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Faludscha
und Teth, 15.4.2004
Als sich
die Truppen General Westmorelands in den ersten Jaennertagen
1968 vom Schock ueber die kuehnen Angriffe des Vietkong erholt hatten,
da
schlugen sie zurueck und machten all die Verluste wett, die sie in der
spektakulaeren Teth-Offensive erlitten hatten. Rein militaerisch waren
die vom vietnamesischen Oberkommando geplanten verlustreichen Vorstoesse,
die Untergrundkaempfer bis in den Garten der amerikanischen Botschaft
in
Saigon brachte, ein Desaster. Politisch hat mit der Teth-Offensive jedoch
der lange Weg Amerikas in die Niederlage in Vietnam begonnen.
Die Massenrevolte der schiitischen Anhaenger des antiamerikanischen
Predigers Muktada al Sadr kombiniert mit dem blutigen sunnitischen
Widerstand in Faludscha, der die amerikanischen Behoerden so voellig
ueberrascht hat, koennte zu einem aehnlichen Wendepunkt werden. Just ein
Jahr nach dem triumphalen Einmarsch in Bagdad haben die amerikanischen
Besatzer tagelang die Kontrolle ueber Teile Bagdads und eine ganze Reihe
anderer irakischer Staedte verloren. Selbst die mit riesigen Summen
aufgebaute irakische Polizei und die offiziellen Streitkraefte waren vom
antiaamerikanischen Virus angesteckt und erwiesen sich als voellig nutzlos.
Die Vorstellung, dass auslaendische Terroristen und Saddam
Hussein-Nostalgiker das grosse Problem der US-Politik im Irak sind, kann
jetzt getrost in den Bereich der politischen Maerchen geschoben werden.
Klar: In den meisten Rebellenstaedten haben die amerikanischen Behoerden
die Kontrolle wieder zurueckgewonnen. Ob die US-Verwaltung den fluechtigen
schiitischen Prediger Muktada al Sadr wirklich noch festnehmen will, ist
fraglich. Moeglicherweise daemmert dem Team um Paul Bremer langsam, dass
ein rebellischer Volksfuehrer im Gefaengnis um vieles gefaehrlicher sein
kann als in der Freiheit. Rein logistisch besteht aber kaum ein Zweifel,
dass der Prediger auf Dauer wenig Chancen hat sich zu verstecken. Die
Besatzungstruppen werden dank ihrer militaerischen Uebermacht in den
naechsten Tagen auch das letzte verlorene Terrain zurueckgewinnen. Mit
oder
ohne zusaetzliche Soldaten aus den USA. Aber schon Napoleon wusste, dass
man auf Bajonetten nicht sitzen kann: die Aprilrevolte hat in dramatischer
Weise die extrem schwache politische Legitimitaet der amerikanischen
Praesenz im Irak unterstrichen, egal wie erfreut die meisten Iraker ueber
den Sturz Saddam Husseins urspruenglich auch gewesen sein moegen.
Im aussenpolitischen Ausschuss des Senats in Washington DC plaediert
einsam der demokratische Senator Joe Biden fuer einen voelligen politischen
Neubeginn um diesen Geburtsfehler der Nachkriegsentwicklung auszuraeumen.
Um ein weiteres Abgleiten des Zweistromlandes ins Chaos zu verhindern,
verlangt Biden ein Eingestaendnis all dessen, was falsch gemacht wurde,
und
eine echte UNO-Uebergangsverwaltung in Bagdad. An einer solchen
Stabilisierung des Irak, so Biden, muesste auch die arabischen Welt und
die
Europaeische Union ein Interesse haben, schliesslich waere es fuer sie
alle
eine Katastrophe, wenn aus dem Irak des Diktators ein Schlachtfeld
unberechenbarer Gotteskrieger wuerde.
