Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Europa und Amerika II, 5.5.2004

Zbigniew Brzezinski, der scharfsinnige frühere Sicherheitsberater Jimmy Carters, hat die Länder Westeuropa gerne als Satelittenstaaten der USA bezeichnet. Für europäische Ohren klang das unerhört, hielt man eine derartige Unterordnung doch für eine Besonderheit des Ostblocks. Militärisch ist die globale amerikanische Übermacht heute noch größer geworden. Auch der neuen EU wird noch einige Zeit die Schlagkraft fehlen, um weltweit Alternativen zum jeweiligen amerikanischen Kurs zu verfolgen. Aber auf Dauer wird ein riesiger europäischer Staatenbund, zusammengehalten durch zahlreiche Gemeinschaftsorgane der Union, jedoch unvermeidlich auch beginnen eigene weltpolitische Interessen vertreten. Die Supermacht Amerika wird zwar weiter die zentrale Achse der internationalen Politik bleiben. Aber die Zeiten, in denen die Europäer einfache Satelitten waren, sind vorbei.
Washington tut sich mit der nun erforderlich gewordenen Umstellung sichtlich schwer. Lange Zeit haben die USA die europäische Intergration ausdrücklich begrüßt. Jetzt dagegen steht in Washington die Pflege der Beziehungen mit einzelnen EU-Mitgliedsstaaten im Vordergrund. Bisherige Versuche, gemeinsame Vorhaben der EU durch Separatverhandlungen mit nationalen Regierungen zu unterlaufen, sind jedoch kläglich gescheitert. Kein einziges neues EU-Mitglied ließ sich dazu bewegen, amerikanischen Staatsbürgern Immunität vor dem neuen Internationalen Strafgerichtshof zuzusichern, wie die Regierung Bush das verlangt hat. Und auch in der Irakkrise, die nach den Vorstellungen von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bekanntlich das „neue“ vom „alten“ Europa trennen sollte, gehen jetzt viele ehemals begeisterte Mitkämpfer schamhaft auf Distanz.
Der Washingtoner Politikwissenschaftler Charles Kupchan prophezeit für die nächsten Jahre wachsende europäisch-amerikanische Konkurrenz auf den verschiedensten Ebenen. Aber Konkurrenz ist auch unter Partnern möglich, sie muss nicht automatisch zu einem Klima der Feindseligkeiten führen. Wie diese Konkurrenz gemanagt wird, das ist nach Ansicht Kupchans die entscheidende Frage. Die Antwort hängt wie vieles andere auch vom Ausgang der amerikanischen Wahlen am 2.November ab.
Seit der verhängnisvolle Alleingang im Irak sich auch auf die Popularitätswerte des Präsidenten auswirkt, hat die Regierung Bush ihre unilateralistischen Instinkte etwas gezügelt. Wider alle Realitäten möchte der Präsident zumindest bis zum Wahltag eine breite internationale Allianz hinter seiner Politik vorzeigen können. Aber Colin Powell, der einzige Internationalist an der Spitze, wird einem Kabinett Bush II wohl kaum mehr angehören. Und eine Wiederwahl könnte die Administration als Bestätigung eines Kurses ansehen, der von vielen Experten als „revolutionäre“ Abkehr von der traditionellen außenpolitischen Doktrin interpretiert wird: gewachsene Allianzen würden dann auch in Zukunft leichten Herzens auf dem neokonservativen Altar des Sturzes feindlicher Regime geopfert werden.
Siegt im Herbst John Kerry, dann säße zwar ein liberaler Internationalist der alten Schule im Weißen Haus, eine Rückkehr zu der heute etwas glorifizierten „guten, alten Zeit“ der transatlantischen Beziehungen wird es aber trotzdem kaum geben. Mit dem Wegfall der Klammer des Kalten Krieges werden die Eigeninteressen stärker hervortreten. Allerdings wäre ein Präsident Kerry frei vom neokonservativen Glaube in die Allmacht amerikanischer Waffen. Die Vereinten Nationen, das von der Regierung Bush so verachtete internationale Vertragswerk der letzten Jahre und der Meinungsaustausch mit den Europäern bekämen einen neuen Stellenwert. Im Washingtoner Spiel der Kräfte hätte das „Zentrum“ republikanischer und demokratischer Internationalisten wieder Einfluss auf die Außenpolitik. Die Chancen für einen Neuanfang nach dem diplomatischen GAU des Irakkrieges wären zweifelsohne deutlich größer als in einer zweiten Amtszeit von George W.Bush.
Vom Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahlen wird auch abhängen, ob sich nach der rechtskonservativen Vorherrschaft der letzten Jahre auch in Europa so etwas wie ein neuer politischer Trend durchsetzt. Der spanische Machtwechsel, die Erfolge der Linken bei den Lokalwahlen in Frankreich und die wachsenden Schwierigkeiten des glücklosen Silvio Berlusconi in Italien, haben den konservativen Höhenflug in der EU vorläufig gestoppt. Bleibt der ideologische Input aus Amerika weiter durch aggressiven Neoliberalismus und militaristische Allmachtphantasien geprägt, dann täte sich das erweiterte Europa schwer einen neuen politischen Kompass zu finden. Ein Überraschungssieg John Kerry böte dagegen die Möglichkeit einer amerikanisch-europäischen Reflexion links von der Mitte, wie das seinerzeit auch schon Bill Clinton gemeinsam mit dem Briten Tony Blair, dem Brasilianer Enrique Cardoso und Italiens Romano Prodi versucht hat.
Die 450-Millionen-schwere EU wird auf jeden Fall mehr als das beliebte Bush-bashing einbringen müssen, um sich im internationalen Wettbewerb Gehör zu verschaffen, bei dem es auch um gesellschaftspolitische Ideen geht. Der größte Erfolg der europäischen Nachkriegsgeschichte ist der Sozialstaat, eine der wenigen Errungenschaft, um die auch viele Amerikaner Europa ziemlich unverhohlen beneiden. Dass es nicht gelungen ist, ein Bekenntnis zur sozialen Verantwortung der Europäischen Union ohne Wenn und Aber in die neue EU-Verfassung aufzunehmen, ist nur Ausdruck der zunehmenden Durchlöcherung dieses sozialen Netzes . Der britische Politikwissenschaftler Robin Blackburn weist in „Le Monde Diplomatique“ darauf hin, dass in einer Situation der steigenden Verunsicherung die EU die Initiative ergreifen könnte, für alle Bürger ein Minderstmaß an sozialer Sicherheit zu garantieren. Ein Europäischer Sozialfonds, den die Gewerkschaften schon seit langem fordern, oder ein neues System europäischer Mindestpensionen , das die Ökonomen James Galbraith, Pedro Conceicao und Pedro Ferreira in „New Left Review“ schon 1999 vorgeschlagen haben, könnte die direkte Beziehung der Bürger zur Union dramatisch verstärken und dadurch auch das internationale Gewicht der EU in der Welt erhöhen.
Unmöglich in Zeiten der Vorherrschaft „amerikanischer“ wirtschaftspolitischer Vorstellungen? Nun, ausgerechnet in den USA hat Franklin D. Roosevelt in der Zeit der größten sozialen Krise durch den Social Security Act von 1935 genau ein solches System ins Leben gerufen. Er wusste um die Bedeutung des sozialen Zusammenhalts in weltpolitisch bewegten Zeiten. Die Mindestpensionen der „Social Security“ wurde identitätsstiftend für Generationen von Amerikanern. Selbst die konservativste Präsidenten haben es nicht gewagt, diese Einrichtung anzutasten.

 

 

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