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Für
dieses Afghanistan lohnt es sich nicht zu sterben, 17.3.2010
Der Krieg in Afghanistan fordert seinen Tribut auch in der europäischen
Politik. Weil sich die Koalitionsparteien in den Niederlanden nicht auf
eine Verlängerung des Truppeneinsatzes einigen konnten, stürzte
die Regierung in Den Haag. Der antiislamische Rechtsaußenpolitiker
Gert Wilders hat gute Chancen, die Parlamentswahlen zu gewinnen und in
das nächste Kabinett einzuziehen. In Deutschland hat der verheerende
Luftschlag von Kunduz mit über 100 zivilen Toten so viel Dilettantismus
und Verantwortungslosigkeit offengelegt, dass der Verteidigungsminister
mit der militärischen Führung seither im Clinch liegt. Großbritanniens
Premier Gordon Brown muss vor neuen Katastrophenmeldungen für seine
Soldaten zittern, die den Aufholprozess der Labour Party gegenüber
den Torys vor den bevorstehenden Unterhauswahlen zunichte machen könnten.
Der Afghanistan-Krieg galt einst im Gegensatz zum Angriff auf den Irak
als der gerechte Krieg, weil die Al-Kaida unter dem Schutz der Taliban
vom Hindukusch aus die Angriffe des 11. September 2001 geplant hatte.
Inzwischen dreht sich die Weltpolitik nicht mehr primär um die Aktivitäten
fundamentalistischer Terrorgruppen. Die überlebende Al-Kaida-Führung
hat in Pakistan ein Rückzugsgebiet gefunden. Dafür kämpfen
die westlichen Truppen in Afghanistan mit einer landesweiten Rebellion,
in der die Taliban als Widerstandskraft gegen die verhassten Fremden wieder
auferstanden sind. Der wichtigste Grund, warum die USA und die Nato immer
mehr Soldaten schicken, hat mit der geostrategischen Bedeutung des benachbarten
Atomstaates Pakistan zu tun. Der Triumph antiwestlicher Extremisten in
Kabul könnte Pakistan zum Kippen bringen.
Das einstige Ziel der amerikanischen Neocons, Afghanistan mithilfe der
Armee zur Demokratie zu machen, ist längst aufgegeben. Der von Barack
Obama als Oberkommandierender eingesetzte General McChrystal verfolgt
eine Strategie, die an die jüngsten Erfahrungen im Irak anknüpft.
300.000 afghanische Soldaten und Polizisten soll es spätestens in
zwei Jahren geben. *Afghanisierung* lautet das Schlagwort. Ausländische
Berater, viel Geld und westliches Know-how sollen eine von Kabul aus gelenkte
Zentralmacht schaffen, die es in dem von Stammestraditionen geprägten
Land nie zuvor gegeben hat. Aber die Drop-out-Quote in Polizei und Armee
beträgt sagenhafte 70 Prozent.
Die wichtigste Aufgabe der westlichen Besatzungstruppen ist nicht mehr
der militärische Sieg über die Taliban. Amerikaner, Briten,
Deutsche und Franzosen sollen durch ihre Einsätze dem afghanischen
Präsidenten Karzai Zeit und Raum schaffen, seinen eigenen Staatsapparat
aufzubauen. Unter Einbeziehung möglichst großer Teile der Taliban.
Die einzige Bedingung: ein Bruch mit Osama Bin Laden und den von der Al-Kaida
beeinflussten Aufständischen in Pakistan. In ähnlicher Weise
ist es den Amerikanern im Irak gelungen, die sunnitischen Stämme
zur Zusammenarbeit zu überreden und den Einfluss der Gotteskrieger
zurückzudrängen.
Zehn Jahre nach der Vertreibung der Taliban aus Kabul würden die
Verbündeten paradoxerweise eine Talibanisierung der Regierung Karzai
als Erfolg ansehen. Mit den unvermeidlichen Folgen für die Situation
der Frauen, die Meinungsfreiheit und die zaghaften Schritte, die unter
dem Schutz der ausländischen Soldaten in Richtung Demokratie gesetzt
wurden.
Eine traurige Bilanz, die nicht auf das letzte verlorene Jahrzehnt allein
zurückzuführen ist. Mündeten doch die linken Modernisierungsversuche
nach dem Sturz des Königs in den 70er-Jahren im blutigen Bruderkrieg
zweier rivalisierender kommunistischer Parteien. Die Revolution von oben
mithilfe sowjetischer Truppen sollte das Land mit Brachialgewalt zum Fortschritt
zwingen. Beschützt von fremden Soldaten, öffneten die ersten
Mädchenschulen ihre Tore. Um bald darauf von den Mudschaheddin gesprengt
zu werden, die mit Stinger-Raketen aus den USA den letzten Stellvertreterkrieg
des Kalten Krieges führten. Nach dem Sieg über Nadschibullah,
den letzten kommunistischen Herrscher, bekämpften sich die Gotteskrieger
derart brutal, dass die Bevölkerung den Einzug der noch strengeren
Taliban anfangs begrüßte.
Afghanistan wurde im vergangenen halben Jahrhundert zu einem bedrückenden
Beispiel zivilisatorischen Niedergangs. Daran konnten auch die USA und
die Nato nichts ändern. Warum es trotzdem wert sein soll, für
Afghanistan zu sterben, lässt sich immer weniger erklären.
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