Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Eskalation, 17.1.2007


Seit klar ist, dass George Bush nicht den erhofften sanften Rückzug, sondern mehr Truppen in den Irak schicken will, ist das politische Amerika plötzlich voll der historischen Reminiszenzen. "Der Irak ist George Bushs Vietnam", donnert Edward Kennedy, die personifizierte Stimme der Zeitgeschichte im Senat. Die Washington Post stellt das berühmte Bild vom letzten Helikopter über den Dächern von Saigon 1975 einer hochrangigen Diskussion voran. "Eskalation" lautet der Schreckensbegriff aus den Sechzigerjahren, den die Kritiker der neuen Kriegspläne Bushs wieder und wieder aufgreifen.
Der Irakfeldzug, der sich ursprünglich als so sichere Partie darstellte, dass es auch bei den oppositionellen Abgeordneten und Senatoren nur wenig Widerspruch gab, ist zum Albtraum der amerikanischen Politik geworden. Aber anders als zu Vietnamzeiten erschüttern keine Massendemonstrationen und Proteste das Land. Die wenigen Unentwegten, die immer wieder auf die Straße gehen, unter ihnen oft Angehörige gefallener Soldaten, drücken zwar die Skepsis des größten Teils der Bevölkerung aus. Mit den durch den Indochinakrieg ausgelösten Erschütterungen lassen sich diese Aktionen aber nicht vergleichen. Die relative Ruhe an den amerikanischen Universitäten hängt mit den unterschiedlichen Formen der Radikalisierung zusammen. Politische Opposition der Campusjugend drückt sich heute vor allem über Blogs und andere individualisierte Kommunikationsformen aus. Auch sind Studenten weniger betroffen als damals. Die Berufsarmee und die relativ geringe Zahl der Gefallenen machen den Krieg im Irak für viele zu einer abstrakten Größe.
Beim Begriff "Eskalation" schwingt auch das böse Ende mit, zu dem der stetige Nachschub an Soldaten für den damaligen Oberkommandierenden General Westmoreland geführt hat. Die Truppenaufstockung, die Robert McNamara und Lyndon B. Johnson immer wieder verfügt haben, war eine militärische Antwort auf ein politisches Problem: die fehlende innere Kraft und Legitimation des proamerikanischen Regimes in Saigon. In der Zeit der Entkolonialisierung erschienen die südvietnamesischen Machthaber als Statthalter für die in die Fußstapfen der französischen Kolonialmacht getretenen USA.
Zbigniew Brzezinski, dem ehemaligen Sicherheitsberater Jimmy Carters, zufolge führt Amerika auch im Irak einen Kolonialkrieg. "Die Ära des Kolonialismus ist vorbei", spottet der scharfzüngige Experte, "ein Kolonialkrieg im postkolonialen Zeitalter ist zum Scheitern verurteilt."
Mit ihrem angeblich neuen Irakplan verlässt sich auch die Bush-Administration primär auf militärische Mittel, um aus dem irakischen Sumpf herauszufinden. Die 20.000 zusätzlichen Soldaten müssen Bagdad gewissermaßen ein zweites Mal erobern. Anders als vor vier Jahren, als Donald Rumsfeld die Plünderer gewähren ließ, soll die Stadt diesmal wirklich besetzt werden. Das bedeutet: US-Patrouillen in den Straßen, amerikanische Soldaten in den lokalen Polizeistationen. Ein offensiver Antiguerillakrieg soll es werden, bei dem moderne Waffen weniger wichtig sind als der Kontakt von Mensch zu Mensch. Genau jene Taktik, der das Pentagon bisher aus dem Weg gegangen ist.
Dagegen haben die Elder Statesmen aus dem Umkreis von Bush senior um Exaußenminister James Baker verstanden, wie dringend ein politischer Kurswechsel nötig wäre. Daher ihr Ruf nach Dialog mit Syrien und dem Iran. Doch durchgesetzt haben sich Dick Cheney und die totgesagten Neokonservativen mit einem Konfrontationskurs, der sich gegen jene Nachbarstaaten richtet, mit denen Baker verhandeln wollte.
So heftig kursierten in den ersten Jännertagen in Washington, D.C. die Gerüchte über konkrete Angriffsvorbereitungen gegen den Iran, dass sich sogar der Pressesprecher des Weißen Hauses zu einem ungewöhnlichen Dementi veranlasst sah. Auch wenn man sich nur schwer vorstellen kann, dass die USA sich demnächst wirklich auf ein neues Iranabenteuer einlassen wollen: Die Bereitschaft zur Konfrontation wächst. Das erklärt die Razzia gegen iranische Emissäre im kurdischen Erbil, die auf einen ausdrücklichen Befehl Bushs zurückzuführen ist. Gleichzeitig schickt das Pentagon zwei Flugzeugträger in den Golf. Dass über die Sunday Times die Meldung lanciert wurde, israelische Piloten würden mit Wissen der USA Angriffe mit bunkerbrechenden Miniatomwaffen gegen iranische Atomanlagen üben, trägt auch nicht gerade zur Beruhigung bei. Auch der plötzliche Konfrontationskurs gegen die Nachbarn erinnert an Indochina: galten doch die Nachschubwege des Vietkong über Laos und Kambodscha lange als wichtigste Erklärung für die Erfolglosigkeit der Amerikaner.
Der Irakstudiengruppe unter dem Republikaner James Baker und dem Demokraten Lee Hamilton lag die Hoffnung zugrunde, dass die gesamte Nahostpolitik auf eine von beiden Parteien getragene Grundlage gestellt werden kann. Damit ist es nun endgültig vorbei. Der Irak wird bis zu den Präsidentschaftswahlen 2008 im Zentrum der politischen Auseinandersetzung stehen. Im nächsten Wahlkampf wird es ebenso wie bei Bush vs. Kerry 2004 um die Stellung der USA in der Welt gehen.
Zu der unvermeidlichen kollektiven Gewissenserforschung wird hoffentlich auch die Reflexion über den jüngsten Schandfleck in dem von Amerika geschaffenen neuen Irak gehören: die grausige Serie von Hinrichtungen verurteilter Spitzenfunktionäre des gestürzten Baathregimes. Selbst George Bush, der den Galgen für Saddam Hussein anfangs noch fröhlich als "Meilenstein für die irakische Demokratie" feiern ließ, ging Tage danach auf Distanz. Journalisten verriet er, dass er über die Umstände sehr bestürzt gewesen sei. Ob die düstere Szene den Präsidenten vielleicht an Hinrichtungsvideos terroristischer Gruppen erinnert habe, fragt das Magazin New Yorker. Die kaum verhüllte Botschaft des Weißen Hauses: Zuständig sei die Regierung Maliki gewesen. Dabei waren es die USA, die es nach der Invasion ablehnten, für Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortliche Funktionäre des Baath-Regimes einer unangreifbaren Institution wie dem Internationalen Tribunal von Den Haag zu übergeben. Die Legitimität, die den USA im Irak abgeht, wird sich schwerlich durch mehr Soldaten herstellen lassen. Das ist eine Erfahrung, die man auch schon in Vietnam gemacht hat.

 

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