Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Europa hadert mit Obama, 1.4.2009

Die erste Europareise des neuen US-Präsidenten sollte ein transatlantisches Versöhnungsfest sein. Aber zwischen Europa und Amerika häufen sich Misstöne und Meinungsverschiedenheiten. Schwierigkeiten der europäischen Politiker im Umgang mit Barack Obama sind unübersehbar.
Silvio Berlusconis penetrante Witze über die Hautfarbe des Gastes aus Übersee lassen sich noch als Ausdruck unverfrorener Geschmacklosigkeit interpretieren, mit denen der Premier Freund und Feind traktiert. Besorgte Kommentatoren weisen darauf hin, dass im Leben des Präsidenten zwar Asien, Afrika und Amerika eine große Rolle gespielt haben, ihm aber Europa sichtlich fremd war. In Obamas autobiografischem Bestseller "Dreams from My Father" kommen die Europäer als arrogante weiße Kolonialherren vor, die Großvater Hussein Onyango Obama ins Lager steckten. Immerhin, dass Obama schon während des Wahlkampfes in Berlin wie ein Rockstar gefeiert wurde, könnte ein positiver Anknüpfungspunkt werden.
Wäre da nicht das unvorsichtige Wort des tschechischen Premierministers vom "Weg zur Hölle" gewesen, mit dem Mirek Topolánek die milliardenschweren amerikanischen Antikrisenmaßnahmen geißelte. Dabei galten das osteuropäische "neue Europa" doch bislang im Gegensatz zum skeptischen Westeuropa als unerschütterlich proamerikanisch. Plötzlich scheinen die Rollen vertauscht. Es sind die Westeuropäer, die hinter vorgehaltener Hand die Möglichkeit neuer Konjunkturpakete nach amerikanischem Vorbild diskutieren. Nach Topolánek wären Europa und Amerika dann wohl gemeinsam auf dem Weg in die ewige Verderbnis.
Das feierliche Zusammentreffen der 27 EU-Staats- und Regierungschefs mit Obama auf der Prager Burg kommendes Wochenende dürfte eine verkrampfte Veranstaltung werden.
Europa war in Wirklichkeit viel stärker an die Ära Bush gebunden, als es die Öffentlichkeit wahrhaben wollte. Jetzt ist der Bruch schwierig.
Besonders in Prag und Warschau, wo die Regierungen sich mit Haut und Haar dem unseligen Raketenabwehrprogramm ausgeliefert haben, das nun auf der wachsenden Müllhalde der gescheiterten Bush-Projekte gelandet ist. Nach wie vor haben sich die Regierungen in Polen und Rumänien nicht dazu durchringen können, in der Frage der geheimen CIA-Gefängnisse in Osteuropa, in denen Terrorverdächtige völkerrechtswidrig festgehalten wurden, reinen Tisch zu machen.
Dem politischen Führungspersonal Westeuropas hängt vor allem der Irak-Krieg wie ein Klotz am Bein.
José Manuel Barroso, der eine zweite Amtszeit als europäischer Kommissionspräsident anstrebt, stand als portugiesischer Ministerpräsident 2003 bei der Kriegserklärung an Saddam Hussein neben George Bush und Tony Blair. Von linken Kritikern im EU-Parlament muss sich der konservative Frontmann immer wieder unangenehme Fragen nach seiner persönlichen Verwicklung in die Vorbereitung des Irak-Feldzuges gefallen lassen. Sowohl der rechtsliberale dänische Regierungschef Anders Fogh Rasmussen, der Nato-Generalsekretär werden möchte, als auch der aus den Niederlanden kommende gegenwärtige Nato-Chef Jaap de Hoop Schaefer waren seinerzeit begeisterte Claqueure für Bushs Marsch auf Bagdad. Dokumente des niederländischen Außenministeriums belegen, dass die eigenen Rechtsberater ausdrücklich gewarnt haben, eine Invasion des Iraks sei völkerrechtswidrig. Die Regierung ließ die unbequeme Expertise, wie kürzlich enthüllt wurde, unauffällig verschwinden. Jaap de Hoop Schaefer war damals Außenminister. Wenn sein Nato-Mandat diesen Sommer abläuft, will er sich um den EU-Außenminister-Posten bewerben. Langzeitpremier Jan Peter Balkenende hält sich für das Amt des Kommissionspräsidenten in Reserve, sollte Barroso straucheln.
Vom Irak-Krieg ungleich stärker gezeichnet ist Tony Blair, der von Persönlichkeit, Charisma und Energie her der ideale EU-Ratspräsident gewesen wäre, sollte der Reformvertrag je in Kraft treten. Aber der Krieg hat 90.000 Tote unter der irakischen Zivilbevölkerung gefordert. Eine schreckliche Hypothek.
Die USA haben zwar am Erbe der Fehlentscheidungen der Bush-Administration schwer zu tragen. Von der Belastung einer politischen Mitverantwortung ist Obama aber frei. Die Supermacht Amerika in so vielen Bereichen umzuprogrammieren, wie dies seine Regierung versucht, ist trotzdem eine Titanenaufgabe. Europäischen Politikern wird offensichtlich schon vom Zusehen schwindlig.

 

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