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Europas
Triumph, 11.10.2000
Von Revolutionen werden in der Regel jene am meisten überrascht,
die an der Spitze der Bewegung stehen. So hatten denn auch Vojislav Kostunica
und seine Freunde vergangene Woche den theaterreifen Sturm auf die Skupstina
in Belgrad weder geplant noch erwartet. Aber nach der provokanten Annullierung
des vergangenen Wahlkampfes durch das Regime war die Volkswut nicht mehr
zu bremsen. Wie oft in solchen Situationen übernahmen kühne
Heißsporne vor dem jugoslawischen Bundesparlament die Initiative
und ein Heiligtum des Regimes nach dem anderen wurde angegriffen : gesellschaftliche
Breite und Akzeptanz der Bewegung waren so groß, daß keine
Einheit der Sicherheitsorgane die Konfrontation mit der Menge wagte. Die
Spontaneität der Massen, so oft besungen von revolutionären
Klassikern der verschiedensten Richtung, machte den Weg frei zu dem überraschend
leichten Regimewechsel in Jugoslawien. Nach einem Jahrzehnt der nationalistischen
Verirrungen und Gewalttätigkeiten, die Serbien selbst immer tiefer
zu Boden rissen, endlich eine Entwicklung, die nicht glücklicher
hätte verlaufen können. Die Chance zu einem demokratischen Neubeginn
für die serbische Gesellschaft ist da.
Es ist gleichzeitig auch eine Chance für Europa, das sich finanziell,
materiell und militärisch im Balkan so stark engagiert hat wie nirgendwo
sonst . Der Sturz Slobodan Milosevics war eines der implizierten Kriegsziele
des NATO. Keine Frage, daß sein Verschwinden unabhängig von
so mancher antiwestlichen Schlagseite des neuen ersten Mannes, auch ein
Triumph des Westens ist. Geopolitische Überlegungen mögen den
Gedanken der Belgrader Demonstranten vom 5.und 6.Oktober fremd gewesen
sein. Aber der Wunsch als " normales Land Europas" zu gelten
und bei allen Interessensgegensätzen und Meinungsverschiedenheiten
von der EU nicht als Aussätziger, sondern als Partner behandelt zu
werden stand über der gesamten Wahlbewegung Kostunicas. Die NATO-Bomben
haben diese Entwicklung trotz aller gegenteiligen Befürchtungen offensichtlich
nicht verhindert.
Ökonomisch und politisch befindet sich Jugoslawien auch nach dem
Umsturz in einer extrem schwierigen Situation. Von Krieg und bürokratischer
Mißwirtschaft verwüstet müssen die jugoslawischen Betriebe
jetzt ein verlorenes Jahrzehnt Reformen und Modernisierung aufholen. Die
Geheimdienste und Sonderpolizeieinheiten, die als Stützen des alten
Regimes fungiert haben, sind bislang unangetastet geblieben und könnten
ein gefährliches Eigenleben entwickeln. Die krisenhaften Beziehungen
zu Montenegro und die offene serbische Irridenta in Kosovo belasten die
Zukunft. Aber Serbien kann im Unterschied zu anderen Balkanstaaten auf
eine entwickelte zivile Gesellschaft bauen. Milosevic war eben - ungeachtet
aller Propagandaphrasen - weder Adolf Hitler noch Saddam Hussein. Nicht
Totalitarismus sondern mafiöser Autoritarismus kennzeichneten sein
Regime. Zu Gegnern mutierte ehemalige Freunde ließ er auf offener
Straße niederschießen, gleichzeitig wurde die Opposition selbst
in den schlimmsten Zeiten nie völlig ihres Spielraums beraubt. Schließlich
war es auch ein ganz und gar untotalitärer Urnengang, der schließlich
zu seinem Sturz führte.
Vojislav Kostunica, dem es plötzlich gelang die intern zerstrittenen
Oppositionsgruppen zu einer für die Wähler glaubwürdigen
Alternative zusammenzuschließen, kommt selbst aus einer der angesehensten
Oppositionsgruppen des alten Jugoslawiens: der Gruppe undogmatischer marxistischer
Philosophen um die Zeitschrift "Praxis", die in den Sechziger-
und Siebzigerjahren die klingenden Namen der westeuropäischen Linken
zum Dialog auf die Adriainsel Korcula lud. Der Belgrader "Praxis"-Flügel
um Mihailo Markovic und Ljubomir Tadic sagte sich vom unbeugsamen Internationalismus
der Zagreber Genossen los und begann einen langen und verhängnisvollenFlirt
mit dem - unter Tito dissidenten - serbischen Nationalismus. Kostunica
kommt aus dieser Tradition. Was unter Tito ein Vorstoß in Richtung
Pluralismus war, wandelte sich im Zerfallsprozeß des alten Jugoslawiens
zum Unterfutter für das Gift des Killer-Nationalismus eines Milosevic
oder Karadsic. Angestreift sind viele serbische Demokraten und Intellektuelle
an dieser Gedankenwelt. Arrangiert mit der Macht haben sich deshalb nur
die wenigsten. Kostunica gehört zu dieser Gruppe und US-Außenministerin
Madeleine Albright hat recht, wenn sie zu der einfachen Charakterisierung
als "serbischer Nationalist" hinzufügt: "Mit ethnischen
Säuberungen hat er nichts zu tun, er will einen Rechtsstaat."
Zu recht geben die westlichen Regierungen der neuen Führung in Jugoslawien
mehr als nur den "benefit of the doubt", wie es in der angelsächsischen
Welt heißt: das offensive Zugehen auf die Sieger des demokratischen
Oktober-Aufstands in Belgrad stärkt jene Kräfte, die nach Paris,
London und Washington schielen und schwächt den nationalistischen
Fundamentalismus, der Obskurantisten in Belgrad und Moskau verbindet.
Daß letzterer auf dem Rückzug ist, zeigt das völlige Scheitern
der Milosevic-Propaganda, durch die die Opposition als fünfte Kolonne
der NATO denunziert werden sollte. Gelingt es Kostunica ein neues von
gemäßigten Demokraten beherrschtes politisches Gleichgewicht
herzustellen und Gewalt als Mittel der Nationalitätenpolitik zu verbannen,
dann ist die Diplomatie Europas an der Reihe: unter Federführung
der EU müßte ein System nationaler Kompromisse entstehen, das
die Periode der Kriege und Vertreibungen durch eine neue Phase der friedlichen
Koexistenz der Balkanvölker ablöst. Möglicherweise ein
schöner Traum. Aber hat nicht gerade die letzte Woche bewiesen, daß
Träume manchmal auch Realität werden können?
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