Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Europa von morgen: deutsch und französisch zugleich, 30.3.2011

Muss Europa französischer werden, um das 21.Jahrhundert zu beeinflussen? Die Frage stellt sich angesichts der Militäraktion gegen das libysche Regime des Oberst Gaddafi. Vor den verdutzten Staats- und Regierungschefs der EU bemühte Nicolas Sarkozy die Geschichte. Die Welle der arabischen Revolutionen stellt eine Zeitenwende historischer Dimensionen dar, dozierte der französische Staatspräsident in Brüssel. Frankreichs militärisches Vorpreschen zur Rettung der libyschen Revolutionäre habe eine Brücke zur neuen arabischen Welt nach dem Sturz der Diktaturen geschlagen. Eine Investition in die Zukunft.
Selbst Skeptiker wie Deutsche und Polen geben zu: die französischen Kampfflugzeuge haben in Bengasi wahrscheinlich ein Massaker verhindert. Gaddafi wollte die rebellischen Untertanen ausmerzen wie Ungeziefer. Die Hochburg der Opposition ist durch die französische Luftwaffe vor dem grausigen Schicksal des bosnischen Srebrenicas bewahrt worden.
Das historische Hochgefühl von einem Beitrag zur Befreiung der arabischen Welt ist nicht auf Frankreich beschränkt. Ed Miliband, der britische Oppositionsführer, erinnert an die Flucht seiner Eltern vor dem Faschismus und das Versagen der westlichen Demokratien im Spanischen Bürgerkrieg , um das Ja der Labour Party zum Luftkrieg gegen Gaddafi zu begründen.
Sogar das blockfreie Schweden will sich mit Kampfflugzeugen an der von den Vereinten Nationen genehmigten Aktion beteiligen. Für Österreicher, die glauben, dass die Neutralität ihnen solche Entscheidungen erspart, eine erstaunliche Debatte. Auch Sozialdemokraten und Grüne drängen in Stockholm auf militärisches Engagement.
Dagegen sind es in Deutschland vor allem konservative Atlantiker, die Guido Westerwelle nicht verzeihen können, dass sich Berlin in der UNO gemeinsam mit Russland und China der Stimme enthalten hat. Die deutsche Bündnistreue zum Westen, nicht das Schicksal der arabischen Revolutionen scheint die größte Sorge zu sein.
Dank amerikanischer Cruise Missiles und der französisch-britischen Luftarmada konnte das Niederkartätschen der libyschen Aufstandsbewegung verhindert werden. Zu den großen Verlierern des gewagten Abenteuers gehört jedoch die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU, die absolut keine Rolle gespielt hat. Immerhin stellen sich die EU-Staaten politisch hinter das französisch-britische Vorgehen.
Will aber Europa gleichzeitig auch deutscher werden, um Globalisierung und Finanzkrise zu bewältigen? Mitten in der Libyenkrise haben die Staats- und Regierungschefs die provokante Frage mit "Ja" beantwortet. Wobei unter "deutsch" jene vermeintlichen wirtschaftspolitischen Tugenden zu verstehen sind, die nach Meinung Angela Merkels den Erfolg ausmachen: bescheidene Löhne, ein spätes Pensionsantrittsalter und gesetzliche Schuldenbremsen.
Im Gegenzug für die von Deutschland nur widerstrebend akzeptierte Etablierung des Euro-Schutzschirms haben die Partner selbst die eigenwilligsten Sonderwünsche geschluckt. Ganz so, wie Frankreich in der Außenpolitik glaubt, den Ton angeben zu können, nimmt die Kanzlerin in Finanzfragen kaum auf die Sensibilitäten der Partner Rücksicht. Denn ohne deutsches Engagement ist die europäische Währung nicht zu stabilisieren, das haben die Krisen um Griechenland und Irland deutlich gezeigt.
Hohe Gewerkschaftsvertreter fürchten angesichts des neuen Paktes für den Euro um die sozialen Errungenschaften. In den finanziell angeschlagenen Ländern ist die Gefahr real. Das ist der Preis dafür, dass Sozialpolitik in der EU immer in der Kompetenz der Nationalstaaten geblieben ist. Für Arbeitnehmerorganisationen war es stets leichter soziale Standards in Deutschland oder Österreich gegen die vermeintliche Gefahr durch polnische Klempner oder slowakische Bauarbeiter zu verteidigen, als den Aufbau eines gemeinsamen sozialen Netzes in Angriff zu nehmen.
Aber Europa hat finanzpolitisch Tritt gefasst. Die Kombination von gelungenen Rettungsaktionen, dem Euro-Stabilisierungsfonds und der versprochenen EU-Wirtschaftsregierung greift. Zerreißprobe für den Euro wird aus dem drohenden finanziellen Absturz Portugals keine mehr werden. Obwohl die berühmte Achse zwischen Paris und Berlin kaum noch funktioniert, ist Europa, holprig aber doch, auf dem Weg deutscher und französischer zugleich zu werden.

 

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