Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Europas Zeit läuft ab, 25.6.2008

Europaparlamentarier sind zurückhaltend diplomatisch. Schließlich verfehlt eine Polemik, die 23-mal übersetzt werden muss, leicht ihre Wirkung. Und oft wirken fraktionsübergreifende nationale Interessen stärker als Parteiprogramme. Doch das irische Nein zum EU-Reformvertrag hat die Abgeordneten alarmiert wie selten etwas zuvor.
ÖVP-Delegationsleiter Othmar Karas, nicht gerade ein Kämpfer wider das Establishment, findet, die Regierungschefs sollten sich bei den Bürgern dringend in aller Form entschuldigen, wegen Zögerlichkeit und mangelndem Mut. Nahezu apokalyptisch klingt der sonst besonnene sozialdemokratische Fraktionschef Martin Schulz bei seiner Warnung, seit acht Jahren ratifiziere sich die EU zu Tode. Die proeuropäische Idee habe die Kraft von einst verloren: "Wo ist die Leidenschaft, die wir einmal hatten? Die Leidenschaft, die ist heute auf der anderen Seite, bei denen, die Europa schlechtreden, von rechts. Aber die Mischung aus sozialem Abstieg und Angst war noch immer das Einfallstor für den Faschismus."
Das Europäische Parlament hat am meisten zu verlieren, wenn der Vertrag von Lissabon scheitert. Daher ist die europäische Malaise hier am stärksten zu spüren. Wie wenig die durch das unglückliche Nein der Iren losgetretene Krise ausgestanden ist, hat auch der Gipfel der Staats- und Regierungschefs gezeigt. Da schäumte Silvio Berlusconi bei seinem ersten Auftritt in Brüssel gegen die Europäische Kommission und die Zentralbank. Erstere durchkreuzt seine Wahlversprechen zur regelwidrigen Rettung von Alitalia, Letztere lässt sich in ihrer Zinspolitik von italienischen Budgetproblemen nicht beeindrucken. Chefs mit autoritären Tendenzen sind mit einem funktionierenden Europa schwer vereinbar.
Im Windschatten des irischen Nein hat sich Tschechien als der zweite große Stolperstein für den Vertrag von Lissabon herausgestellt. Ein EU-Gegner als Präsident musste auf Dauer wohl zum Problem werden. Vaclav Klaus hat einst einen Großteil der Mitglieder des tschechischen Höchstgerichts ernannt, die jetzt darüber entscheiden sollen, ob sich Prag wie geplant europäischen Mehrheitsentscheidungen unterwerfen darf. Danach hat das Oberhaus das letzte Wort, und viele Senatoren sind hin- und hergerissen zwischen ihrem Anti-EU-Präsidenten und dem pragmatischeren Premierminister.
Würde Tschechien mit seiner Ratifizierung auf ein zweites Referendum in Irland warten, könnte das der Sargnagel für die ganze EU-Reform sein.
Klar, die EU funktioniert auch mit 27 Mitgliedern auf der Grundlage des ungeliebten Vertrags von Nizza. Auch wenn der mit einer hochkomplizierten Stimmgewichtung zwischen den Mitgliedsstaaten noch um einiges unverständlicher ist als das viel gescholtene neue Regelwerk. Aber politisch wäre für einige Zeit die Luft draußen aus dem Projekt Europa. Nicolas Sarkozy und Angela Merkel ziehen die Konsequenzen und kündigen für diesen Fall einen generellen Erweiterungsstopp an. Eine kalte Dusche für Kroatien, das davon träumt, in allernächster Zukunft zu den nördlichen Nachbarn aufzuschließen. Die langfristige Strategie, den gesamten Balkan zu befrieden, indem irgendwann ganz Exjugoslawien zur EU stößt, ist damit infrage gestellt. Österreichs Außenministerin Ursula Plassnik hat Sarkozy in diesem Punkt ungewöhnlich scharf widersprochen, schließlich ist die EU-Perspektive für den Balkan ein Eckpfeiler österreichischer Außenpolitik. In Hinblick auf die Türkei hat allerdings auch Wien seit Jahren darauf gepocht, dass bei neuen Mitgliedern nicht nur die Bereitschaft der Kandidaten, sondern auch die Aufnahmefähigkeit der Union berücksichtigt werden muss. Das wichtigste Argument für den Lissaboner Vertrag war stets, dass eine vergrößerte Union auch neue Regeln braucht.
Möglicherweise ist das deutsch-französische Nein zu neuen Mitgliedern auch ein dezenter Hinweis, dass im Fall eines Scheiterns von Lissabon der Big Bang kommt: Die bisher vor allem publizistisch geführte Diskussion um Kerneuropa würde auch die Politik erreichen. Der französisch-österreichische Disput um Kroatien wäre dann der Vorbote zukünftiger neuer Bruchlinien in Europa.
Vielleicht funktioniert der Irland-Plan des EU-Gipfels doch und mit ein paar beruhigenden Zusatzvereinbarungen über die Unantastbarkeit der irischen Steuern, die Neutralität und das Abtreibungsverbot geht eine zweite Volksabstimmung gut aus. Die europäische Malaise wäre trotzdem nicht behoben. Sie hängt damit zusammen, dass die Regierungen sich nie dazu durchringen konnten, eine vom Volk gewählte europäische Führung zuzulassen. Die Europäische Kommission, die einer EU-Regierung am nächsten kommt, wird von den Mitgliedsstaaten und dem Europäischen Parlament bestimmt. Ihre demokratische Legitimation ist so indirekt, dass die Bürger sich in ihr nicht wiederfinden. Die Völker Europas können nur nationale Regierungen abwählen, nicht die Spitzen der EU. Unzufriedenheit richtet sich daher sehr rasch gleich gegen das gesamte europäische Projekt.
Die historischen Gründe für diesen lamentablen Tatbestand sind bekannt. Nach dem Krieg wollten die Gründungsväter jeder Gefahr nationalen Streits zwischen den Völkern aus dem Weg gehen. Demokratie ist aber immer auf nationalem Boden gewachsen, ein Kampf um Stimmen zwischen deutschen, französischen oder italienischen Politikern hätte leicht alte Gräben wieder aufgerissen. Einen klaren Schritt zum multinationalen Bundesstaat hätte Jahrzehnte später auch die gescheiterte Verfassung nicht gebracht, trotz des anderslautenden Geschreis ihrer Gegner. Doch das Modell des Zwitters zwischen Bundesstaat und Staatenbund, den die EU gegenwärtig verkörpert, stößt jetzt an seine Grenzen.
Der angesehene französische Publizist Bernhard Guetta wiederholt es wie ein Mantra: Ein Ausweg kann nur von den den Parteien. Paneuropäische Parteien, mit gemeinsamen Wahlkämpfen und einer multinationalen Führung, würden das Europäische Parlament schlagartig mit neuem Leben erfüllen. Das Demokratiedefizit der EU wäre vielleicht nicht behoben, aber entscheidend verringert. Einige Mitgliedsstaaten könnten sich zum Vorreiter machen und per Wahlgesetz zulassen, dass bei Europawahlen Bürger aus allen EU-Staaten nicht nur wahlberechtigt sind, sondern auch kandidieren können.
Das alles mag nach ferner Zukunftsmusik klingen. Aber in der Europapolitik läuft die Zeit für diplomatische Antworten ab.


 

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