Als unangefochtete Supermacht koennte Amerika einen solchen Schritt
zurueck zweifelsohne verkraften. Fuer die Regierung Bush wuerde damit
aber
das gesamte aussenpolitische Luftschloss der letzten drei Jahre
zusammenbrechen. Wahrscheinlicher ist daher, dass man versuchen wird,
an
der geplanten "Machtuebergabe" an eine neue irakische Fuehrung
am 30.Juni
festzuhalten und sich den Vorgang vielleicht noch durch eine
Sicherheitsratsresolution abstuetzen zu lassen. Nach den Ereignissen der
letzten Wochen wird das sogenannte "Ende des Besatzungsregimes"
allerdings
kaum mehr als eine Farce werden. Irakische "Souveraeinitaet"
ohne
nennenswerte Polizei und ohne handlungsfaehige Streitkraefte waere ein
neues Element in der eigenartigen Scheinwelt, in der sich die amerikanische
Irakpolitik seit Jahren bewegt.
Wie sich diese Scheinwelt, die zur Besessenheit mit inexistenten
irakischen Massenvernichtungswaffen und der Erwartung jubelnder Massen
in
Bagdad gefuehrt hat, in Washington durchgesetzt hat, erklaert ziemlich
schlagend der ehemalige Anti-Terrorchef Richard Clarke, der mit seinen
ungeschminkten Aussagen der Regierung Bush solche Sorgen bereitet. In
seinem Erfahrungsbericht ueber die Antiterrormassnahmen unter vier
amerikanischen Regierungen ("Against All Enemies"), beschreibt
er, wie
ungeheuer schwer es war, die auf zwischenstaatliche Konfrontationen im
Kalten Krieg eingestellte US-Politik auf eine Auseinandersetzung mit
nichtstaatlichen Terroristen vor dem Hintergrund eines
fundamentalistisch-islamischen Kulturkampfes gegen den Westen
vorzubereiten. Noch bei den Antiterrorwarnungen Bill Clintons war die
Oeffentlichkeit jedes Mal ueberzeugt, es handle sich um Ablenkungsmanoever
vom Monica Lewinsky-Skandal. Das aus alten Kalten Kriegern wie Rumsfeld
und Cheney bestehende neue Team um George Bush war 2001 jedoch um vieles
mehr auf feindliche Staaten als Bedrohungspotential fixiert, als zuvor
der
geistig flexiblere Clinton. So fiel die langjaehrige Irak-Besessenheit
der
konservativen "Neokonservativen" nach dem 11.September mit der
Suche
nach einer grundsaetzlich neuen Strategie gegenueber der arabischen Welt
zusammen.
Condoleeza Rice hat den Zusammenhang bei ihrer Aussage vor der
Untersuchungskommission zum 11.September mit bemerkenswerter Offenheit
dargelegt: Praesident Bush sehe den Kampf gegen den Terrorismus nicht
in
der engen Weise als Abfolge von Geheimdienstvorstoessen und
Polizeiaktionen, er strebe nach einer grundsaetzlichen Veraenderung der
Verhaeltnisse in der arabischen Welt. Seine Strategen haben ihm nach dem
Krieg einen prowestlichen und demokratischen Irak versprochen, aus dem
viel Oel ueber amerikanische Konzerne in die ganze Welt fliesst. Keine
Frage, dass eine solche Erfolgsstory ein dauerhafter Schlag gegen den
islamischen Fundamentalismus waere, voellig unabhaengig davon, ob Osama
Bin
Laden und Saddam Hussein auch nur das geringste miteinander zu tun hatten.
Dass die maechtigste Militaermaschinerie der Erde eine derart drehbuchreife
Entwicklung einfach erzwingen kann, daran waren nach Darstellung Richard
Clarkes in einer von militaerischen Allmachtphantasien geblendeten
Fuehrung keine Zweifel erlaubt.
Mit den Aprilunruhen ruft sich unuebersehbar wieder die Wirklichkeit in
Erinnerung. In der amerikanischen politischen Klasse daemmert es langsam,
dass man im Blitzkrieg vor einem Jahr in Wirklichkeit nur ein
hochexplosives Minenfeld erobert hat, das im Verhaeltnis des Westens zur
islamischen Welt alles nur noch viel schlimmer macht. Von der
Teth-Offensive bis zum Ende des Vietnamkrieges vergingen noch 7 Jahre.
Es
ist zu hoffen, dass der Prozess der Selbsterkenntnis diesmal kuerzer
ausfallen wird. Auch im Interesse der restlichen Welt, denn eine
Supermacht, die mit falsch eingestelltem Autopilot fliegt, ist keine sehr
beruhigende Perspektive.
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