es leicht, mit seinen antiwestlichen und antisemitischen Tiraden in das entstandene Machtvakuum vorzustoßen.
Die Eindämmung einer solchen aufstrebenden fundamentalistischen Macht läge im Interesse aller Strömungen, die sich von der Krise der abgewirtschafteten arabischen Diktaturen mehr Pluralismus und Demokratie erhoffen. Sie wäre auch im Interesse der Europäer, der Israelis und der USA. So wie der Streit um die iranische Atomrüstung jedoch gegenwärtig abläuft, nützt er vor allem den konservativen Machthabern in Teheran. Klar: Jedes Druckmittel, das in Teheran tatsächlich ein Umdenken auslösen könnte, sollte eingesetzt werden. Aber militärische Optionen, mit denen in Washington und Jerusalem jetzt wieder so manche flirten, drohen alles nur noch schlimmer zu machen. Selbst wenn wochenlange Luftangriffe tatsächlich alle iranischen Forschungsstätten treffen würden, was keineswegs sicher ist: Das Atomprogramm wäre höchstens um ein paar Jahre zurückgeworfen, bei gleichzeitiger politischer Stärkung der radikalsten Strömungen des islamischen Fundamentalismus. Was, wenn danach in Pakistan Pervez Musharraf durch einen islamistischen Putsch gestürzt wird? Wäre das der nächste Krieg? Oder wenn Nordkorea einen unterirdischen Atomtest durchführt?
Ausgerechnet jene neokonservativen Publizisten in den USA, die vor Jahren so ganz genau wussten, dass die amerikanischen Soldaten im Irak der Demokratie zum Durchbruch verhelfen würden, sind rasch mit dem Vorwurf des "Appeasement" zur Hand, wenn jemand zu bezweifeln wagt, dass militärisches Dreinschlagen für jede ernste sicherheitspolitische Bedrohung die richtige Antwort ist. Manchmal scheint es, als ob der weitverbreitete Vergleich des islamischen Fundamentalismus mit dem europäischen Faschismus jedes nüchterne Urteil erschwert. Oder ist es ein Zufall, dass sich die engagiertesten Befürworter des Irakkrieges früherer Zeiten erst vor kurzem wieder von den israelischen Präzisionswaffen im Libanon die todsichere Kapitulation von Hisbollah und einen schweren Schlag auch für die nach Atombomben strebenden Verbündeten in Teheran versprachen?
Foreign Affairs, die angesehenste außenpolitische Zeitschrift der USA, verweist auf etwas weniger überstrapazierte historische Präzedenzfälle. Schon vom Beginn des Atomzeitalters an hatten die USA immer wieder den Einsatz bewaffneter Gewalt erwogen, um ihr nukleares Monopol in der einen oder anderen Region zu verteidigen. Sowohl Harry Truman als auch Dwight Eisenhower überlegten Präventivschläge gegen die Sowjetunion, um das Entstehen eines konkurrierenden Atomwaffenpotenzials zu verhindern. Als China seine erste Bombe testete, galt Mao Tse-tung in Washington als verrückter Revolutionär, ähnlich wie heute Mahmud Ahmedinejad. John F. Kennedy hatte Mühe, seine kampflustigen Militärs von einem vorbeugenden Angriff abzuhalten. Selbst Bill Clinton wollte den nordkoreanischen Reaktor von Yongbyon bombardieren, um Pjöngjang den Weg zur Bombe zu versperren. In jedem dieser Fälle überwogen schließlich die Stimmen der Besonnenheit. Eine Mischung von nuklearer Abschreckung, flexibler Diplomatie und politischer Auseinandersetzung erwies sich als erfolgreicher als der nur scheinbar so einfache, aber in Wirklichkeit unendlich riskantere militärische Weg.
Die Hochphase der Hegemonie der USA, in der selbstbewusste amerikanische Führungen darauf setzen konnten, auf die Dauer auch mit nuklear gerüsteten Gegnern fertigzuwerden, mag vorbei sein. Bleibt nur zu hoffen, dass die damals vorhandene Tradition der imperialen Geduld in Washington trotzdem nicht ganz verloren gegangen ist.

 

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