Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Europas Pragmatismus, 13.4.2011

Die Abwicklung der Finanzhilfe für Portugal mag routiniert über die Bühne gehen. Das Ende der Eurokrise ist damit noch lange nicht erreicht. Denn nach der finanztechnischen Beruhigung kommen politische Nachwehen von noch unbekannter Heftigkeit folgen.
Tatsächlich stechen die Unterschiede zum hektische Frühjahr 2010, als der Bankrott Griechenlands Europa in den Abgrund zu reißen drohte, ins Auge. Der deutsche Boulevard hetzte damals gegen das Lotterleben der Frührentner im warmen Süden. Aufgeregte Minister erinnerten in Athen an die ungesühnte deutsche Besatzung. Ein CDU-Politiker wollte Ägäisinseln versteigern. Der Euro war im Keller. Europa schien vor dem Zerfall.
Zwölf Monate später entlockt die portugiesische Zahlungsunfähigkeit den berühmten Finanzmärkten nicht einmal ein Achselzucken. Sogar die mögliche Ansteckungsgefahr für Spanien schlägt keine Wellen. Der Euro steht so hoch, dass die Exportwirtschaft stöhnt.
Die anfangs so holprige Gegenstrategie der Europäischen Union hat gegriffen. Die Notaktion für Griechenland vor einem Jahr, der Euro-Rettungsschirm und die Unterstützung Irlands haben gezeigt, dass kein Land dem Chaos des unkontrollierten Absturzes überlassen wird.
Aber gerecht geht es nicht zu bei den finanziellen Rettungsaktionen. Den Preis für die Fehlentwicklungen zahlen Staatsbeamte, Pensionisten und Sozialhilfeempfänger. Verursacht wurde die Krise jedoch nicht durch überhöhte Mindestlöhne in Irland oder garantierte Lehrerposten in Portugal, sondern durch die Gier der Banken.
Die Schonung der Finanzwelt bringt die Gesellschaft in die Schieflage und beflügelt zentrifugale Tendenzen. In den Schuldnerländern gewinnt die Forderung an Boden, auch die verantwortungslosen Geldgeber zahlen zu lassen. In Griechenland greift ein Streik der Steuerzahler um sich. Dabei hatte man gehofft, dass sich das Land im Schock der Krise normalisiert und die Geschäfte ohne Rechnung zur Vergangenheit gehören. In der sozialistischen PASOK macht sich Widerstand gegen den Kurs von Premierminister Papandreou breit. Aus Irland wandern die Menschen wieder aus, nach Australien und Kanada. Die Portugiesen schwanken zwischen Verzweiflung und Revolte.
Brüssel als verhasster Zuchtmeister des Kontinentes, eingekreist von linken Demagogen im Süden und rechten Populisten im Norden, das ist eine brüchige Zukunft. Der deutsche Dichter Hans Magnus Enzensberger sehnt sich in einer bemerkenswerten Volte rückwärts gegen das "Sanfte Monster Brüssel" gar nach der vermeintlichen Idylle der Kleinstaatlerei.
Dabei ist Europa viel weniger von Uniformität bedroht, als vom Zerfall in einen schrumpfenden Süden, einen stagnierenden Osten und einen boomenden Norden. Ein bösartiges Jeder gegen Jeden wird sich nur durch gezieltes Gegensteuern verhindern lassen: Schulden strecken, Zinszahlungen senken und die Wirtschaft auch in den überschuldeten Staaten ankurbeln, das müsste die Devise sein. Dazu ist der nationalstaatliche Rahmen zu eng, gemeinsam müssten die Europäer die Initiative ergreifen.
Dass es dazu kommt, ist nicht so illusorisch, wie es auf den ersten Blick erscheint. Denn in den nächsten Jahren werden politische Stürme den Kontinent ähnlich durcheinander beuteln, wie zuletzt die Ökonomie. Nicht nur Italien und Spanien stecken in einer Führungskrise. In Frankreich ist das bürgerliche Lager von der politischen Kernschmelze bedroht. Nicolas Sarkozy muss darum zittern, bei den Präsidentschaftswahlen 2012 die zweite Runde zu erreichen. In Deutschland kommt Angela Merkel ihr Koalitionspartner abhanden. Der Flirt des Establishments mit der EU-Skepsis ging in Berlin nach hinten los. Gewinner sind vor allem die proeuropäischen Grünen. In Frankreich ist der Internationalist Dominique Strauss-Kahn der chancenreichste Herausforderer für den angeschlagenen Präsidenten.
Die politischen Karten werden neu gemischt in Europa und der Aufstieg der extremen Rechten samt Nachahmer im Main Stream ist keineswegs der einzige Trend. Wer am lautesten schreit, muss sich im pragmatischen Europa nicht durchsetzen. Auch das zeigt der Rückblick auf das Jahr der Notaktionen für klamme Staaten, in dem es lange so aussah, als ob die von deutschen EU-Skeptikern lautstark eingemahnte und inzwischen fast vergessene No Bailout-Klausel die wichtigste Richtschnur für den Umgang mit Schuldenkrisen bleiben würde.



 

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