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Europa
und Oesterreich, 9.2.2000
Jacques Delors, der visionäre frühere Kommissionspräsident
der Europäischen Union, hat Anfang des Jahres mit einprägsamen
Worten vor dem gegenwärtigen Kurs der EU gewarnt: die geplante Erweiterung
der Union um zwölf neue Mitglieder plus der Türkei erscheint
ihm als "Flucht nach vorne". Der Widerspruch zwischen Vertiefung
und Ausweitung würde dadurch auf die Spitze getrieben. Der Sozialist
Delors ist der französischen Vision einer politische Vereinigung
des Kontinents verpflichtet und er plädiert dafür, daß
eine ausgewählte "Avant-garde" von EU-Mitgliedern sich
zu einer "Föderation von Nationalstaaten" zusammenschließen
soll, um das Projekt eines politisch Vereinten Europas auch bei einer
Ausweitung auf insgesamt 27 Mitgliedstaaten zu retten.
Ganz scheint es so, als habe der Konservative Jacques Chirac sich in seinem
Engagement gegen Blau-schwarz im kleinen Österreich von einem ähnlichen
Gedanken leiten lassen. Denn daß die EU-Partner Einfluß auf
die Regierungsbildung eines Mitgliedsstaates beanspruchen, wie dies im
österreichischen Fall passiert ist, stellt einen Quantensprung dar.
Aus dem Buchstaben der Verträge mag eine solche Vorgangsweise tatsächlich
nicht ableitbar sein, wie Kritiker der Österreich-Resolution der
14 betonen. Aber der von Frankreich ausgelöste Paukenschlag stützt
sich auf die neuen Realitäten der Union, die den traditionellen Begriff
des "Auslandes" zum krassen Anachronismus werden ließen.
Was für ein "Ausland" soll das denn sein, mit dem man eine
Währung teilt, gemeinsam die Außengrenzen überwacht und
sogar eine grenzüberschreitende Verteidigungspolitik einfordert,
wie fast unisono die österreichischen Parteien?
60 Prozent der Gesetze eines EU-Mitgliedsstaates basieren auf Entscheidungen
in Brüssel. Daß es unter diesen Bedingungen nicht schon früher
das Interesse der Partner geweckt hat, wer in der einen oder andere Regierung
das Sagen hat, ist eigentlich überraschend. Jörg Haider ist
auf jeden Fall in den letzten zwei Wochen zur ersten Politikfigur europäischer
Innenpolitik geworden. Sein Casus erregt Demonstranten von Rom bis London.
In den Parlamenten Belgiens und Frankreichs ist die österreichische
Regierungsbildung ebenso ein Top-Thema wie im finnischen Präsidentschaftswahlkampf.
Das Europaparlament und Kommision, Regierungen und Menschenrechtsorganisationen
setzen sich mit den dramatischen Ereignissen in Wien auseinander. Derart
dominant ist die Sorge vor dem aufsteigenden Alpin-Populismus in den Medien
Europas, daß sich selbst professionelle Beobachter ungläubig
die Augen reiben. Die erfahrene Schweizer Großbank UBS führt
den jüngsten Absturz des Euro unter anderem auf den Krach zwischen
der EU und Österreich zurück. Die konservative Präsidentin
des Europaparlaments Nicole Fontaine spricht gar von der größten
politischen Krise in der Geschichte der Europäischen Union.
Dabei fällt ein Ost-West-Gefälle der Sensibilitäten in
Sachen Haider auf. Am alarmiertesten reagiert die Öffentlichkeit
in den traditionellen Demokratien Westeuropas sowie in den lateinischen
Staaten mit ihrer starken antifaschistischen Tradition. Auf das größte
Verständnis für die österreichische Entwicklung stößt
man dagegen in Mittel- und Osteuropa: es scheint ganz so, als ob die tiefen
Wurzeln in der gemeinsamen k.u.k-Vergangenheit das emotionale Verständnis
für die österreichischen Verhältnisse, die in Paris und
Madrid so fehlt, erleichtern.
