Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Fidels Ende, 16.8.2006


Revolutionäre Sinnsprüche sind auf Kuba genauso allgegenwärtig wie Porträts des Staatsheiligen Ernesto "Che" Guevara. Aber Denkmäler für sich selbst hat Fidel Castro in den 48 Jahren seiner Herrschaft streng verboten. Mag sein, dass die Monumente vergangener Caudillos, die so viele Plätze in ganz Lateinamerika zieren, den kubanischen Staatschef allzu sehr an die Vergänglichkeit politischer Macht erinnern. Nun hat mit seinem Rücktritt der revolutionäre Absolutismus auf Kuba sein Ende gefunden. Das auf Veränderungen so wenig eingestellte castristische System muss nun ohne Maximo Líder funktionieren.
Etwas voreilig proklamieren die rechten Exilgruppen in Florida schon den antikommunistischen Volksaufstand. Im State Department in Washington DC wälzt man Krisenpläne für den Fall eines raschen Zusammenbruchs des Regimes, der zu gewaltsamen Zusammenstößen und Flüchtlingsströmen in Richtung USA führen könnte. An die CIA-Kommandos ging die strikte Order, keine Abenteuer über den 145 Kilometer langen Wasserweg nach Havanna zu versuchen. Für die USA bleibt der Umsturz auf der Karibikinsel zwar grundsätzlich das Ziel. Aber mit der Konfliktvermehrung im Mittleren Osten kann Washington im eigenen Hinterhof eine sich in die Länge ziehende Krise gerade jetzt nicht brauchen.
Tatsächlich sind die kubanischen Kommunisten in einer ganz anderen Situation als die osteuropäischen Bürokraten vor 1989. Nicht die Truppen einer fremden Armee haben die antikapitalistische Umwälzung ermöglicht, wie das nach dem Zweiten Weltkrieg in dem von der Roten Armee besetzten Teil Europas der Fall war, sondern eine echte Volksrevolution. Und die Legitimation des Regimes auf Kuba liegt in der Frontstellung gegen den großen Bruder USA. In Lateinamerika ist das Streben nach einer Alternative zum nordamerikanischen Einfluss lebendiger denn je, während in Prag, Budapest oder Berlin am Ende nicht einmal mehr das Politbüro an den offiziellen Marxismus-Leninismus glaubte. Kuba kann auf tatkräftige Unterstützung durch die Linksregierungen in den meisten Hauptstädten des Kontinents zählen.
Klar: die politisch einflussreiche und ökonomisch potente exilkubanische Gemeinde in Miami ist ein nicht zu unterschätzender destabilisierender Faktor. Aber solange der Linkstrend in Lateinamerika anhält und die Hardliner in Washington anderwärtig beschäftigt sind, hat das kubanische Regime mehr Spielraum als in früheren Phasen.
Dagegen zeigt, umgekehrt, die überraschende Schärfe der Auseinandersetzung um die Präsidentschaftswahlen in Mexiko, wie instabil die kapitalistische Demokratie selbst in unmittelbarster Nähe der USA bleibt. Sowohl wirtschaftlich als auch politisch ist das südliche Nachbarland ein Beispiel dafür, wie man sich in Washington eine positive Entwicklung in Lateinamerika vorstellt. Mithilfe der internationalen Finanzinstitutionen und begleitet von einer Öffnung der Grenzen in Richtung Norden dank der Nordamerikanischen Freihandelszone Nafta hatte sich Mexiko rasch vom Finanzkollaps Mitte der Neunzigerjahre erholt. Die mexikanische Währung ist stabil, ausländisches Kapital fließt ins Land. Gleichzeitig gab es einen Demokratisierungsprozess. Die langjährige Staatspartei PRI, die das Land seit dem Ende der mexikanischen Revolution 1920 geführt hat, ist in Auflösung begriffen. Vicente Fox, dem amtierenden konservativen Präsidenten, war es vor sechs Jahren erstmals gelungen, einen Machtwechsel herbeizuführen. An die Stelle der einst öden, gelenkten Medienlandschaft ist die durch die üblichen Fernsehmonopole geschmälerte bunte Vielfalt kleinerer und größerer Presseorgane getreten. Nach der langjährigen Praxis systematischen Wahlbetrugs wurde mit viel Geld eine parteiunabhängige Wahlbehörde gebildet, auf deren professionelles Vorgehen sogar so manche US-Experten voll des Neides blicken.
Aber als die offiziellen Zahlen eine hauchdünne Niederlage des linken Hoffnungsträgers Lopez Obrador anzeigten, kochte die Frustration der von der politischen und sozialen Entwicklung ausgeschlossenen Hälfte der Bevölkerung hoch. Was anfangs wie eine parteipolitisch motivierte Drohgebärde des unterlegenen Kandidaten der Demokratischen Revolutionspartei PRD aussah, nimmt mit Besetzungsinitiativen und Aktionen des zivilen Ungehorsams immer mehr den Charakter einer sozialen Revolution an. Der Ruf nach Neuauszählung ist die einigende Parole, aber dahinter steht die Forderung nach gesellschaftlicher Umverteilung in einer von scharfen sozialen Gegensätzen geprägten Gesellschaft. Wie begründet die Fälschungsvorwürfe Obradors tatsächlich sind, ist dabei nicht einmal so entscheidend. Bei Millionen von Mexikanern schafft ein so knappes Resultat mit einem Vorsprung von 0,6 Prozent für den von Unternehmerverbänden gepushten Kandidaten der Eliten, Felipe Calderon, das Gefühl, dass hier der Status quo für die Besitzenden gerettet werden soll.
In den Straßen von Mexiko City sah man bei linken Protestaktionen zuletzt wieder die bekannte Figur des zapatistischen "Subcomandante Marcos" mit charakteristischer Skimütze, um dessen indianische Guerillabewegung im Bundesstaat Chiapas es ruhig geworden ist. "El Sub" hat sich mit vielen in der mexikanischen Linken überworfen. Aber er findet jedes Mal neue Verbündete, wenn lokale Proteste gewaltsam enden, wie zuletzt in der Stadt Atenco nördlich der Hauptstadt.
An den Bedingungen, die in Lateinamerika gewaltsamen Umstürzen und Revolutionen zugrunde liegen, hat sich wenig geändert. Mit oder ohne dem castristischen Kuba als Vorbild.


 

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