Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Europa muss sich für seine EU-Spitze nicht schämen, 25.11.2009

Der dichtende Premier aus Belgien und die britische Feministin, die vergangene Woche an die Spitze der EU berufen wurden, hatten keinen guten Start. So verheerend war das Echo auf die Wahl Herman van Rompuys zum Ratspräsidenten und Cathrine Ashtons zur EU-Außenbeauftragten, dass selbst abgebrühte Zyniker der Europapolitik erschraken. Manche Regierungschefs ließen, kaum aus Brüssel in ihre Hauptstädte zurückgekehrt, gezielte Berichte über ihre Zweifel verbreiten.
Die beiden wichtigsten personellen Neubesetzungen der EU seit Jahrzehnten haben schlagartig zu einer neuen Auseinandersetzung um das zukünftige Gesicht Europas geführt. Politiker, die noch vor wenigen Monaten händeringend ein Ende der Institutionendebatte gefordert haben, wünschen sich jetzt blauäugig die Volkswahl für Führungspositionen der EU. Wohl wissend, was das heißt: jahrelange Verhandlungen, ein neuer Vertrag, Volksabstimmungen und 27 Ratifizierungsprozesse.
Deutlich zeigt die Enttäuschung über die Personalentscheidungen, dass die Öffentlichkeit des Kontinents viel proeuropäischer ist als die zumeist nationalbornierten Parteien und Regierungen. Es gibt nicht nur EU-Skeptizismus, sondern auch das Gegenteil: eine wachsende Kluft zwischen den Erwartungen an eine starke EU als Krisenschutz und der Bremse, auf der die meisten Regierungschefs in der Europapolitik stehen.
Politische Schwergewichte, die man sich eigentlich für Brüssel wünschen müsste, haben einen großen Nachteil: Sie polarisieren. Bei einem Tony Blair, der als EU-Ratspräsident schlagartig zu einer neuen Schlüsselfigur auf der Weltbühne geworden wäre, sind linke Irakkriegsgegner auf die Barrikaden gestiegen. Wenn der Dauergrinser mein Präsident wird, warnte im Falter vom 4. November der Schriftsteller Karl-Markus Gauß aus Salzburg, dann trete er aus. Ähnlich reagierten Polen, Letten und Litauer auf den ehemaligen Eurokommunisten Massimo D'Alema als möglichen EU-Außenminister. Anders als bei Wahlen mit Mehrheitsentscheidungen darf es in der multinationalen EU keine Verlierer geben. Denn wer sich in Schlüsselfragen überfahren oder überstimmt fühlt, denkt, wie der hochgeschätzte Karl-Markus Gauß, ans Austreten.
Damit wird der Minimalkonsens bei den wichtigsten Personalentscheidungen zum zwingenden Erfordernis. Die unscheinbare britische EU-Kommissarin und der belgische Ministerpräsident mit dem Gehabe eines Buchhalters sind leider präziser Ausdruck der europäischen Wirklichkeit.
In seiner eigenen christdemokratischen Partei vertritt der zukünftige EU-Ratspräsident Herman van Rompuy den gemäßigten Flügel, dem der Flirt seines Vorgängers Yves Leterme mit den flämischen Nationalisten nie geheuer war. Das verschaffte ihm eine gute Gesprächsbasis zu den französischsprachigen Politikern. Gegen die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei wandte er sich vor Jahren mit dem fundamentalistisch klingenden Argument, dass zu viele Moslems nicht ins christliche Europa passen. An seinem Image als aufgeklärter Katholik änderte die Brandrede nichts. Der viel kritisierte Satz bei der Pressekonferenz am Abend seiner Wahl, er habe von nun an nicht seine eigene Meinung zu vertreten, sondern den Konsens der 27, bezog sich auf das Verhältnis der EU zur Türkei.
Cathrine Ashton kommt ursprünglich aus dem linken Flügel der Labour Party. In den 70er-Jahren war sie stellvertretende Vorsitzende der Campaign for Nuclear Disarmament. Die britische Friedensbewegung mobilisierte damals Hunderttausende gegen die nukleare Nachrüstung der NATO. Die Spitzelakten des Geheimdienstes über die CND-Führung, die man von Moskau unterwandert glaubte, sollen beim MI 5 ganze Gewölbe füllen. Den weiten Weg von der Abrüstungsaktivistin zur obersten Chefin über die EU-Sicherheitspolitik teilt Ashton mit ihrem Vorgänger Javier Solana, der Anti-NATO-Demonstrant war, ehe er NATO-Generalsekretär wurde.
Die linke Britin als Außenpolitikerin, der liberale Katholik aus Belgien im Präsidentensessel, der polnische Ex-Dissident Buzek als EU-Parlamentspräsident und der anpassungsfähige Konservative Barroso aus Portugal an der Spitze der Europäischen Kommission: Schämen muss sich Europa für dieses vielfältige Team nicht. Wer allerdings ein kräftiges Signal in Richtung Integration erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die Melodie in der EU wird nach wie vor von den nationalen Regierungen gemacht. Die Hauptverantwortung für die Zukunft Europas liegt bei ihnen.

 

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