Relativ klar ist inzwischen das politische Kalkül der der europäischen
Boykottaktionen gegen Blau-schwarz in Österreich: bei einer demnächst
um zahlreiche neue Mitglieder mit nur schwacher demokratischer Tradition
erweiterten EU will man deutliche politische Grenzen ziehen.Wenn das Beispiel
Österreich Schule macht und rechtsnationalistische Parteiführer
vom Typus der Jörg Haiders in mehreren Mitgliedsstaaten den Weg in
die Regierung finden, so argumentiert man in Paris und Berlin, dann wäre
das der Anfang vom Ende des Projektes EU . In Frankreich denkt man über
den Tag hinaus: im Jahr 2006 übernimmt Österreich wieder die
Präsidentschaft in der EU. Dann könnte Jörg Haider österreichischer
Bundeskanzler sein. Und ein solcher Mann an der Spitze der EU ist für
die Gründungsländer der EU schlicht unvorstellbar.
Zu den vertraglichen Verpflichtungen der Union muß nach diesem französisch-deutschen
Konzept auch ein grundsätzliches politisches Vertrauensverhältnis
zwischen den Partnern geben: EU-Regierungen müssen so zusammengesetzt
sein, daß der Weg in die politische Union mit ihnen grundsätzlich
möglich ist. Das unterscheidet die heutige Konstellation vom Jahr
1994, als in Italien das Rechtskabinett Fini und Berlusconi an die Macht
kam. Die in Österreich immer wieder bemühte Kategorie des "Auslandes"
geht an dieser Dynamik vorbei.
Wie sich Sanktionen auf das Machtgefüge im betroffenen Land selbst
auswirken, bleibt offen. Belgrader Intellektuelle, die gerne selbstironisch
auf ihre langjährige Erfahrung mit Boykottmaßnahmen des Westens
hinweisen, gestehen etwa die anfängliche mobilierende Wirkung der
EU-Sanktionen auf die demokratische Opposition Serbiens nach Ende des
Kosovokrieges ein. Nachdem wochenlange Massendemonstrationen jedoch nicht
das erwünschte Resultat gebracht haben, sei die Isolation Jugoslawiens
konterproduktiv und helfe nur dem Regime, argumentieren serbische Oppositionelle.
Andererseits hat - unter eingestandenermaßen ganz anderen Umständen
als in Österreich - der Druck der EU sowohl in der Slowakei als auch
in Kroatien die Abkehr von rechtsnationalistischen Führungen beschleunigt.
Sowohl Kroatien als auch die Slowakei gehören heute zu jenen osteuropäischen
Ländern, deren Regierungen das Vorgehen der 14 gegen die österreichische
Rechtsregierung unterstützen.
Als Weckruf zur Warnung vor einer "Haiderisierung Europas" (Gerhard
Schröder) mag der europäische Donnerschlag gegen Österreich
seine Funktion erfüllen. Daß sich damit auch bestimmte Machtverhältnisse
in der EU manifestieren ist klar: an einem kleinen Land lassen sich leichter
Exempel statuieren. Die historische Erfahrung lehrt, daß Krisen
und Widersprüche, Emotionen und Konflikte stets die treibende Kraft
politischer Veränderungen sind. Auch auf dem Weg einer Staatengemeinschaft
zur politischen Union. So könnte sich das Aufeinanderprallen der
unterschiedlichen politischen Kulturen an Donau und Seine als Vehikel
genau jenes Prozesses entpuppen, den Jacques Delors als Herausbildung
einer "Avantgarde der politischen Union" in Europa bezeichnet.
Wenn man die Bruchlinien der vergangenen Tage betrachtet, dann wird diese
Avantgarde weitgehend mit dem alten Westeuropa identisch sein. Österreich
gehört ganz deutlich nicht dazu.
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